Spitzenfußball, Spitzenpreise | Wirtschaft | DW | 29.10.2013
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Wirtschaft

Spitzenfußball, Spitzenpreise

Fluggesellschaften und Hoteliers wittern für die Fußballweltmeisterschaft 2014 das große Geschäft. Sie haben ihre Preise schon jetzt kräftig angehoben. Für anreisende Fans wird die WM ein teures Vergnügen.

Einheimische und ausländische Fußballfans, die nächstes Jahr die Fußballweltmeisterschaft in Brasilien erleben wollen, müssen tief in die Tasche greifen. Allein bei den Flugpreisen müssen sie mit Preissteigerungen von über 500 Prozent rechnen. So ist ein für Anfang November 2013 geplanter Flug von São Paulo nach Belo Horizonte für umgerechnet knapp 104 Euro zu haben. Am 14. Juni 2014 hingegen, an dem in Belo Horizonte das erste Spiel stattfindet, muss man für dieselbe Strecke fast 570 Euro auf den Tisch legen.

Viele der erwarteten 600.000 ausländischen und drei Millionen einheimischen Besucher der Spiele werden die gewaltigen Distanzen zwischen den einzelnen Spielstätten mit dem Flugzeug zurücklegen. Die Nachfrage ist gewaltig und treibt die Preise schon jetzt in die Höhe - was der Regierung einige Sorgen bereitet. Sie fürchtet, das Land könne das Image eines "teuren" Reiseziels bekommen. Das würde es nach der WM dann nicht mehr so einfach los. Ein eigens gegründetes Komitee soll darum Gespräche mit Vertretern der brasilianischen Fluggesellschaften, des Gaststättenverbandes, der FIFA und der von ihr beauftragten Serviceagentur "Match" führen.

Preissteigerungen so nicht annehmbar

Brasilianer demonstrieren gegen die WM 2014. Ein mekrwürdiges Land: Keine Schulen, dafür Stadien, steht auf ihrem Plakat, 20.06. 13 (Foto: Copyright: DW/Ericka de Sá)

Keine Schulen, dafür Stadien: Proteste gegen die WM in Brasilien

"Wir sind ernsthaft besorgt und stehen derzeit in Verhandlungen mit den vielen Verantwortlichen", erklärt Flávio Dino, Präsident der staatlichen brasilianischen Tourismusbehörde Embratur. "Es kommt darauf an, dass das Angebot mit der enormen Nachfrage Schritt hält", erklärt er in einem Gespräch mit internationalen Medienvertretern. Zugleich droht er den Fluggesellschaften mit politischen Gegenmaßnahmen. Sollten diese ihre Preise nicht senken, könne die Regierung den Luftraum während der Weltmeisterschaft auch für die ausländische Konkurrenz öffnen.

Auch für den Luftverkehrsexperten und Generaldirektor der Hochschule für Werbung und Marketing in São Paulo (ESPM), Richard Lucht, sind die von den Fluggesellschaften betriebenen Preissteigerungen überzogen. Zwar stiegen Preise bei hoher Nachfrage grundsätzlich an. "Aber die momentanen Steigerungen übertreffen alle Erwartungen. Selbst angesichts eines Großereignisses wie der WM sind sie überraschend."

Luftfahrtunternehmen in der Defensive

Den Luftraum internationalen Fluggesellschaften zu öffnen, hält er dennoch nicht für sinnvoll. Werde ein solches Projekt nicht angemessen vorbereitet, hätte am Ende niemand etwas davon. "Außerdem ist fraglich, ob die internationalen Flughäfen von São Paulo und Brasília überhaupt Kapazitäten für weitere Starts und Landungen haben."

Die Spielorte der WM 2014 in Brasilien

Die Spielorte der WM 2014 in Brasilien

Der Verband brasilianischer Fluggesellschaft ABEAR, dem die vier größten Flugunternehmen des Landes angehören, begründet die hohen Preise während der WM mit dem ungleichen Verhältnis von Angebot und Nachfrage. Dieses treibe die Tarife über das sonst übliche Maß. Zugleich sprach sich der Verband dagegen aus, den Luftraum für ausländische Gesellschaften zu öffnen: "Das stünde unserer Ansicht nach in Widerspruch zu den Gepflogenheiten weltweit. Der Vorschlag hat keine Chance."

Auch Hotelpreise steigen

Nicht nur für Flugreisen auch für Unterkünfte werden die Fußballfans während der WM tiefer in die Tasche greifen müssen. Wer etwa in einem Drei-Sterne-Hotel in Porto Alegre unterkommen will, um am 15. Juni das erste Spiel der Vorrunde zu erleben, muss mit einem Übernachtungspreis von umgerechnet 359 Euro rechnen - derzeit sind es 64 Euro.

Zwischen 40 und 50 Prozent der Hotelbetten in den 12 Austragungsorten der WM werden von der Schweizer Agentur Match zusammen mit den Eintrittskarten als Gesamtpaket vermarktet. Die andere Hälfte kommt über Tourismusagenturen und ausgesuchte Internet-Anbieter auf den Markt.

Das WM-Stadion in Pernambuco, Mai 2013. (Pressebild von der offiziellen WM Seite der brasilianischen Regierung)

Groß, aber nicht offen für jeden: Das WM-Stadion in Pernambuco

"Match hat Verträge mit 740 Hotels geschlossen", sagt Enrico Fermi Fontes, Präsident des brasilianischen Hotelverbandes ABIH. Voraussetzung sei, dass die Hoteliers die von Match vorgeschlagenen Preisobergrenzen einhielten. "Wer sie nicht akzeptiert, kann keinen Vertrag abschließen."

Im Gegensatz zu den festgelegten, aber nicht veröffentlichten Preisen der Schweizer Agentur Match können Hotels und Internetanbieter ihre Preise selbst gestalten. Der Regulierungsmechanismus ist laut Enrico Ferni Fontes einfach: "Wenn ich zu einem bestimmten Preis anbiete und niemand kauft, dann muss ich meinen Preis eben senken."

"Ereignis für wenige, nicht für viele"

Die brasilianische Regierung kündigte derweil an, gegen Match wegen des Verdachts von Kartellbildung und Preisabsprachen ermitteln zu wollen.

Dennoch: Nach Ansicht von ABIH-Präsident Fermi Fontes hat die WM ihren Charakter als gesellschaftliches Ereignis verloren. "Es ist ein Ereignis für wenige, nicht für viele. Es ist kein Ereignis, zu dem die Bevölkerung ungehinderten und einfachen Zutritt hat. Das war weder in Afrika noch in Deutschland oder sonst wo der Fall."

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