Sierens China: Mars-Sprache Mandarin | Asien | DW | 17.10.2018
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Kolumne

Sierens China: Mars-Sprache Mandarin

Chinas ambitioniertes Raumfahrtprogramm ist auch für Europas Weltraumagentur eine Chance. Denn Großprojekte wie Mars-Reisen oder eine Mondbasis kann sich Europa alleine gar nicht mehr leisten, meint Frank Sieren.

China Raumfahrtprojekt Lunar Palace 365 an der BUAA Universität in Beijing (picture-alliance/Photoshot/J. Huanzong)

Ein Modell des ersten geplanten Gebäudes auf dem Mond

Was heißt eigentlich "Landemodul-Abstiegstriebwerk" auf Chinesisch? Matthias Maurer könnte einer der wenigen Deutschen sein, die es wissen. Schon seit fast sechs Jahren paukt der 48-jährige Profi-Astronaut Mandarin. Maurer ist nicht der einzige. Viele seiner jüngeren Kollegen bei der Europäischen Raumfahrtbehörde ESA haben erkannt, dass Chinesisch künftig eine Schlüsselqualifikation für europäische Astronauten sein wird. Denn China wird als Raumfahrtnation immer wichtiger. Während die amerikanische und die russische Raumfahrt in den vergangenen Jahren immer mehr sparen mussten und Privatunternehmen wie Elon Musks SpaceX die Bühne betraten, unterstützt Peking mit immer größeren staatlichen Investitionen den chinesischen Vorstoß ins All. Seit 2003 ist China die dritte Nation nach Russland und den USA, die mit eigener Technik einen Menschen in den Weltraum geschickt hat.

"Den riesigen Kosmos zu erforschen, die Raumfahrtindustrie zu entwickeln und China zu einer Raumfahrtmacht aufzubauen ist ein Traum, den wir unablässig verfolgen", erklärte Peking in einem Anfang 2017 vorgelegten Fünfjahresplan. Zu den ambitionierten Plänen gehört etwa, bis 2022 eine 66 Tonnen schwere Raumstation fertig zu bauen, in der drei Astronauten leben und arbeiten können. In der Umlaufbahn der Raumstation soll ein Raumteleskop positioniert werden, das dem "Hubble"-Teleskop der USA ähnelt, jedoch über ein 300mal größeres Blickfeld verfügt. Falls die Internationale Raumstation ISS wie vorgesehen 2024 ihren Dienst quittiert, wäre China dann sogar die einzige Nation mit einem permanenten Außenposten im All.

Ambitionierte Pläne auf dem Mond

Die neue Ära der chinesischen Raumfahrt soll bereits in den kommenden Monaten mit einer unbemannten Landung am Südpol des Mondes anbrechen. Dort war bisher nichts und niemand von der Erde. 2030 soll nach den Plänen Pekings dann schon ein chinesischer Astronaut frische Spuren auf der Mondoberfläche hinterlassen. Die Symbolkraft des Erdtrabanten in der Raumfahrtgeschichte spielt dabei ebenso eine Rolle wie seine Geschichte als Sehnsuchtsort in der chinesischen Poesie.

China Shenzhou 10 dockt an Tiangong-1 (picture-alliance/dpa)

Tiangong 1 war das erste, kurzzeitig bemannte chinesische Raumlabor. Anfang April wurde es zerstört

Aber das sind natürlich nicht die einzigen Gründe, warum die Chinesen auf den Mond wollen: Bodenschätze wie Aluminium und Helium-3, werden dort in großen Mengen vermutet. Das farb- und geruchlose Gas kann in Brennstoff für Kernfusionskraftwerke umgewandelt werden. Und aus den kürzlich bestätigten Eisreservoirs auf dem Mond ließe sich per Hydrolyse Wasserstoff gewinnen, der ebenfalls als Treibstoff für Raketen dienen kann. Das macht den Mond zu einem idealen Boxenstopp für weitere Weltraumflüge, etwa zum Mars und zurück.

Von solchen Projekten können die Europäer nur träumen. Der Generaldirektor der Europäischen Raumfahrtbehörde ESA, Jan Wörner, hatte bereits vor mehr als einem Jahr für ein Dorf auf dem Mond als Nachfolgeprojekt der Internationalen Raumstation ISS geworben. An Plänen mangelt es nicht: Der Mond und die Erde hätten sehr ähnliche geologische Voraussetzungen. Die gesamte Mondoberfläche sei mit einer Staubschicht bedeckt, die man zu Ziegeln verdichten und dann zu Lagern für Raumschiffteile oder Navigations- und Kommunikationsstationen verbauen könnte. Außerdem besteht der Mondstaub zu etwa 40 Prozent aus Sauerstoff, haben die ESA Forscher herausgefunden. Wenn es den Wissenschaftlern gelänge, diesen Sauerstoff "aufzuknacken" wären längere Aufenthalte auf dem Mond gesichert. Allerdings fehlt den Europäern dafür das Geld.

Vorsprung auf dem Weg zum Mond

Die Amerikaner sind hin- und her gerissen, ob sie sich die kostspieligen Abenteuer noch leisten sollen. Während US-Präsident Barack Obama die teureren Projekte gestrichen hat, will Trump unbedingt mithalten. Die USA sollen ebenfalls auf den Mond zurückkehren. "Wir müssen die amerikanische Vorherrschaft im Weltraum haben", erklärte Trump im vergangenen Dezember bei der Unterzeichnung einer entsprechenden US-Raumfahrtdirektive. "Wir wollen nicht, dass China und Russland oder andere Länder uns führen. Geführt haben immer wir!"

Frank Sieren *PROVISORISCH* (picture-alliance/dpa/M. Tirl)

DW-Kolumnist Frank Sieren

Der bisher letzte US-Astronaut war 1972 auf dem Mond gelandet. Eine US-Mission zur Mondoberfläche könnte die NASA schon ab 2026 umsetzen, also vier Jahre früher als Chinas erster bemannter Aufbruch. Das wäre ein Triumph für Trump, den er noch vor Ende seiner zweiten Amtsperiode genießen könnte - vorausgesetzt, er wird wiedergewählt und entscheidet sich nicht noch Mal um, weil seinen Wählern das Prestigeprojekt zu teuer erscheint. Das Argument jedenfalls, Fortschritte in der Raumfahrttechnik bringen nicht nur militärische, sondern auch zivile Bereiche voran (etwa die Nachrichtentechnik, den Klimaschutz oder die weltweite Computervernetzung), ist gegenüber den amerikanischen Wählern kein Freifahrtschein mehr.

Insofern wird es immer vernünftiger, bei Weltraumprojekten wie Mondstationen oder bemannten Marsflügen international zusammenzuarbeiten. Europäer, Russen und Chinesen sind hierfür offen, Washington will das in Bezug auf China nicht zulassen. Die Chinesen wurden bereits von der Internationalen Raumstation ISS ausgeschlossen, an der mehr als 100 Länder beteiligt sind. Für Washington gilt jede chinesische Rakete als potenzielle Waffe und jeder Satellit als Spionagewerkzeug.

Gleichzeitig will Washington eine "US Space Force" aufbauen, eine Art Weltraumarmee-Einheit, die amerikanische Navigations- und Kommunikationssatelliten vor Angriffen aus Russland, China, Nordkorea und dem Iran schützen soll, wie US-Vizepräsident Mike Pence in einem Generalverdachts-Rundumschlag erklärte. Da kann Zhang Kejian, der Vorsitzende der China National Space Administration, noch so oft betonen, dass China sich freue, "eine Weltraumgesellschaft mit dem Rest der Welt zu bilden".

Washingtons Ausgrenzungspolitik

Die europäische Weltraumbehörde ist offen gegenüber China. Aus Überzeugung und aus finanzieller Notwendigkeit. Die Europäer hoffen, dass einer ihrer Astronauten bald zur geplanten chinesischen Raumstation fliegen darf. Auch so eine Schlagzeile, die vor zehn Jahren noch undenkbar gewesen wäre: "Chinesen und Europäer fliegen gemeinsam ins All". Die russische Raumfahrtbehörde hat ebenfalls ein Abkommen mit China unterzeichnet, um im All enger zusammenzuarbeiten. Sie planen eine gemeinsame Raumstation auf dem Mond und wollen gemeinsam verbindliche Spielregeln für den Erdtrabanten festlegen.

China Raumfahrtprojekt Lunar Palace 365 an der BUAA Universität in Beijing (Reuters/D. Sagolj)

Experimente für eine dauerhafte chinesische Basis auf dem Mond laufen seit Jahren

Allerdings hört man auch in China nationalistische Töne, zum Beispiel von Ye Peijian, dem Chef der chinesischen Mondmission: Das Universum sei wie ein Ozean und "der Mond ist wie die Diaoyu-Inseln" im Südchinesischen Meer. Oder: "Der Mars ist Huangyan-Island". Wenn China dort nicht hingehe, obwohl es dazu in der Lage sei, "werden wir von unseren Nachfahren dafür kritisiert werden. Wenn andere dort hingehen, werden sie die Macht übernehmen, und dann können wir dort nicht hin, wann wir wollen." Die von Ye genannten Inseln werden von verschiedenen Ländern reklamiert, von den Chinesen jedoch als ihr Territorium aggressiv verteidigt.

Europäer und Russen hoffen derweil, dass sich Wandel durch Annäherung durchsetzt. "Gerade in Zeiten internationaler Spannungen ist es wichtig, dass man auch Themen hat, mit denen man Krisen überbrücken kann. Wissenschaft, speziell die Raumfahrt, kann das perfekt", bringt es ESA-Chef Jan Wörner auf den Punkt. Er hält sich an eine andere chinesische Position. "Die chinesische Raumstation", formuliert Shi Zhongjun, Chinas Repräsentant bei der UN, großzügig, "gehört nicht nur China, sondern der ganzen Welt". Doch gilt das auch für den Mond?

Unser Kolumnist, der Bestseller-Autor Frank Sieren, lebt seit über 20 Jahren in Peking.