Social-Media-Verbot? Warum die Debatte am Kern vorbeigeht
14. April 2026
Derzeit bemüht sich mehr als ein Dutzend Länder, den Zugang Minderjähriger zu sozialen Medien einzuschränken, darunter Neuseeland, Malaysia, Frankreich, Spanien, Norwegen, Slowenien und Großbritannien. Auch in Deutschland wird ein solches Vorgehen geprüft.
Australien hat als erstes Land weltweit bereits Ende 2025 ein Social-Media-Verbot für Nutzende unter 16 Jahren eingeführt. In Indonesien gibt es seit Ende März eine Altersbeschränkung.
Als Ziel wird stets angegeben, Kinder und Jugendliche schützen zu wollen. Das scheint einzuleuchten, denn die Bildschirmzeit von Kindern ist in vielen Familien Streitthema - und sie ist oft lang: Laut einer Studie der internationalen Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) von 2025 verbringen mindestens 50 Prozent der 15-Jährigen in den OECD-Ländern wenigstens 30 Stunden pro Woche an digitalen Geräten.
Bleibt die Frage: Sind die vielerorts geplanten Altersbeschränkungen sinnvoll, um die mit Social Media verbundenen negativen Folgen in den Griff zu bekommen?
"Man kann sich mit Verbotsforderungen leicht profilieren"
Der Psychologe und Neurowissenschaftler Christian Montag hält die Debatte für verkürzt. "Wenn neue Technologien kommen, entsteht schnell eine Art moralische Panik. Und ohne Politikern absprechen zu wollen, dass es auch echte Besorgnis gibt, kann man sich mit der Forderung nach Social-Media-Verboten auch relativ leicht profilieren, ohne wirklich viel machen zu müssen," sagt Montag.
Die Bildungsforscherin Nina Kolleck betrachtet die Debatte ebenfalls mit einiger Skepsis. "Abgesehen davon, dass sich in Australien zeigt, dass es gar nicht so einfach ist, eine Altersbegrenzung durchzusetzen, lösen wir dadurch die gravierenden Probleme von Social Media nicht, wir verschieben nur das Eintrittsalter ein wenig."
Diese Probleme bestünden zum einen in personalisierten Algorithmen und Funktionen wie Push-Nachrichten und endlosem Scrollen, die Nutzende dazu bringen, möglichst viel Zeit auf den Plattformen zu verbringen, und die ein hohes Suchtpotenzial haben. Zum anderen komme man dort in Kontakt mit problematischen - etwa gewaltverherrlichenden oder sexuellen - Inhalten, so Kolleck, die Professorin für Erziehungs- und Sozialisationstheorie an der Universität Potsdam ist.
Während digitale Medien Kindern und Jugendlichen auch die Möglichkeit geben, sich zu informieren, zu spielen und mit anderen in Kontakt zu treten, gibt es laut OECD Hinweise darauf, dass eine exzessive oder problematische Nutzung negative Folgen haben kann. Dazu gehörten Aspekte der körperlichen Gesundheit wie Schlafprobleme und unzureichende Bewegung und Aspekte der mentalen Gesundheit wie Abnahme der analogen sozialen Kontakte, Depression oder Cybermobbing.
Allerdings ist es laut Christian Montag oftmals schwierig, den Effekt der sozialen Medien isoliert herauszuarbeiten, da noch vieles Andere eine Rolle spiele, etwa Umwelt- und genetische Faktoren. Relativ gut belegt sei aber der Zusammenhang zwischen längerer oder suchtähnlicher Smartphone-Nutzung und schlechterer Lernleistung - sowie der Zusammenhang zu größerer Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper.
Auch Erwachsene können sich schlecht selbst regulieren
Kinder und Jugendliche seien besonders anfällig für all diese Negativfolgen, sagt Montag, der an der Universität Macao in China lehrt. "Die menschliche Hirnreifung braucht relativ lange. Wir gehen davon aus, dass es bis zum 20. Lebensjahr, wahrscheinlich sogar bis Mitte 20 dauern kann, bis der präfrontale Kortex ausgereift ist", erklärt Montag. "Minderjährigen fällt deshalb die Selbstregulation schwerer und sie können das Smartphone noch weniger aus der Hand legen als Erwachsene."
Aber: Auch bei Erwachsenen klappt das nicht gut. Auch viele Menschen, die älter als 20 oder 25 Jahre sind, haben mit den oben beschriebenen Folgen zu kämpfen. Sollten Social-Media-Verbote für Jugendliche unter 14 oder 16 Jahren einen großen Unterschied für sie und für die Gesellschaft insgesamt machen?
Laut vielen Expertinnen und Experten muss die Diskussion umfassender geführt werden. Viele sehen Altersbeschränkungen nur als eine von mehreren notwendigen Maßnahmen, Kolleck etwa spricht sogar von einer "Scheindebatte, die von wirklich wirksamen Instrumenten ablenkt".
Viele gute Ansätze im Digital Services Act
Wirksame weitere Maßnahmen seien etwa bereits im Digital Services Act (DSA) verankert, sagt die Forscherin. Der DSA ist ein EU-weites Regelwerk über digitale Dienste und verpflichtet vor allem große Online-Plattformen und Suchmaschinen zu mehr Schutz für Nutzende. Tiktok, Instagram & Co. müssen demnach systemische Risiken bewerten und mindern und transparent bezüglich ihrer Algorithmen sein.
Sie sollen laut dem DSA auch unabhängigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Zugang zu ihren Daten geben, damit diese erforschen können, wie etwa bestimmte Elemente die Nutzenden beeinflussen. Laut dem Psychologen Montag war das bislang ein großes Problem: "Wir haben jahrelang Forschung mit zwei Händen auf den Rücken gebunden gemacht. Und trotz der Einführung des DSA ist der Zugang weiterhin total unzureichend."
Auch in anderen Bereichen wird der DSA bislang noch nicht effektiv beziehungsweise umfassend umgesetzt. Probleme bereitet auch Donald Trump, der wiederholt versucht hat, Geldbußen gegen US-Digitalkonzerne abzuwenden, indem er im Gegenzug mit Zöllen drohte. Und der DSA gilt am Ende natürlich nur in europäischen Ländern.
Geschäftsmodell an sich problematisch
Im Kampf gegen negative Folgen von Social Media wären auch Abstufungen und Modifikationen von Design-Elementen für Heranwachsende denkbar. Montag zufolge geht das Scrolling in der chinesischen Variante von TikTok, Douyin, für unter 14-Jährige nur 40 Minuten lang, danach gebe es einfach keine neuen Inhalte mehr. Bei Tiktok selbst gibt es auch bereits Zeitbegrenzungen, die jedoch deutlich leichter umgangen werden können. Für unter 13-Jährige muss theoretisch nach 60 Minuten ein Erziehungsberechtigter einen Code eingeben. Ab 13 Jahren müssten Jugendliche einen selbst festgelegten Code eingeben, um weiterzuschauen. Das funktioniert natürlich nur, wenn sie sich nicht als älter ausgegeben haben. Doch das dürfte bislang verbreitet sein, da die Erstellung eines Kontos oft nur auf einer einfachen Abfrage des Geburtsdatums basiert.
Eigentlich aber müssten laut Montag die Plattformen grundlegend anders gebaut werden, insbesondere für Minderjährige, aber auch für Erwachsene. "Ist das Datengeschäftsmodell, das Nutzende ausspioniert und Online-Zeiten stark maximiert, per se ungesund? Ja. Da brauche ich eigentlich gar nicht noch Studien zu psychischen Problemen abwarten."
Jenseits der Diskussionen um Altersbeschränkungen und auch Maßnahmen, um die gesamtgesellschaftliche Medienkompetenz zu fördern, müsse vor allem Druck auf die Plattform-Anbieter ausgeübt und streng reguliert werden: "Anders funktionierende soziale Medien würde aber auch bedeuten, dass sie anders finanziert werden müssten; wenn nicht mehr über Daten, dann etwa über ein Abo-Modell", merkt Montag an. "Und wenn Plattformen nicht mehr so gebaut werden, dass sie Nutzende möglichst lange am Screen halten, werden sie übrigens auch langweiliger."