So manipuliert Social Media | Welt | DW | 16.11.2020
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Internet

So manipuliert Social Media

Memes, Fotos, Videos: All das erscheint online auf den ersten Blick lustig, kann aber einen ernsten - bisweilen sogar radikalen - Hintergrund haben. Dabei sind Online-Strategien nicht nur im Wahlkampf von Interesse.

Ein Alu-Hut-Träger mit Q (Foto: picture-alliance/Zuma/S. Babbar)

Das "Q" steht für die QAnon-Bewegung - eine Gruppierung, die Verschwörungstheorien anhängt

Das Jahr 2020 noch einmal erleben? Nein, danke, werden sich viele denken. Auch Zeitreisende würden wohl direkt wieder umkehren wollen - wohin auch immer. Das suggerieren zumindest sogenannte Memes - lustige Text-Bild-Kombinationen, die zu jedem Thema im Internet kursieren.

Derzeit besonders beliebt: Memes zum Coronavirus. Mitten in der Pandemie helfen sich viele Menschen mit Humor durch die Krise. Memes sind ein Internet-Phänomen, das gerne und oft geteilt wird. Sie parodieren und üben mit einem Augenzwinkern Kritik. Ganz im Sinne des Wortursprungs (griechisch "mimema" für "Nachgeahmtes") bedient sich ein Meme an etwas Vorhandenem und versieht es mit einer humoristischen Note. 

Doch nicht immer sind Memes harmlose Zeitvertreiber. Vor allem in den USA sind sie schon lange Teil des Online-Wahlkampfs. Jedes Bild, jedes Meme, jedes Video sei ein weiteres Puzzlestück, mit dem Wähler überzeugt werden können, ist sich Dan Pfeiffer sicher, der ehemalige Kommunikationsdirektor des früheren US-Präsidenten Barack Obama.

"Politische Kampagnen sind heute ein moderner Informationskrieg - massive Propagandaoperationen, die mit Twitter-Bots von Staaten ausgehen, die Empörung schüren und die Berichterstattung beeinflussen; Facebook-Seiten, die aus Teilen der ehemaligen Sowjetrepublik geführt werden und mehr Menschen als die New York Times erreichen; und Länder wie Russland, die versuchen, aktiv in die Wahl einzugreifen", schreibt er in einem Beitrag für das Online-Magazin Wired.

"General im Meme-Krieg"

Besonders in den USA werden Memes gerne genutzt, um Stimmung zu machen. Ein prominentes Beispiel ist Donald Trump Jr., der sich auf Instagram selbst als "General im Meme-Krieg" bezeichnet und viele solcher Bilder teilt. Eines davon, das auch sein Vater auf Twitter teilte, war besonders brisant.

Es zeigt den US-Präsidenten, wie er mit dem Finger in die Kamera zeigt, darüber prangt der Schriftzug: "In Wirklichkeit sind sie nicht hinter mir her, sondern hinter dir. Ich bin nur im Weg." Twitter hat den Tweet mit jenem Meme gesperrt - Trump fühlte sich in seiner Meinung bestätigt

Trump auf einem Meme, das sagt: In reality they're not after me, they're after you. i'm just in the way (Foto: Donald Trump Jr./Instagram)

Bei Twitter gesperrt, bei Instagram noch zu sehen: das umstrittene Trump-Meme

In Deutschland oder anderen europäischen Ländern ist dieser "Informationskrieg" noch nicht im selben Ausmaß verbreitet. Aber auch hier befeuern automatisierte Computerprogramme - jene Bots - Wahlkämpfe und die öffentliche Diskussion in den sozialen Medien.

Das ist auch in der aktuellen Diskussion rund um die Corona-Pandemie zu bemerken. Nicht nur Unterstützter der politischen Kommunikation kapern soziale Medien für ihre Zwecke. Auch radikale Gruppen nutzen die Plattformen, um ihre Überzeugungen an Gleichgesinnte zu verbreiten - oder Unentschlossene zu überzeugen.

Die Radikalisierung der Corona-Leugner verläuft exponentiell, erklärt Internet-Experte und Autor Sascha Lobo in seiner Spiegel-Kolumne: "Corona-Leugner durchlaufen eine bisher so nie gesehene, pandemische Echtzeitradikalisierung."

Mann mit Gasmaske und Plakat (Foto: picture-alliance/dpa/Flashpic)

Auch in Köln trafen im Frühjahr 2020 Corona-Leugner zusammen

 Lobo ist sich sicher, dass solch eine "Blitzradikalisierung" nur in und mit sozialen Medien ablaufen kann. Aber: "Man darf dabei von den Corona-Leugnern oder 'Querdenkern' nicht als gleichbleibende Gruppierung ausgehen, die Bewegung war im Sommer 2020 etwas anderes als sie im Herbst 2020 ist, unter anderem, weil sie inzwischen von Ideen der Verschwörungsideologie QAnon regelrecht durchseucht ist." 

In diesem Sommer kam es auf Facebook zu einem anderen Phänomen. Plötzlich tauchten Aufrufe zu Anti-Corona-Demos in Gruppen auf, die gar nichts mit dem Thema zu tun hatten. So explodierte die Diskussion in einer Mitfahrgelegenheiten-Gruppe über die Corona-Maßnahmen. Mehrere Nutzer beschwerten sich daraufhin oder traten aus der Gruppe aus.

"Wir brauchen Medienkompetenz"

Das zeigt: Soziale Medien sind ein perfekter Nährboden für solche Bewegungen. Ursprünglich gegründet, um Menschen miteinander zu vernetzen und sich auszutauschen, können diese Ziele auch schnell ins Gegenteil umschlagen. "Wenn nur noch Informationsquellen genutzt werden, die die eigene Meinung bestätigen, führt dies zu einer zunehmenden Fragmentierung der Öffentlichkeit," erklärt Michael Johann vom Institut für Medien, Wissen und Kommunikation der Universität Augsburg im DW-Gespräch. 

Auf der einen Seite entstehe durch Soziale Medien ein Zusammenschluss von Gleichgesinnten, die Kollektivierung. "Auf der anderen Seite entsteht aber auch eine individuelle politische Teilhabe", ergänzt Sprachwissenschaftler Lars Bülow von der Universität Wien. Soziale Medien böten die Chance, demokratische Prozesse anzustoßen. "Das sehen wir beim Feminismus oder bei der Klimapolitik", so Bülow. "Sie bieten aber auch Risiken, wenn sich Corona-Leugner ihrer bedienen."

Es ist ein Dilemma: Bots und Algorithmen prägen den Online-Alltag und beeinflussen meist unbewusst Entscheidungen und öffentliche Meinungsbildung. Die Netflix-Doku "The Social Dilemma", in der frühere Mitarbeiter der größten Tech-Firmen des Silicon Valley auspacken, zeigt das eindrücklich.

Die Rufe, den Datenkraken per Gesetz Einhalt zu bieten, werden lauter. Viele Politiker und Aktivisten fordern Regulierungen und Gesetze, um ein verantwortungsvolles digitales Miteinander zu ermöglichen.

"Wir brauchen eine Medienkompetenz, die schon im Schulalter beginnt", fordert Michael Johann. Damit möglichst alle erkennen, dass der grüne Frosch auf dem per WhatsApp verschickten Bildchen eben nicht nur eine witzige Illustration ist - sondern vielleicht sogar eine Anspielung auf die Ultra-Rechten in den USA.

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