Streit um ein Wort - Kein Anschluss unter dieser Nummer! | Europa | DW | 05.12.2018
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Rumänien

Streit um ein Wort - Kein Anschluss unter dieser Nummer!

In Rumänien lässt eine Meldung der Deutschen Presseagentur (DPA) Volkes Seele kochen. Es geht um die Verwendung des Begriffs "Anschluss" im Zusammenhang mit der rumänischen Geschichte. Eine Analyse von Robert Schwartz.

Ein kurzer Blick in den Duden bringt schnell Aufklärung: der Begriff "Anschluss" hat über 20 Deutungen. Auch wenn sich heute im deutschen Sprachraum diese Vokabel mit den dazu gehörigen Anführungszeichen auf Hitlers Einmarsch in Österreich 1938 bezieht, erscheint sie immer wieder in Texten zu anderen historischen Ereignissen. Und mit einer anderen Bedeutung.

Am 1. Dezember hat Rumänien das 100-jährige Bestehen des modernen rumänischen Staates gefeiert. Nach Ende des Ersten Weltkriegs war die Angliederung Siebenbürgens/Transsilvaniens an das Rumänische Königreich beschlossen und vollzogen worden. Das war Anlass für die Deutsche Presseagentur (DPA), einen Bericht zu veröffentlichen, der so begann:

"Mit mehreren Militärparaden hat Rumänien am Samstag den 100. Jahrestag des Anschlusses der vormals ungarischen Provinz Siebenbürgen gefeiert."

Protestnote Rumäniens an deutsche Medien

Das Königreich Rumänien gehörte im Ersten Weltkrieg auf Seiten der Entente zu den Siegermächten. Der Traum der rumänischen Mehrheitsbevölkerung im damals ungarischen Siebenbürgen von einer Vereinigung mit Rumänien fand in den Friedensverträgen seinen Niederschlag. Es entstand das neue Großrumänien unter Einschluss Siebenbürgens, eines Teils des Banats und weiterer Teile des vormals österreichisch-ungarischen Kaiserreichs.

Im Bericht der DPA anlässlich der 100-Jahr-Feier in Rumänien wird der Begriff "Anschluss" mehrmals im Kontext der damaligen historischen Gegebenheiten erwähnt. Der Bericht wurde von mehreren deutschsprachigen Medien, unter anderen vom öffentlich-rechtlichen TV-Sender ZDF übernommen. Grund genug, um rumänische Offizielle zu einer Protestnote zu verleiten. In einem Brief des rumänischen Botschafters in Berlin an den DPA-Chef wird von einem schweren Fehler gesprochen und entschieden eine Korrektur gefordert.

Auch das rumänische Außenministerium verlangte die sofortige Richtigstellung des "tendenziösen" Artikels. Vertreter der national-populistischen Medien in Rumänien verstiegen sich in abstruse Vergleiche, sprachen von schweren diplomatischen Verstimmungen zwischen Bukarest und Berlin und forderten den deutschstämmigen Staatspräsidenten Klaus Iohannis auf, nicht länger vor der Bundeskanzlerin Angela Merkel zu "dienern", sondern sie zur Rechenschaft zu ziehen.

Pariser Friedenskonferenz 1919 (picture-alliance / akg-images)

Pariser Friedenskonferenz, Hotel Trianon Palace, 1919

"Anschluss" oder "Beitritt"

In einer Stellungnahme auf Facebook distanzierte sich auch die deutsche Botschaft von der DPA-Formulierung. Darin wird an die politische Vereinigung mehrerer Regionen, darunter auch Siebenbürgens, mit dem Rumänischen Königreich erinnert. Öffentliche Berichte, die dem Verständnis dieses historischen Aktes widersprächen oder zu Fehldeutungen führen könnten, entsprächen nicht der Sichtweise der Bundesregierung, heißt es in der Erklärung. Deshalb habe man DPA und ZDF aufgefordert, die beanstandeten Passagen zu korrigieren.

Was das öffentlich-rechtliche ZDF am 4.12. auch getan hat und "Anschluss" durch "Beitritt" ersetzt hat. Ein Begriff, der historisch und juristisch im Kontext des Jahres 1918 schlichtweg falsch ist. Auch von der unabhängigen Deutschen Presseagentur wurde eine Korrektur nachgeliefert. Die neue Begrifflichkeit heißt nun "Zugehörigkeit". Eine hundertjährige Zugehörigkeit Siebenbürgens zu Rumänien? Auch diese "Verschlimmbesserung" dürfte Kritik nach sich ziehen.

Nicht nur im rumänischen Protochronismus unter dem kommunistischen Diktator Ceausescu wird von der jahrtausendealten Zugehörigkeit dieses Landstrichs zu den unterschiedlichsten rumänischen Verwaltungsformen gesprochen. Daher auch die offiziell vertretene Ansicht der "Wiedervereinigung" Siebenbürgens mit Rumänien vor 100 Jahren.

Eine Rückbesinnung an die Weisheit des "Alten Fritz" (Preußenkönig im 18. Jahrhundert) wäre sicherlich nicht falsch gewesen: tiefer hängen! Die Reaktionen waren übereilt und überspitzt. Aber: Geschichte liest man immer auch mit dem Herzen.

Das rumänisch-ungarische Verhältnis ist - wie im Bericht der DPA geschildert - auch heute noch von Spannungen und Ängsten bestimmt. So hat Ungarns rechtsnationale Regierung ihren Diplomaten verboten, an den nationalen Feierlichkeiten Rumäniens am 1. Dezember teilzunehmen. Auch die Spitzenvertreter der ungarischen Minderheit in Rumänien haben sich dieser Anweisung aus Budapest angeschlossen.

Rumänien ungarische Minderheit (Reuters)

Ungarische Minderheit in Rumänien feiert den Nationalfeiertag Ungarns (15. März)

Formulierungshilfe im rumänischen Amtsblatt von 1918 

Auf der anderen Seite hegen viele Rumänen die Befürchtung, dass die ungarische Minderheit in Siebenbürgen nichts anderes im Sinn habe, als eine Abspaltung von Rumänien und einen Anschluss an Ungarn.

Wer den Begriff "Anschluss" im historischen Kontext der Vereinigung von 1918 und der heutigen EU-Mitgliedschaft Ungarns und Rumäniens mit "Annexion" übersetzt, kann sich selbst dem Vorwurf einer "tendenziösen" Deutung nur schwer entziehen. Dass vor hundert Jahren im rumänischen Amtsblatt veröffentlichte Gesetz 3613/1918 zur Vereinigung spricht bereits im Titel von "alipire", also von der "Angliederung", vom "Anschluss" Siebenbürgens an das Rumänische Königreich. Der Begriff "alipire" erscheint in diesem Zusammenhang häufig in historischen Schriften und Presseberichten.

Eine Geschichtskultur ohne Rücksicht auf die Befindlichkeiten eines Individuums, einer Gruppe oder der Gesamtgesellschaft ist immer problematisch. Sicherlich wäre der beanstandete Bericht über jeden Vorwurf erhaben, wenn außer dem Begriff "Anschluss", der gleich mehrmals erscheint, einmal auch "politische Vereinigung" gestanden hätte.

Aber übereilte politische Einflussnahme auf freie und korrekte Berichterstattung aus Furcht vor einer möglichen unfreundlichen oder gar arglistigen Deutung muss entschieden abgelehnt werden. Für überzogene Reaktionen der Politik auf Medienberichte darf nur eine Ansage gelten: Kein Anschluss unter dieser Nummer!

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