Studie: Millionen Arbeitnehmer leben prekär | Wirtschaft | DW | 24.09.2018
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Arbeitsmarkt

Studie: Millionen Arbeitnehmer leben prekär

Eigentlich sieht es auf dem deutschen Arbeitsmarkt gut aus. Und doch können Millionen Menschen von ihrer Arbeit kaum leben. Ihre Jobs sind schlecht bezahlt und unsicher, ihre Lebensumstände instabil, so eine Studie.

Gut zwölf Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland leben dauerhaft in prekären Umständen. Das ist das Ergebnis einer am Montag vorgestellten, von der gewerkschaftlichen Hans-Böckler-Stiftung geförderten Studie.

Demnach befinden sich rund vier Millionen Menschen über mehrere Jahre in perspektivlosen Jobs mit geringem Einkommen und mangelnder sozialer Absicherung.

Größte Teilgruppe seien Frauen im Haupterwerbsalter, die meistens Kinder hätten. Die zweitgrößte Gruppe besteht aus "Vätern in anhaltend prekärer Lage", denen es selbst bei dauerhafter Erwerbstätigkeit nicht gelingt, "gemeinsam mit der Partnerin die Familie sicher zu versorgen". Das sind 4,3 Prozent der Erwerbstätigen. Weitere 1,3 Prozent entfallen auf junge Männer ohne abgeschlossene Berufsausbildung.

Frauen besonders betroffen

Das Forscherteam um Jutta Allmendinger vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) und Markus Promberger von der Universität Erlangen-Nürnberg macht die unsichere Situation der Menschen nicht nur am Arbeitsverhältnis fest, sondern fragte auch nach Armut, Überschuldung oder Wohnverhältnissen.

Die Daten-Grundlage stammt aus den Jahren 1993 bis 2012. Der Mindestlohn sei für die Betroffenen eminent wichtig, könne aber die Probleme nicht allein lösen, erklären die Forscher. Sie sprachen sich für weitere Umverteilung und strengere Arbeitsmarktregeln aus, etwa zu Befristungen, Leiharbeit und Werkverträgen.

Prekariat: Anteil der Beschäftigten in europäischen Ländern, die einen Niedriglohn erhielten. Infografik

Niedriglöhne im europäischen Vergleich

Arbeiten für wenig Geld

Das Statistische Bundesamt beziffert die Niedriglohnquote für das Jahr 2014 auf 21,4 Prozent der Beschäftigten. Sie verdienten weniger als 10 Euro in der Stunde und damit auch weniger als zwei Drittel des mittleren Stundenlohns. Frauen mussten sich deutlich häufiger (Quote: 27,2 Prozent) mit niedrigen Löhnen zufrieden geben als Männer (15,8 Prozent). Die weiblichen Beschäftigten arbeiten zudem wesentlich häufiger in gering bezahlten (Dienstleistungs-)Berufen und sind in Teilzeit oder geringfügig beschäftigt.

In seiner ebenfalls am Montag vorgestellten Datensammlung zur "Qualität der Arbeit" hat das Statistische Bundesamt nicht nur den großen Niedriglohnsektor, sondern stellt auch dar, dass immer mehr Beschäftigte auch am Wochenende arbeiten und vor allem Führungskräfte überlange Arbeitszeiten haben.

Frauen seltener in Führungspositionen

Unter den Führungskräften ist der weibliche Anteil mit 29,2 Prozent im Jahr 2017 sehr viel geringer und liegt deutlich unter dem Anteil der Frauen an allen Erwerbstätigen (46,5 Prozent). 20 Jahre zuvor war der Frauenanteil am Führungspersonal mit 26,6 Prozent noch geringer. Was Führungskräfte beider Geschlechter gemeinsam haben: Sie arbeiten häufig vergleichsweise lang.

Etwa jeder zehnte (10,7 Prozent) Vollzeit-Erwerbstätige in Deutschland arbeitet regelmäßig mehr als 48 Stunden in der Woche. Bei Männern ist das den Berechnungen zufolge mit 13 Prozent etwa doppelt so häufig der Fall wie bei Frauen (6,3 Prozent). Generell gelte: je älter, desto länger die Arbeitszeiten. Das hänge auch damit zusammen, dass Führungskräfte eher in höheren Altersgruppen zu finden seien, schreibt das Bundesamt.

Viele sind sozialversichert

Positive Aspekte des deutschen Arbeitsmarktes sind unter anderem bei den Sozialversicherungen zu finden. So waren 2017 nahezu alle Beschäftigten krankenversichert, knapp 89 Prozent hätten bei Arbeitslosigkeit Anspruch auf Arbeitslosengeld I und 83,3 Prozent der Erwerbspersonen waren in der gesetzlichen Krankenversicherung.

Im Schnitt nahm 2017 jeder Arbeitnehmer die Rekordzahl von 31,4 Urlaubstagen. Die Fehlzeiten wegen Krankheit nahmen wieder ab auf 10,6 Arbeitstage pro Beschäftigtem.

iw/bea (dpa, epd, Hans-Böckler-Stiftung)

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