So findet das Rote Kreuz Vermisste | Deutschland | DW | 07.11.2018
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Suchdienst

So findet das Rote Kreuz Vermisste

Der Suchdienst des Roten Kreuzes ist ein Rettungsanker für viele Menschen, deren Angehörige verschwunden sind - 1945 wie 2018. Derzeit wird weltweit nach mehr als 100.000 vermissten Menschen gesucht.

Die Mutter in Kenia, die minderjährige Tochter in Deutschland, und keine der beiden weiß, wo die andere sich befindet - eine somalische Familie, die der Krieg getrennt hat. Aber die Mutter gibt nicht auf. Sie vermisst auch ihre Schwägerin, die sich in der Schweiz aufhalten könnte. Die Mutter informiert sich im Flüchtlingscamp und schreibt dann zwei Rotkreuz-Familiennachrichten in der Hoffnung, dass sie ihre Familienmitglieder erreichen. 

Familiennachrichten sind offene Briefe, die über das globale Suchdienst-Netzwerk an Empfänger weitergeleitet werden. In diesem Fall hat das Internationale Komitee vom Roten Kreuz in Kenia die Nachrichten der somalischen Mutter an das Schweizerische Rote Kreuz weitergeleitet. Tatsächlich meldete sich innerhalb kürzester Zeit die Schwägerin. Sie hat wiederum den Hinweis gegeben, dass das vermisste Mädchen in Deutschland sei - es konnte schließlich bei einer Pflegefamilie in Baden-Württemberg gefunden werden. Inzwischen ist die Somalierin volljährig und hat regelmäßig schriftlichen Kontakt mit ihrer Mutter in Kenia.

Ohne den Suchdienst des Roten Kreuzes wäre das nicht möglich gewesen. Das Netzwerk besteht aus dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz und den Suchdiensten der 189 nationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften. Über Ländergrenzen hinweg ermitteln sie seit 71 Jahren vermisste Familienangehörige und haben dabei nicht selten Erfolg.

Hilfe bei der Hälfte der Vermissten

Alleine im Jahr 2017 haben den Dienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) 2744 neue Suchanfragen nach Angehörigen erreicht. Dabei hat es sich meist um Menschen gehandelt, die infolge von Kriegen oder durch Flucht und Migration voneinander getrennt worden sind. Außerdem wurde entweder der Vermisste in Deutschland vermutet oder der Nachforschende lebte bereits da. Hauptherkunftsländer der Suchenden und Gesuchten waren im vergangenen Jahr Afghanistan, Syrien, Somalia und Eritrea. In fast 50 Prozent der Fälle konnte der Suchdienst Hilfe leisten.

Wie auch beim afghanischen Jungen Alireza, der Mutter und Schwester auf der Flucht verloren hatte. Das letzte Mal hatten sie sich in der Türkei gesehen. Die Fälle, die schließlich beim Suchdienst des Roten Kreuzes landen, seien die schwierigsten, erklärt die Sprecherin des Deutschen Roten Kreuzes, Susanne Pohl. "Meist haben die Betroffenen bereits selbst versucht, über Internet oder Telefon ihre Familie zu finden. Anhand des Fluchtweges bemühen wir uns, über sämtliche Netzwerke Auskunft zu bekommen. Es gibt aber auch noch ein Internetportal, das sehr im Kommen ist. Da kann der Suchende sein Foto einstellen."

Screenshot Rotes Kreuz - Trace the Face Migrants in Europe (familylinks.icrc.org)

Das Internetportal "Trace the Face" ermöglicht neue Wege bei der internationalen Suche

So hat das Alireza gemacht und dazu geschrieben: "Suche Mutter und Schwester." Mehr zu seiner Person ist auf der Plattform "Trace the Face" nicht zu finden, denn die Informationen dürfen den Betroffenen nicht schaden oder für die falschen Personen auffindbar sein - etwa solche, die die Flüchtenden politisch verfolgen oder als Soldat rekrutieren wollen. Das Deutsche Rote Kreuz hat in Alirezas Fall wenige Monate später aus London erfahren, wo sich die Mutter und die Schwester aufgehalten haben. 

Suche wird immer schwieriger

Nach Angaben des Roten Kreuzes werden momentan mehr Menschen als je zuvor seit 1945 vermisst: weltweit 100.000 Personen. Das ist auf die große Fluchtbewegung 2015 zurückzuführen. Alleine im ersten Halbjahr dieses Jahres wurden 1160 Anfragen gestellt. Im vergangenen Jahr waren es insgesamt 2700 Anfragen. "Wir erwarten, dass das Level wieder so hoch sein wird. Obwohl jetzt schon weniger Flüchtlinge Deutschland erreichen, gibt es noch viele ungeklärte Fälle", sagt Pohl. Herausforderungen für den Suchdienst des Roten Kreuzes seien vor allem die hohe Anzahl der Fälle, aber auch die Schwierigkeit, vermisste Familienangehörige in Kriegsgebieten zu finden.

Deutschland DRK Suchdienst (picture-alliance/dpa/A. Burgi)

Trotz sinkender Flüchtlingszahl in Deutschland gibt es viele Anfragen

Bei vielen Suchanfragen klappern die Helfer des Roten Kreuzes Orte entlang des Fluchtweges ab. Das kann sehr viel Zeit in Anspruch nehmen und sehr schwierig sein, gerade in Kriegsgebieten wie Syrien. Deswegen ist das Internetportal "Trace the Face" vor einigen Jahren eingeführt worden. Doch auch das können viele Menschen in Kriegsgebieten ohne Internetverbindung nicht nutzen. "Unsere Aufgabe ist es, eine Verbindung herzustellen", sagt die Mitarbeiterin des Roten Kreuzes in Deutschland.

Trotz der digitalen Möglichkeiten gibt es große Schwierigkeiten bei der Suche nach Vermissten - wie das Fehlen genauer Geburtsdaten oder das nicht einheitliche Transkribieren der Namen aus anderen Sprachen, wie aus dem Arabischen. So werden zum Beispiel Tausende unbegleitete minderjährige Flüchtlinge vermisst.

Enkel suchen Großeltern

Auch im Zweiten Weltkrieg verschwanden viele Menschen spurlos - nach wie vor sind allein 1,3 Millionen Schicksale von Deutschen ungeklärt. Das ist das zweite Arbeitsgebiet des Suchdienstes des DRK seit Kriegsende: Bis heute ermittelt er solche Fälle und bemüht sich, sie zu klären. "Erstaunlicherweise gibt es noch immer eine steigende Zahl der Anfragen, die wir im Auftrag der Bundesregierung zu klären versuchen", erklärt Pohl. Die Finanzierung wird möglicherweise in absehbarer Zeit eingestellt.

DRK Suchdienst (picture alliance/dpa/M. Müller)

In München befindet sich das Archiv des DRK-Suchdienstes

Im ersten Halbjahr dieses Jahres hat es 4800 Anfragen wegen Weltkriegsvermissten gegeben. Oft wollen Enkelkinder wissen, wo ihre Großeltern gestorben oder begraben sind. Das Nachforschen in zahlreichen Archiven gibt immer wieder Hinweise und Antworten auf die Fragen der Familien. "Wir haben eine riesige Namenskartei und können immer wieder auch alte Suchanfragen aufgreifen. Seit Beginn der 90er Jahre konnten wir durch den Zugang zu ehemals sowjetischen Kriegsgefangenenakten bei 250.000 Fällen eine schicksalsklärende Auskunft geben", so Susanne Pohl. "Das heißt, dass Menschen erfahren konnten, wie der Großvater gestorben ist oder wo sein Grab ist. Das ist wichtig, damit die Menschen abschließen können."

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