Stichwort: Reparationszahlungen an Griechenland | Europa | DW | 10.10.2018
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Streit um Geld

Stichwort: Reparationszahlungen an Griechenland

Griechenland schuldet Deutschland Milliarden. Oder umgekehrt? Auch mehr als 70 Jahre nach Kriegsende streiten Athen und Berlin über Kosten aus der Zeit der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg.

Nach dem Überfall auf Griechenland weht im Mai 1941 die Hakenkreuzflagge über der Akropolis in Athen. Bis 1944 hält die Wehrmacht das Land besetzt. In dieser Zeit mordet und plündert Nazi-Deutschland auf der gesamten Balkanhalbinsel. Die wirtschaftlichen Schäden von Krieg und Besatzung sorgen bis heute für Streit.

Eine Experten-Kommission des griechischen Parlaments bezifferte den Umfang der Kriegsschäden 2015 auf mindestens 289 Milliarden Euro. Die deutsche Regierung hat solche Forderungen stets zurückgewiesen - die griechischen Ansprüche seien durch frühere Entschädigungen abgegolten. Das Thema belastet seit Jahrzehnten die Beziehungen, weil in Athen immer wieder gefordert wird, Deutschland müsse zahlen.

Zwangsanleihe des Besatzungsregimes

Zum einen geht es um direkte Kriegsschäden, beispielsweise durch Plünderungen, Mord und Zerstörung. An Opfer von NS-Verbrechen in Griechenland zahlte die Bundesrepublik 115 Millionen DM – laut einem Vertrag von 1960 sollte dies alle Forderungen auf individuellen Schadenersatz abdecken.

Deutsche Soldaten plündern ein Geschäft während der Besatzungszeit in Griechenland (Photo: cc-by-sa/Bundesarchiv/Bauer)

Deutsche Soldaten plündern ein Geschäft während der Besatzungszeit in Griechenland

Zur Debatte steht jedoch auch eine staatliche Zwangsanleihe. Das Deutsche Reich zwang die griechische Nationalbank 1942 zu einem zinslosen Darlehen in Höhe von 476 Millionen Reichsmark. Mit dem Geld finanzierten die Nazis offiziell ihre "Besatzungskosten" in Griechenland. Zurückgezahlt wurde dieses Geld nicht. Eine griechische Expertenkommission ist deshalb der Meinung, Deutschland schulde Griechenland noch rund elf Milliarden Euro. 

Frieden ohne Vertrag?

Die deutsche Regierung hält die Frage nach Reparationszahlungen jedoch für abschließend beantwortet. Eine erste Konferenz dazu fand bereits im Herbst 1945 in Paris statt. Dabei wurde den Griechen ein prozentualer Anteil an den deutschen Reparationsleistungen für den Zweiten Weltkrieg zugesprochen. Griechenland erhielt Sachleistungen im heutigen Gesamtwert von bis zu zwei Milliarden Euro.

Thessaloniki International Trade Fair (picture-alliance/AP Photo/G. Papanikos)

Für Griechenlands Premier Tsipras ist es "historische Pflicht", Entschädigungen einzufordern

Im Londoner Schuldenabkommen von 1953 verschoben die Westmächte die Regelung weiterer Reparationsforderungen schließlich bis zum Abschluss eines Friedensvertrages. Zudem gewährten sie Deutschland insgesamt einen Schuldennachlass. Zu einem offiziellen Friedensvertrag zwischen Deutschland und den Kriegsgegnern kam es jedoch nie. Stattdessen trat 1990 das so genannte "Zwei-plus-Vier-Abkommen" zur deutschen Einheit mit den vier Siegermächten in Kraft, das auch von Griechenland anerkannt wurde und keine weiteren Reparationszahlungen vorsieht.

Neue Schulden, neue Brisanz

Das Thema Reparationen hatte in Griechenland mit dem Ausbruch der Schuldenkrise 2010 an Brisanz gewonnen. Athen musste die EU um Hilfe bitten, um einen Staatsbankrott abzuwehren. Insgesamt wurden Kredite in Höhe von rund 274 Milliarden Euro gewährt, darunter mindestens 55 Milliarden Euro aus Deutschland. Einige Politiker halten es für denkbar, dass ein Teil dieser Schulden mit Reparationsforderungen verrechnet werden könnte. Neue Verhandlungen über Reparationen halten die meisten Experten mehr als 70 Jahre nach Kriegsende für ausgeschlossen.