Spießerschreck und Lieblingsheldin: Pippi Langstrumpf wird 75 | Bücher | DW | 20.05.2020
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Kinderbuch

Spießerschreck und Lieblingsheldin: Pippi Langstrumpf wird 75

Pippi Langstrumpf feiert Geburtstag. Warum bewundern alle das stärkste, mutigste und unabhängigste Mädchen der Welt? Ein Kinderbuchklassiker gibt Antworten.

"Gestatten: Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf!" Wenn Pippi ihren vollen Namen aufsagt, kann das dauern. Das ist nicht nur im Deutschen so, sondern in jeder der 70 Sprachen, in die Pippis Abenteuer bis heute übersetzt wurden. In Deutschland allerdings, sagt ihr Hamburger Verlag Oetinger, ist Pippi bis heute besonders beliebt. Rund 8,6 Millionen Pippi-Bücher gingen hier seit 1949 über den Ladentisch - von rund 70 Millionen weltweit.

Es war im Schweden des Jahres 1941, als Astrid Lindgren am Krankenbett ihrer kleinen Tochter Karin saß und diese vorschlug, die Mutter möge doch von …"Pippi Langstrumpf" erzählen, der Name fiel dem Mädchen spontan ein. Also begann Astrid Lindgren zu erzählen. Sie erfand und erzählte - von dem kleinen Mädchen mit den frech abstehenden roten Zöpfen, dessen Mutter ein Engel und dessen Vater ein Südseekönig ist und das - abgesehen von dem Affen Herrn Nilsson und dem Pferd - ganz allein in der Villa Kunterbunt lebt. Drei Jahre später schrieb Astrid Lindgren Pippis Geschichten auf und schickte sie an einen Verlag, angeblich mit den Worten: "In der Hoffnung, dass Sie nicht das Jugendamt alarmieren." Die Absage kam prompt.

Vom Streitobjekt zur Kultfigur

Als 1945 der Verlag Rabén & Sjögren einen Kinderbuch-Wettbewerb ausschrieb, schickte Astrid Lindgren das leicht abgeänderte Pippi-Manuskript ein und gewann den ersten Preis. Weihnachten 1945 erschien "Pippi Langstrumpf" dann - und es sollte ein Kinderbuchklassiker werden.

Schweden Astrid Lindgren mit Pippi Langstrumpf Buch Pippi in Taka-Tuka-Land (picture-alliance/dpa/B. Ericson)

Astrid Lindgren 1995 mit ihrem Bestseller "Pippi in Taka-Tuka-Land"

Doch bevor es dazu kam, geriet Pippi zum Streitobjekt, zumindest unter Erwachsenen. Kritiker führten ins Feld, dass diese Neunjährige mit der Stärke einer Riesin, die allein in der Villa Kunterbunt wohnt und tun und lassen darf, was sie will, zu einem schlechten Vorbild für Kinder werden könnte. Außerdem sei die Sprache schlampig und vulgär und das Buch demoralisierend. "Kein normales Kind isst eine ganze Sahnetorte auf oder geht barfuß auf Zucker", schrieb der geachtete Professor John Landquist in der schwedischen Zeitung "Aftonbladet". Und: "Beides erinnert an die Phantasie eines Irren." Er bescheinigte Astrid Lindgren, sie sei ohne Talent und unkultiviert und Pippi anormal und krankhaft.

Keine Langeweile mit Pippi

Doch Pippis Beliebtheit, besonders bei Kindern, gab ihrer Schöpferin recht. Ihre Geschichten aus Bullerbü, von Alltagshelden wie Kalle Blomquist, Karlsson vom Dach und Michel aus Lönneberga, machten die Schwedin Astrid Anna Emilia Lindgren zu der bis heute bekanntesten Kinder- und Jugendbuchautorin der Welt. Ihre Werke erschienen in 106 verschiedenen Sprachen mit einer Gesamtauflage von 165 Millionen Büchern. Bevor Astrid Lindgren 2002 im Alter von 95 Jahren starb, entstanden allein in Schweden mehr als 40 Filme mit sieben verschiedenen Pippi-Darstellerinnen. Als literarische Figur wird Pippi Langstrumpf in diesen Tagen 75 Jahre alt.

Doch was finden die Menschen an dem in jeder Hinsicht ungewöhnlichen Mädchen? Seit Pippi in die Villa Kunterbunt eingezogen ist, haben auch die Nachbarskinder Annika und Thomas keine Langeweile mehr. Denn mit Pippi kann man ganz wunderbar spielen, zum Beispiel "Sachensucher". Was das ist, erklärt Pippi ihren Freunden so: "Jemand, der Sachen findet, wisst ihr? Was soll es anderes sein? Die ganze Welt ist voll von Sachen, und es ist wirklich nötig, dass jemand sie findet. Und das gerade, das tun die Sachensucher." In die Schule geht Pippi nicht, denn - mal ehrlich - "wer braucht schon Plutimikation?"

Pippis Villa Kunterbunt | Illustration von Ingrid Vang Nyman (Astrid Lindgren Company)

Die Villa Kunterbunt

Emanzipiertes Rollenbild

"Pippi Langstrumpf ist eine wahre Kinderheldin", analysiert der Münsteraner Psychologie-Professor Alfred Gebert, "vor allem Mädchen können sich mit ihr identifizieren." Denn Pippi ist stark, frech und hilfsbereit. Sie lebt allein in einer großen Villa, geht nicht zur Schule und kann trotzdem alles erreichen, was sie will. Pippi kommt hervorragend allein klar - oder zumindest fast, denn ihre Freunde spielen eine wichtige Rolle in ihrem Leben. "Wer Pippi Langstrumpf als Kinderheldin hatte, wird sich im Beruf wahrscheinlich gut gegen Männer durchsetzen können und alles für seine Freunde tun", vermutete Gebert im Gespräch mit der Zeitung "BILD".

Ähnlich sieht das der Berliner Entwicklungspsychologe Herbert Scheithauer: "Bei Pippi Langstrumpf geht es um das Einhalten und Nichteinhalten von Regeln, um menschliche Stärken und Schwächen - und um Freundschaft." Besonders kleinere Kinder könnten sich deshalb gut mit Pippi identifizieren, zugleich aber auch von ihr distanzieren. Ein weiterer Reiz der Pippi-Geschichten liege in der Umkehrung des Kräfteverhältnisses zwischen Erwachsenen und Kindern, so Scheithauer im Deutschlandfunk. Pippi Langstrumpf sei deshalb "zeitlos".

Ein Rezept für das Leben

Pippi im Handstand (Katrin Engelking)

Handstand - für Pippi kein Problem

Pippi verkörpert alles, was Kinder sich für ihr eigenes Leben wünschen, meint die Kieler Kinderpsychologin Svenja Lüthge - Selbstbestimmung, Abenteuer, Superkräfte. "Kinder brauchen Helden wie Pippi Langstrumpf. Sie richten sich an ihnen auf." Besonders unsicheren Kindern könne die etwas chaotische Pippi Halt geben. "Pippi hat ein Rezept für das Leben", so Lüthge in einem Beitrag der Tageszeitung "Die Welt", "sie ist den Erwachsenen ebenbürtig und traut sich sogar, Schabernack mit Erziehern und Polizisten zu treiben." Gleichzeitig habe Pippi einen untrüglichen Gerechtigkeitssinn und ein großes Herz für Schwache. "Für Kinder ist sie damit das ideale Vorbild."

Stört es niemanden, dass Pippi eine der unrealistischsten Astrid Lindgren-Figuren ist? "Im Gegenteil", urteilte der Hannoveraner Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann, Autor des Buches "Erziehen im Informationszeitalter", ebenfalls in der "Welt": "Kinder lieben die übernatürlichen Eigenschaften ihrer Helden. Das sieht man ja auch bei Harry Potter." Astrid Lindgren stimuliere so die Vorstellung ihrer kleinen Leser vom richtigen Verhalten und Erleben. Nach den fantastischsten Spinnereien führe sie die Kinder aber behutsam in die reale Welt zurück. "Wie gut es tut, wenn sich das Ich-Ideal und das Ich versöhnen, wusste schon Sigmund Freud - dann feiert die Seele ihr Fest."

Solch ein Fest sind die Pippi-Geschichten noch heute - für Kinder wie für Erwachsene. In Schweden jedenfalls wird Pippis 75. Jubiläum am 21. Mai 2020, dem Geburtstag von Astrid Lindgrens Tochter Karin Nyman, groß gefeiert.

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