Sierens China: Die USA haben sich gegenüber China verzockt | Asien | DW | 16.05.2019
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Kolumne

Sierens China: Die USA haben sich gegenüber China verzockt

Washingtons Strategie, andere Länder mit Strafzöllen in die Knie zu zwingen, ist nicht neu. Nachhaltige Veränderungen erreichten sie aber auch in der Vergangenheit erst in Allianzen mit Drittstaaten, meint Frank Sieren.

Wieder einmal macht sich Trump die Welt, wie sie ihm gefällt: Wäre China nicht abgesprungen, so der US-Präsident am Montag auf Twitter, hätte man ein "großartiges" Abkommen erzielen können. Doch nachdem Trump am vergangenen Freitag kurzfristig die Zölle auf chinesische Einfuhren verdoppelt hatte, war ein Durchbruch im Handelsstreit in dieser Gesprächsrunde zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt nicht mehr sehr wahrscheinlich.

Dass man nicht mit der Pistole am Kopf verhandeln werde, hat Peking mehrfach klargemacht. Als "Antwort auf den US-Unilateralismus und Handelsprotektionismus" will China nun ab Juni für US-Waren Zölle im Wert von 60 Milliarden Dollar verlangen. Alles nach Plan, findet Trump. "Wir sind genau dort, wo wir mit China sein wollen." Sein Wirtschaftsberater Larry Kudlow pflichtet ihm bei: "Wir sind in einer großartigen Verfassung, um 20 und mehr Jahre unfairer Handelspraktiken mit China zu korrigieren." Doch schon am Dienstag ist Trump wieder ein wenig zurückgerudert: "Wir haben gerade eine kleine Zankerei mit China", sagte der US-Präsident vor seiner Abreise in den Bundesstaat Louisiana. "Wenn sie einen Deal machen wollen, dann ist das absolut möglich."

Symbolbild USA-China-Handelskrieg (picture-alliance/AP Images/CCP)

Ein Restaurantbetreiber im chinesischen Guangzhou wehrt sich: US-Kunden zahlen einen Aufschlag von 25 Prozent

Die gleiche Strategie wie einst gegenüber Japan

Washingtons Strategie, Protektionismus mit noch mehr Protektionismus zu bekämpfen und dann einzulenken, ist nicht neu. In den 1970er- und 1980er-Jahren setzten die Präsidenten Richard Nixon und Ronald Reagan die Zoll-Brechstange beispielsweise gegenüber Japan an. Das ostasiatische Land hatte damals seinen Heimatmarkt noch stärker als China heute abgeschottet. Bestimmte Industriesparten wurden von Tokio gezielt gefördert. Mit dem Kapital finanzierten japanische Firmen wiederum Exportoffensiven, bei denen die USA nicht mehr mithalten konnten. "Die fressen uns mit Haut und Haaren", klagte Henry Ford II, als Toyota seine Firma rechts überholte.

Der Automarkt war nur eines von vielen Beispielen. Binnen eines Jahrzehnts wuchs Japans Exportüberschuss gegenüber den USA auf rund 100 Milliarden Dollar. Der Handelskrieg zwischen den beiden Ländern wurde ein Dauerzustand. Gebracht hat das wenig. Bei den Autos führten Washingtons Zölle und Japans "freiwillige" Selbstbeschränkungen sogar zu einer Verschlechterung der US-Leistungsbilanz, weil die japanischen Autos knapp waren und deshalb für die Kunden interessanter wurden. Insgesamt war Japan damals aber in der viel schwächeren Position. Im Handelsstreit heute ist das anders. Die Amerikaner hängen viel mehr von China ab als damals von Japan. Und Peking steht schon jetzt geopolitisch ganz anders da. Und das, obwohl das Land erst ein Pro-Kopf-Sozialprodukt auf dem Niveau von Bulgarien erreicht hat.

Der größte Gläubiger der hochverschuldeten USA

Frank Sieren *PROVISORISCH* (picture-alliance/dpa/M. Tirl)

DW-Kolumnist Frank Sieren

Mit seiner Neuen Seidenstraße erschließt sich China neue Märkte rund um den Erdball. Die Volksrepublik verfügt zudem über ein "Sparbuch" mit den größten Devisenreserven der Welt. Peking achtet penibel darauf, sich finanziell nicht in Abhängigkeiten zu begeben. Gleichzeitig ist es der größte Gläubiger der hochverschuldeten USA. Im Handelsstreit ist das ein nicht zu unterschätzendes Instrument. Und: Trump hangelt sich von Woche zu Woche. China plant über Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte. Deshalb ist es nicht so einfach, wie Trump keck behauptet, eben "einfach keine Geschäfte mehr mit ihnen zu machen", wenn die Chinesen nicht zu seinen Bedingungen Handel treiben wollen.

Beide Länder sind Teil einer globalisierten Wirtschaft, die eng verzahnt ist und in der internationale Arbeitsteilung die Preise bestimmt. Schon ein Halbsatz über China und die USA in einem Tweet von Trump kann die Märkte in Europa schwache Knie bekommen lassen. Ihm ist das egal oder es mag sogar seiner Eitelkeit gefallen. Allerdings kann Trump so auch schnell zum Zauberlehrling werden, der die Geister nicht mehr loswird, die er rief. Die USA importieren pro Jahr Waren im Wert von 540 Milliarden Dollar aus China. Seine Stammwähler will Trump glauben machen, dass die Chinesen seine Zölle direkt zahlen und die USA nun Geld in zweistelliger Milliardenhöhe einnehmen werden. Natürlich zahlen die US-Zölle aber zuallererst die Importeure chinesischer Güter. Und diese reichen die Kosten wiederum an ihre Kunden weiter: Hersteller und Verbraucher in den USA. Bereits jetzt leiden besonders Farmer und Technologie-Firmen unter den Zollmaßnahmen. Trump musste den Farmern schon Subventionen versprechen, um sie beruhigen.

USA Soja-Produktion (imago/ZUMA Press/J.-B. Forbes)

US-Farmer leiden schon jetzt unter den Zöllen

Warum suchen die USA keine Verbündeten?

Statt mit eigenmächtigen Tweets Turbulenzen in der Weltwirtschaft auszulösen, könnte Trump von den einstigen Auseinandersetzungen mit Japan lernen. Er sollte sich mit anderen Regierungen abstimmen, die ebenfalls ein Interesse haben, gegen Chinas Regelverstöße innerhalb der Welthandelsorganisation vorzugehen. Im Falle Japans trafen sich die USA 1985 mit den führenden G5-Industriestaaten, um in New York das sogenannte Plaza-Abkommen auszuhandeln. Mit dem Abkommen verpflichtete sich Japan, den Wechselkurs des Yen gegenüber dem Dollar aufzuwerten und seine Exporte auf diese Weise zu verteuern. Für Japans Wirtschaftsboom war das der Anfang vom Ende. Die Wechselkursspannungen führten zu einer Rezession, auf die die Japaner mit Zockerei am Aktien- und Immobilienmarkt reagierten. Ende der 1980er-Jahre platze dann die überhitzte Blase und Japan stagniert seitdem auf hohem Niveau. Und die USA konnten - auch dank des Falls der Sowjetunion und der Erfindung des Internets - ein Comeback hinlegen.

Natürlich ist es heute viel unwahrscheinlicher, dass China stagniert und die USA ein Comeback hinlegen. Deshalb hat Trump sich auch gleichzeitig mit Europa angelegt. Er hat keine Zeit zu verlieren: Die Zugeständnisse, die er im besten Fall von China bekommt, kann er gleich nutzen, um den Druck auf Europa zu erhöhen - eine Strategie, die fast schon an Glücksspiel grenzt und zeigt, wie sehr die USA mit dem Rücken zur Wand stehen.

Unser Kolumnist Frank Sieren lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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