Striktes Abtreibungsverbot in Texas entmündigt Frauen | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 05.10.2021
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USA

Striktes Abtreibungsverbot in Texas entmündigt Frauen

Anfang September trat in Texas das strengste Abtreibungsgesetz in den USA in Kraft. Das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch ist nicht bundesweit geregelt. Das Thema spaltet die US-Gesellschaft.

Das kleine Büchlein liegt auf dem Beistelltisch im Büro von Bryan Hughes. "Warum Jesus starb” ist in goldenen Buchstaben auf den Einband geprägt. Wer es öffnet, erblickt das eigene Spiegelbild. Bryan Hughes ist ein gottesfürchtiger Mann, Republikaner, Senator in Texas, und er weiß seinen Glauben politisch zu nutzen. Wer im Kapitol in Austin, der Hauptstadt des Bundesstaates im Südwesten der USA, etwas zu sagen hat, bekommt ein Eckbüro. Hughes hat eines. 

Und es erfüllt die Klischees eines konservativen Politikerzimmers. Die Holzmöbel sind schwer und dunkel, auf dem Teppichboden liegt noch ein zusätzlicher Läufer, der selbst die Absätze von Hughes Cowboystiefeln dämpft. Hinter dem Schreibtisch hängen drei antike Gewehre.

USA | Abtreibungsgesetz in Texas | Büro Senator Hughes

Gediegene Atmosphäre und evangelikale Lektüre: Ein Blick in Senator Bryan Hughes' Büro

Das Moderne ist in die Ecken verbannt. Ein Laptop wird auf dem Boden hinter dem wuchtigen Schreibtisch aufgeladen. Bryan Hughes trinkt gesüßten Eistee aus einem Kristallglas und schiebt hinter fast jede seiner Antworten ein leicht langgezogenes "Ma'am”. Als Südstaaten-Gentleman respektiert Hughes Frauen, glaubt aber auch, sie vor falschen Entscheidungen schützen zu müssen. Mit dem strikten Schwangerschaftsabbruchgesetz, dass der Jurist selbst verfasst hat, tut er aus seiner Sicht genau das.

Ausnahmsloses Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen

Seit dem 1. September gilt in dem Bundesstaat mit fast 30 Millionen Einwohnern der Texas Heartbeat Act, das Herzschlaggesetz. Es verbietet Schwangerschaftsabbrüche ab dem Zeitpunkt, ab dem die Herztöne des Fötus festgestellt werden können. Normalerweise ist das etwa in der sechsten Woche der Fall. Für Schwangerschaften, die durch Vergewaltigung oder Inzest entstanden sind, gibt es keine Ausnahme. Auch darin liegt für Hughes der Schutz der Frauen. "In einer schrecklichen Situation wie einer Vergewaltigung behauptet hoffentlich niemand, dass alles in Ordnung ist, wenn eine Frau abtreibt.” Das würde nur zu noch einem weiteren Trauma führen. Und zu einem weiteren Opfer: dem ungeborenen Kind. 

USA | Abtreibungsgesetz in Texas | Senator Hughes

Zufrieden, "dass das Gesetz bislang funktioniert” - Senator Bryan Hughes

1973 urteilte der Oberste Gerichtshof in der Grundsatzentscheidung Roe v. Wade, dass Abbrüche bis zur 12. Woche uneingeschränkt und bis zur 24. Woche mit Einschränkungen erlaubt sind. Hughes und die anderen konservativen Politiker haben dieses verfassungsmäßige Recht mit einer "Kopfgeldklausel” ausgehebelt. Sie macht es möglich, dass die Einhaltung des Gesetzes nicht bei den Behörden liegt, sondern jede Privatperson einen Verstoß melden kann. Wird die angeklagte Person verurteilt, zahlt sie 10.000 Dollar. Und zwar an denjenigen, der sie verraten hat. Dass gerade auch dieser Teil des Gesetzes im ganzen Land Entsetzen auslöst, berührt Hughes nicht sonderlich. "Wir sind zufrieden, dass das Gesetz bislang funktioniert.” 

Herzschlaggesetz und Kopfgeldklausel

Das Justizministerium der Biden-Regierung hat Klage gegen das Gesetz eingelegt, das sie für verfassungswidrig hält. An diesem Samstag demonstrieren in Washington D.C. Frauen bei einem Women's March für ihr Recht auf eine eigene Entscheidung. Auch der Supreme Court wird sich grundsätzlich mit dem Thema befassen. Anfang Dezember hören die Richter einen ähnlich gelagerten Fall aus Mississippi an. Befürworter hoffen, dass das derzeit mehrheitlich konservativ besetzte Oberste Gericht im Sinne der Pro-Life-Bewegung entscheidet. Auch in Florida, Ohio und anderen Bundesstaaten überlegen republikanische Regierungen, Herzschlaggesetze zu etablieren – und die Kopfgeldklausel zu kopieren. 

Auf dem Weg von Austin nach Houston sind die Autobahnen gesäumt mit biblischen Versprechungen. Auf riesigen Werbetafeln verkünden Megakirchen Hoffnung, Rettung und die WAHRHEIT über Gott. Sie konkurrieren mit Anzeigen für 24-Stunden-Erotik-Kinos und Sexspielzeug einer Intim-Boutique; die Bigotterie amerikanischer Ausfallstraßen. 

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Juristischer Streit um Abtreibungsrecht in Texas

Nicht weit von einer dieser Straßen entfernt wohnt Raquel Fatiuk in einem gediegenen Houstoner Vorort. Die 32-Jährige hat die Traumata erfahren, über die Männer wie Senator Hughes in der Theorie sprechen, und die Entscheidung getroffen, die Frauen in Texas seit einem Monat so gut wie unmöglich gemacht wird. Sie war 22, als sie vergewaltigt wurde. Der Täter hatte ihr etwas in ihren Drink geschüttet, als sie feiern war. Das nächste, woran sich Fatiuk erinnert, ist ein Auto, ein Rücksitz, ein Mann auf ihr und in ihr. Ihr damaliger Freund reagierte auf ihr Trauma damit, dass auch er Sex einforderte. 

Pro-Choice gegen Pro-Life

Fatiuk wird schwanger und entscheidet sich – auch mit psychologischer Hilfe – für einen Abbruch in der achten Woche. "Ich habe die Beziehung und die Schwangerschaft beendet”, sagt sie. "Unter dem neuen Gesetz wäre ich gezwungen worden, das Kind zu bekommen und auf immer mit dem Mann, der mir gegenüber missbräuchlich war, verbunden zu sein.” Seit fünf Monaten ist Fatiuk Mutter, mit ihrem Partner lebt sie in einer stabilen Beziehung. Im Houston Area Women's Center betreut die 32-Jährige Opfer von sexueller Gewalt. Sie hat zu ihrem Leben zurückgefunden. Auch, weil sie eine Wahl hatte. Pro Choice, für eine Wahlfreiheit, so werden in Amerika die Befürworter für das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche genannt. Eine Mehrheit der Bürger ist der Meinung, dass dieses Recht bestehen bleiben sollte.

Doch für die Republikaner sind die knapp 40 Prozent der Bürger entscheidend, die auf der Pro-Life-Seite stehen, denn für viele evangelikale Christen hängt ihre Wahlentscheidung mit davon ab. Ein Kompromiss ist für sie unmöglich. Auch nicht für die achtfache Mutter Holly Scott. Im Januar wird die 41-Jährige zum neunten Mal Mutter. Jedes Leben, ein Geschenk Gottes. Gott ruft sie für die aus ihrer Sicht verzweifelten Frauen an, die hier in Houston zu Planned Parenthood fahren, um eine Schwangerschaft zu beenden. 

USA | Abtreibungsgesetz in Texas | Holly Scott und Kinder

Beten gegen das Recht auf Abtreibung: Mutter Holly Scott mit drei ihrer acht Kinder

Todesdrohungen gegen Ärzte

Vor dem Bürgersteig der Organisation steht Scott mit drei ihrer Söhne und anderen Überzeugten, um zu beten. "40 Days for Life” heißt die Pro-Life-Aktion. Holly Scott glaubt daran, dass eine Alternative und strikte Gesetze die Frauen auf ihren, den richtigen Weg führen können. Neben ihr steht ihr sechsjähriger Sohn und hält ein Schild hocht: "Bete, um Abtreibungen zu beenden.” 

Holly Scotts Protest ist ein gemäßigter – zumindest in Relation. "Hier in Texas hat ja jeder eine Waffe”, sagt Jim Jones. Der Arzt hat schon Todesdrohungen erhalten und Angst, was militante Pro-Life-Anhänger tun könnten, wenn sie online lesen, in welcher Stadt seine Praxis ist und wie er heißt. Jim Jones ist nicht sein richtiger Name. Hinter Mundschutz und OP-Haube scheint die Müdigkeit hervor, aber auch der Wille, nicht aufzugeben. Jones hat noch die Zeiten in den 60ern erlebt, als Frauen aus Verzweiflung zu allem griffen, um eine Schwangerschaft zu beenden. Bleichmittel oder verbiegbare Metallkleiderbügel. "Dahin kehren wir zurück”, sagt er. 

USA | Abtreibungsgesetz in Texas | Jim Jones

Will nicht von Abtreibungsgegnern erkannt werden: Frauenarzt Jim Jones (Name geändert)

Kein Schutz für Mädchen und Teenager

Das neue Gesetz schließt nach Jones' Erfahrung 80 bis 90 Prozent der Frauen aus, die in seine Praxis kommen. Unmenschlich sei das. "Diese Politiker haben genug Kontakte, um jeder Frau in ihrem Umfeld immer einen Abbruch zu ermöglichen, sollte es dazu kommen”, sagt Jones. Doch die meisten seiner Patientinnen haben diesen Luxus nicht. Sie können nicht sieben, acht Stunden fahren, um einen anderen Bundesstaat zu erreichen. Sozial schwächer gestellte und traumatisierte Frauen würden noch mehr benachteiligt, sagt Jones.

"Die Leute sagen, sie sind Pro Life, aber sie sind eigentlich nur Pro Birth.” Für eine Geburt um jeden Preis. Jim Jones könnte ewig von Fällen erzählen, die er alle erlebt hat. Die Belastung ist für jede Frau in jeder Lebenssituation groß. Und dann gibt es die Schicksale, die auch den Mediziner Jones nicht loslassen. Das neunjährige Mädchen, das mit der Mutter kam, geschwängert vom Vater. Oder das Teenager-Mädchen, das jetzt gerade erst in seiner Praxis war. Schwanger in der siebten Woche. Er konnte ihr nicht helfen. "Es gibt keine Worte, um das zu beschreiben”, sagt Jones. Dann schweigt er lange. Einer wie er, der sein Leben lang geholfen hat, der hört wohl nicht auf damit. Doch das bleibt unausgesprochen. Weil es in Texas unsagbar geworden ist

 

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