Streit um Ifflands Nachlass | Kultur | DW | 11.01.2014
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Kultur

Streit um Ifflands Nachlass

Er hat Goethe und Schiller zu Stars gemacht und war der berühmteste Theatermacher Preußens. Jetzt streiten sich ein Antiquariat und die Stadt Berlin um den wieder aufgetauchten Nachlass von August Wilhelm Iffland.

"Deutschland wird in diesem jungen Mann noch einen Meister finden", würdigte ihn einst Friedrich Schiller für seiner Rolle als Franz Moor in "Die Räuber". August Wilhelm Iffland war Preußens berühmtester Schauspieler und Regisseur. Von 1796 bis zu seinem Tod im Jahr 1814 leitete er das Königliche Nationaltheater in Berlin.

Schiller und Goethe schrieben für ihn ihre wichtigsten Stücke. Sein Briefwechsel mit ihnen und anderen Größen dieser Zeit ist für Kunstliebhaber und Experten "ein Kulturgut von nationalem Rang". Lange Zeit galt der Iffland-Nachlass als verschollen. Doch plötzlich sind 6000 Schriftstücke in 34 Bänden wieder aufgetaucht. Für knapp eine halbe Million Euro hatte das Wiener Antiquariat Inlibris das Archiv kürzlich in einem Messekatalog angeboten. Es hatte die Sammlung des Theaterhistorikers Hugo Fetting gekauft.

Nach Gurlitt kommt nun Fetting

Die Schriftstücke befanden sich vermutlich jahrzehntelang in der Wohnung des heute 90-jährigen Fetting in Berlin-Prenzlauer Berg. Eine Privatwohnung und ein alter Mann mit Kunstschätzen - das erinnert an den Fall Gurlitt. Allerdings handelt es sich beim Iffland-Nachlass nicht um NS-Raubkunst. Trotzdem gibt es Parallelen: Auch bei den Iffland-Papieren ist die Rechtslage schwierig. Vor 1945 gehörten die Papiere zum Bestand des damaligen Theatermuseums in Berlin. Heute können jedoch keine Eigentümeransprüche mehr daran nachgewiesen werden.

Gemälde zeigt Goethe, Mitte, mit den Bruedern Humboldt, Wieland, Niebuhr, Schleiermacher, Herder, Gauss, W. von Schlegel, Iffland, Schiller, Klinger, Tieck, Jean Paul, Pestalozzi usw. (Foto: picture-alliance/akg)

In Weimar: Johann Wolfgang von Goethe (Mitte) mit August Wilhelm Iffland (links)


Eigentum an Iffland-Nachlass durch "Ersitzung"?

Hugo Fetting fühlt sich "völlig im Recht als Finder und Eigentümer". Das sagte er in einem Interview gegenüber dem "Tagesspiegel". Er habe die Papiere im Sommer 1953 per Zufall in Trümmern in Berlin gefunden. Dann habe sich über 50 Jahre niemand bei ihm gemeldet. Bei so einer langen Zeit sprechen Juristen von "Ersitzung" von Eigentum. Aber in diesem Fall fällt das aus, denn Eigentum kann nur "ersitzen", wer dieses gutgläubig erworben hat.

"Als Theaterhistoriker wusste Fetting sehr genau, was er da jahrzehntelang in den Händen hatte, und dass es sich dabei um öffentliches Eigentum der Stadt Berlin handelte", sagt Ruth Freydank gegenüber der DW. Sie hat zwölf Jahre über die einst bedeutende Sammlung des ehemaligen Berliner Theatermuseums geforscht, darunter auch über das Iffland-Archiv.


Fetting hat Iffland-Nachlass als Quelle seiner Doktorarbeit genutzt

Alte Bücher

Plötzlich sind 6000 Schriftsücke Ifflands in 34 Bänden wieder aufgetaucht

Hugo Fetting war von den 50er bis in die 70er Jahre Mitarbeiter der Akademie der Künste (AdK) der DDR und hatte 1978 bei seiner Doktorarbeit das Iffland-Archiv als Quelle angegeben. Es scheint sich nur niemand darüber gewundert zu haben.

Die Iffland-Korrespondenz hatte Fetting 2010 der Berliner Akademie der Künste angeboten. Doch die hatte abgelehnt. "Wir waren bereit, ihm einen Finderlohn zu zahlen, aber nicht mehr", sagt Archivdirektor Wolfgang Trautwein. 2013 verkaufte Hugo Fetting schließlich die Papiere an das Antiquariat Inlibris in Wien. "Mein Mandant hat die Sammlung gekauft und ist seitdem Eigentümer", sagt die Anwältin des Antiquariats, Ingrid Schwarzinger. Inlibris sei in Besitz gekommen, aber mit Blick auf die Vorgeschichte keinesfalls der Eigentümer, entgegnet der Kunstrechtsexperte Nicolai Kemle.


Hat die AdK dem Antiquariat die Eigentumsrechte übertragen?

Der Geschäftsführer des Wiener Antiquariats, Hugo Wetscherek, hat sich nach dem Erwerb des Iffland-Nachlasses und weiteren Dokumenten aus der vermeintlichen Privatsammlung Fetting mit der AdK in Verbindung gesetzt. Beide Seiten einigten sich über die Teile der Sammlung, die einst in Akademiebesitz waren. Für die Iffland-Korrespondenz sollen beide Parteien eine Vereinbarung unterzeichnet haben, in der die AdK das Eigentumsrecht von Inlibris an der Aktensammlung unter Iffland anerkennt. "Das ist eine sehr unglückliche Formulierung", so Wolfgang Trautwein von der AdK. Hat das Land Berlin durch diese Vereinbarung etwa seinen Eigentumsanspruch am Iffland-Nachlass verspielt?

"Wenn es diese Formulierung tatsächlich so in der Vereinbarung gibt, dann ist Inlibris tatsächlich Eigentümer und kann mit dem Nachlass machen, was es will", so Rechtsanwalt Kemle. Im Moment scheint eine außergerichtliche Einigung eine Lösung für alle Beteiligten zu sein. Doch Hugo Wetscherek ist auf Berlin im Moment nicht gut zu sprechen. Am Mittwoch sei ein Unterhändler bei ihm im Büro vorbeigekommen, der ihm für den Iffland-Nachlass einen Finderlohn anbieten wollte. "Ich bin der AdK in der Vereinbarung entgegengekommen, den Nachlass abzugeben und dafür die Eigentumsrechte zu erhalten. Jetzt will sich aber niemand mehr an diese Vereinbarung erinnern", so Wetscherek.


Iffland-Nachlass zu nationalem Kulturgut erklären

Es lässt sich im Moment nur vermuten, dass der ursprünglich veranschlagte Verkaufspreis von 450.000 Euro für eine außergerichtliche Lösung nicht mehr ausreichen wird. Kunstrechtsexperte Nicolai Kemle wirft aber im Interview mit der DW noch eine andere Idee in die Waagschale, um die verschlungene Rechtlage zu lösen: "Man könnte den Iffland-Nachlass zum nationalen Kulturgut erklären lassen, dann darf er Deutschland nicht mehr verlassen." Die neue Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat sich dem schon angeschlossen. Sie begreift den Iffland-Schatz als "nationales Kulturgut". So stehen die Chancen für eine Rückführung aus Wien möglicherweise also nicht schlecht.

Das Antiquariat Inlibris hat die Papiere erst einmal vom Markt genommen. Die Geschichte um den Iffland-Nachlass ist jedoch noch nicht zu Ende: Es könnte sein, dass bald noch die Korrespondenz Ifflands mit Goethe und Schiller auftaucht - das wäre das i-Tüpfelchen auf dem Streit. Bis auf einen Goethe-Brief war diese in den 34 Bänden nämlich nicht enthalten.

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