Simone Blum: Weltmeisterin im Springreiten aus dem Nichts? | Sport | DW | 24.09.2018
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Porträt

Simone Blum: Weltmeisterin im Springreiten aus dem Nichts?

Kaum jemand hätte vor den Weltreiterspielen auf Simone Blum als Weltmeisterin im Springreiten getippt. Dabei sind Blums Voraussetzungen hervorragend. Gemeinsam mit WM-Pferd Alice scheinen weitere Erfolge programmiert.

Wäre ihre Begeisterung für die Vielseitigkeit vor einigen Jahren ein wenig größer gewesen, Simone Blum hätte bei den Weltreiterspielen in Tryon wahrscheinlich ein paar Tage früher auf dem Treppchen gestanden, nämlich am Sonntag vor einer Woche, als Ingrid Klimke und der Rest der deutschen Vielseitigkeits-Equipe um die Medaillen ritten. Doch die mittlerweile 29-Jährige, die ihre Reitkarriere in der Vielseitigkeit begann, traf vor einigen Jahren die Entscheidung, ihr Glück ausschließlich im Springreiten zu versuchen - eine gute Entscheidung, wie man nicht erst seit ihrem Weltmeistertitel weiß.

Dabei hätte Blum, deren Vater Jürgen 1996 in Atlanta als Vielseitigkeitsreiter mit der Mannschaft Olympia-Bronze gewann, sicher auch im Mehrkampf aus Dressur, Geländeritt und Springen Erfolge gefeiert. Ein Sturz vom Pferd kurz vor dem Abitur und die daraus resultierenden schweren Verletzungen änderten Blums Meinung. Mit Hirnblutungen lag sie im Krankenhaus, zeitweise sogar im Koma. Doch Blum kämpfte sich zurück, sattelte wegen des geringeren Verletzungsrisikos um auf die Sprungdisziplin und ist nun die erste deutsche Weltmeisterin im Springreiten, holte 24 Jahre nach Franke Sloothaak wieder WM-Gold für die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN). "Das ist Wahnsinn, wie sie das nach Hause geritten hat", lobte Bundestrainer Otto Becker. "Das ist der Hammer, unglaublich. Sie ist eine würdige Weltmeisterin."

USA Weltreiterspiele 2018 in Tryon | Simone Blum, Deutschland (picture-alliance/dpa/S. Lafrentz)

Die Athletin im Fokus, der Trainer steht hinter ihr: Simone Blum (l.) und Bundestrainer Otto Becker (r.)

Becker ist ein großer Förderer Blums. Weil sich Christian Ahlmann und Daniel Deußer seit 2017 weigern, eine Atheletenvereinbarung zu unterzeichnen, die unter anderen beinhaltet, dass sie im Falle eines Dopingverdachts kein ordentliches Gericht zur eigenen Verteidigung anrufen dürfen, können die beiden deutschen Top-Reiter derzeit nicht mehr für das Nationalteam nominiert werden. Becker musste seinen Kader daher gezwungenermaßen mit jungen Reitern "auffüllen". Neben Blum gehören deshalb seit geraumer Zeit auch Laura Klaphake und Maurice Tebbel zur deutschen Stamm-Equipe. Die guten Ergebnisse von Blum und Co. geben dem Bundestrainer recht. Blum, die erst seit zwei Jahren in der internationalen Spitze mitreitet, konnte ihren größten Erfolg zunächst nicht fassen: "Weltmeisterin, das muss ich erst verarbeiten", sagte sie nach ihrem WM-Sieg. "Das werde ich wohl erst zu Hause begreifen."

Verzicht auf Millionenangebote

Zu Hause, das ist für Blum Zolling, eine 5000-Seelen-Gemeinde in Oberbayern, einige Kilometer nördlich von München. Hier betreibt die neue Weltmeisterin gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Hans-Günter Goskowitz und ihren Eltern den Reitstall "Gut Eichenhof", auf dem ihre 16 Pferde stehen. Ihr bestes ist selbstverständlich WM-Pferd Alice. Die elfjährige Stute ist eines der talentiertesten Pferde im internationalen Springsport und - ähnlich wie Klaphakes Catch me if you can - eines der nachgefragtesten.

Immer wieder bekommt Blum Angebote von Züchtern, die Alice nur zu gerne kaufen würden, um sie mit ihren besten Hengsten zusammenbringen und so die nächste und übernächste Generation herausragender Springpferde entstehen zu lassen. Aber Blum schlug bisher alle Offerten aus: "Sie wird in jedem Fall bei uns bleiben", sagt Blum und verzichtet damit leichten Herzens auf einen Gewinn in Millionenhöhe. "Ich habe die besten Sponsoren der Welt - meine Eltern."

Nervös und eklig zum Erfolg

Die vielfach bereits als "Wunderstute" bezeichnete Alice ist kein ganz einfaches Pferd. Sie gilt als sensibel und lässt sich besonders auf großen Turnierplätzen mit vielen Zuschauern leicht ablenken. "Alice ist ein nervöses Pferd. Auf Plätzen in Aachen oder bei den Deutschen Meisterschaften in Balve, wo ich auch ein bisschen nervöser bin, überträgt sich das auf sie", sagte Blum schon 2017 in einem Interview mit der FN. "Aber wenn wir beide dann im Parcours sind, und es los geht, dann ist sie voll bei der Sache." Außerdem sei Alice' Laune ein guter Gradmesser, ob es etwas werden kann, oder nicht: "Am besten ist sie, wenn sie ein bisschen eklig ist. Dann legt sie auch mal die Ohren an und zwickt in die Luft", erzählt Blum. "Oder sie schaut mich böse an und stampft auf den Boden. Wenn sie das macht, ist sie eigentlich immer in Siegeslaune."

In kritischen Situationen kann sich Alice außerdem ganz auf ihre Reiterin verlassen, die ihr Pferd genau kennt und im entscheidenden Moment wieder versammelt, bevor es über das nächste Hindernis geht. Dabei sind Blum und Alice erst seit vier Jahren ein Paar. 2014 kauften Blum und Goskowitz die damals siebenjährige Stute. "Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich habe ihr in die Augen geschaut und gedacht: Was bist du für ein toller Typ?", erinnert sich Blum. "Man hat beim Ausprobieren schon gesehen, dass das zwischen uns harmoniert, und dass das genau mein Pferd ist."

Kein "One-Hit-Wonder"

Erfolge wie die Deutsche Meisterschaft 2017, der Sieg im Nationenpreis von Aachen 2018 und nun sogar die Weltmeisterschaft bestätigen das. Und sie lassen vermuten, dass der WM-Sieg von Blum und Alice kein "One-Hit-Wonder" bleiben wird. Zwar hängt der Sieg bei den Weltreiterspielen, bei denen man in insgesamt fünf schweren Durchgängen möglichst fehlerfrei durchkommen muss, bei weitem nicht nur von den Talenten des Reiters und des Pferdes ab. Tagesform, Bedingungen und nicht zuletzt Glück spielen ebenfalls eine große Rolle.

Dennoch aber darf man davon ausgehen, dass der Sieg in Tryon nicht der letzte für Blum und Alice gewesen sein wird. Wenn auch kein zweiter WM-Titel mehr dazu kommen sollte, bei internationalen Championaten und Nationenpreisen wird man die beiden ganz sicher auch in Zukunft oben auf dem Treppchen sehen.

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