Sport ohne Politik: Unvorstellbar? | Sport | DW | 29.10.2013
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Sport

Sport ohne Politik: Unvorstellbar?

Geopolitisches Ansehen bekommt man durch kluge diplomatische Entscheidungen und wirtschaftliche oder kulturelle Fortschritte. Auch der Sport ist in vielen osteuropäischen Ländern ein beliebtes Mittel zum Zweck.

Um ihr internationales Ansehen zu verbessern, versuchen viele Staatschefs in Osteuropa die größten Sportfeste ins Land zu holen und ihre Sportler so zu fördern, dass sie auf internationaler Ebene ihr Bestes zeigen können und Titel und Medaillen für ihr Land gewinnen. Wie tief ist die Politik in diesen Ländern im Sport verwurzelt? Und: Wessen Interessen werden dabei verfolgt?

Weißrussland - Diktatur auch im Sport

In dem Land, das sich geographisch in Europa und politisch aber in einem autoritären System befindet, ist der oberste Sportsfreund Präsident Alexander Lukaschenko. Der letzte Diktator Europas hat eine große Vorliebe für Eishockey. Nach seinen Anweisungen werden überall im Land Eissporthallen errichtet. Dabei stehen die Arenen oftmals leer, weil die Einwohner andere Bedürfnisse oder Interesse haben, als den Lieblingssport ihres Präsidenten. Seine Idee ist auch, dass die Sportvereine rentabel und unabhängig sein sollen. Aber während Fußball in Weißrussland zahlreiche Anhänger hat und die Fußballvereine für einen guten Start in die finanzielle Unabhängigkeit zumindest eine bessere Infrastruktur bräuchten, wird das Eishockey vom Präsidenten bevorzugt. Das Volk fragt man nicht.

"Der Präsident benennt auch die Sportföderationschefs, und die haben immer Angst vor ihm. Das sind entweder Beamte, Leiter einer Bank oder andere wichtige Menschen", erzählt Sergey Shchurko, Journalist der angesehenen weißrussischen Sportzeitung "Pressball".

Der Präsident Weißrußlands, Alexander Lukaschenko, stellt seine Eishockey-Fähigkeiten unter Beweis.

Alexander Lukaschenko ist großer Eishockey-Fan und greift selbst gern zum Schläger

Wenn die weißrussischen Sportler Pech haben, finden sie seitens des Staatsoberhaupts keine Unterstützung. "Lukaschenko ist immer ehrlich, wenn er die Sportler öffentlich kritisiert. Er will, dass Weißrussland sich auf der Weltebene etabliert, hat aber keine triftige Lösung", behauptet Shchurko. "Die staatlichen Stipendien für die jungen begabten Sportler wurden nun auf 30 bis 40 Prozent reduziert. Die ihnen versprochenen neuen Wohnungen haben die Olympia-Sieger nach London-2012 nicht bekommen. Kein Wunder, dass unsere Sportler immer öfter in Richtung anderer Länder gucken. Die können ihnen bessere Bedingungen anbieten."

Russland - Großereignisse um jeden Preis

In Russland werden sportliche Leistungen auf höchster Ebene unterstützt. Präsident Wladimir Putin stellt sich in den Medien selbst immer als Fitness- und Sportheld dar. Judo, Eishockey und Skifahren gehören zu seinen bevorzugten Sportarten, außerdem reitet er gerne und bezwingt beim Rafting die wilden Bergflüsse seiner russischen Heimat. "Es ist den halbautoritären Regimen eigen, dass das Staatsoberhaupt immer seine perfekten physischen Kräfte demonstriert", meint Wadim Karasjow, der Leiter des ukrainischen Instituts für Globale Strategien. "Sport als Kindertraum, als Hobby bildet das positive Image und zeigt den Politiker als starke, willige Persönlichkeit. Und er bringt natürlich neue Anhänger. Die Erfolge im Sport und die Ausrichtung der globalen Sport-Großereignisse sollen nach außen hin stärker wirken."

Der russische Präsident Wladimir Putin beim Judo-Training (Foto: Alexsey Druginyn)

Russlands starker Mann - Wladimir Putin beim öffentlichen Judo-Training

Die Universiade 2012, die Olympischen Winterspiele 2014 und die Fußball-WM 2018 hat sich Russland gesichert. Alle diese großen Sportereignisse sollen das Bild des Landes in der Welt verbessern. Voller Begeisterung waren die Einwohner der Russischen Föderation, als Sotschi 2007 den Zuschlag für die Winterspiele von 2014 erhielt. Heute, sechs Jahre später, sind die pessimistischen Stimmen deutlicher zu hören als damals. Die erfolgreiche Durchführung der Winter-Olympiade in subtropischer Klimazone wird kompliziert. Das Budget der Spiele ist bereits dreifach höher als ursprünglich geplant - in einem unabhängigen Expertenbericht der demokratischen Oppositionspolitiker Boris Nemtsov und Leonid Martynyuk werden Gesamtkosten von mehr als 950 Milliarden Rubel (ca. 30 Milliarden Euro) genannt. Zum Vergleich: Die letzten Winterspiele in Vancouver kosteten rund 5,5 Milliarden Euro.

Dazu schwebt die Boykott-Frage im Raum wegen des Anti-Homosexuellen-Gesetzes und die Verzweiflung der Naturschützer, die die Beschädigung der einzigartigen kaukasischen Landschaft anprangern. Der russische Staat stört sich an solchen Vorwürfe nicht. Für die Großartigkeit der Spiele nimmt man solche Kollateralschäden in Kauf.

Ukraine - Kaum positive Effekte

Die Fußball-EM 2012 sollte der Ukraine ein neues Image in der Welt geben. Aber die Verhaftung von der ehemaligen Ministerpräsidentin Julia Timoschenko ließ das Fußballmärchen nicht völlig märchenhaft werden. Die fröhlichen Fans aus ganz Europa störte das kaum: Sie feierten ausgelassen auf den Straßen und genossen das günstige und leckere Bier. Auf der internationalen Ebene aber hat man sich größere positive Effekte durch das Turnier erhofft.

Ukrainische Fans bei der Fußball-EM schauen enttäuscht (Foto: Vitaliy Belousov/RIA Novosti)

Die Fußball-EM 2012 hat der Ukraine nicht den erhofften Schub gebracht

"Sport soll unpolitisch bleiben", meint die ehemalige ukrainische Schwimmerin Jana Klotschkowa, die 2000 in Sydney zweimal Olympia-Gold gewann. "Natürlich soll sich der Staat um die Entwicklung und Popularisierung verschiedener Sportarten im Land kümmern. Mehr Einmischung soll nicht sein. Aber wenn die staatlichen Institutionen als Geldspender dienen, dürfen sie auch gute Leistungen von den Sportlern einfordern."

Die erfolgreichste Fußballvereine der Ukraine - Schachtjor Donezk, Dynamo Kiew, Metalist Charkiw und Dnipro Dnipropetrowsk - werden durch private Mittel politisch engagierter Geschäftsleute finanziert. HC Donbass, der einzige ukrainische Eishockeyclub, in der KHL (Kontinentale Hockey-Liga), ist im Besitz des Geschäftsmanns Boris Kolesnikow, der auch stellvertretender Ministerpräsident der Ukraine ist.

Andere Sportarten neben Fußball und Eishockey genießen kein großes Interesse seitens der Fans und Investoren. Aber wie sollen sie sich ohne dieses Interesse entwickeln? "Die Verantwortung liegt bei allen", sagt Klotschkowa, die von 2011 bis 2012 die Kiewer Abteilung des ukrainischen NOK leitete. "Der Staat soll auf die Interessen der Sportler und Investoren eingehen, die Trainer mit vollem Einsatz trainieren, und die Sportler sich vorbereiten. Dann kommen die internationalen Erfolge ganz von selbst."

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