Sierens China: Chinesischer Regenbogen | Asien | DW | 31.05.2019
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Kolumne

Sierens China: Chinesischer Regenbogen

Taiwan hat die Homo-Ehe legalisiert. Festland-China macht in Sachen Gleichberechtigung dagegen mehrere Schritte zurück. Das liegt jedoch nicht in erster Line an Homophobie oder Prüderie, meint Frank Sieren.

Auf Taiwans Straßen wehen die Regenbogenfahnen: Als erstes asiatisches Land hat die Insel gleichgeschlechtliche Eheschließungen legalisiert. Rechtlich sind homosexuelle und heterosexuelle Ehepaare dort nun gleichgestellt, zum Beispiel in Steuer- und Versicherungsangelegenheiten oder was das Sorgerecht für Kinder angeht. In der Hauptstadt Taipeh haben sich schwule Paare vergangene Woche bereits trauen lassen. Im Blitzlichtgewitter der Zeitungsreporter.

BdTD Taiwan Taipeh Schwule feiern Gesetz für gleichgeschlechtliche Ehen (Reuters/Tyrone Siu)

Freudentränen bei homosexuellen Paaren in Taiwan - auch sie dürfen jetzt heiraten

Unumstritten war die Entscheidung nicht: Konservative und religiöse Gruppen hatten die Reform immer wieder zu sabotieren versucht. Erst im November sprachen sich sieben Millionen Wahlberechtigte in einer Abstimmung gegen die Ehe für alle aus. Trotzdem: Das Urteil untermauert Taiwans Sonderstellung als LGBT-freundlichster asiatischer Staat. Der Christopher Street Day in Taipeh ist mittlerweile die größte Parade ihrer Art in Asien.

Alles andere als Heterosexualität gilt als unnormal

In Festland-China sieht es dagegen anders aus. Homosexualität ist hier seit 1997 zwar offiziell kein Verbrechen mehr, und seit 2001 auch nicht mehr auf der amtlichen Liste der Geisteskrankheiten. Auch gibt es Dating-Apps für Homosexuelle und in den Großstädten zahlreiche Bars, Filmfestivals, Beratungsgruppen und LGBT-Anwälte. Gesellschaftlich akzeptiert ist Homosexualität aber noch lange nicht. Andere als heterosexuelle Orientierungen gelten nach wie vor als unnormal oder bestenfalls als "Phase". Psychologische Ratgeber und sogar medizinische Schulbücher geben Tipps zur Heilung von Homosexualität - von der schnellstmöglichen Heirat bis hin zu höchst umstrittenen und nachweislich schädlichen "Behandlungsmöglichkeiten" wie der Konversions- oder Elektroschocktherapie. Nach einer Studie der Vereinten Nationen wollen sich 95 Prozent der Schwulen und Lesben in China nicht outen. Das liegt jedoch nicht in erster Linie an einem repressiven Staat, sondern viel mehr am sozialen und familiären Druck.

Frank Sieren *PROVISORISCH* (picture-alliance/dpa/M. Tirl)

DW-Kolumnist Frank Sieren

Die meisten Eltern und Großeltern halten es für die Pflicht ihrer Nachkommen, die Ahnenlinie fortzuführen - Erwartungen, die sich durch die jahrzehntelange Ein-Kind-Politik noch verstärkt haben. Auch die Angst vor AIDS und gesellschaftlicher Ausgrenzung ist aufgrund fehlender Aufklärung groß. Denn auch wenn Homosexuelle nicht mehr verfolgt werden, fehlt ihnen doch der gesetzliche Schutz vor Diskriminierung. Heterosexuelle Scheinehen, um die Eltern zufriedenzustellen, sind in China nicht selten.

Die Regierung trägt vor allem seit Xi Jinpings Amtsübernahme vor sechs Jahren jedoch zu dem Eindruck bei, dass Homosexualität in China nicht erwünscht ist. 2016 wies ein chinesisches Gericht die Klage eines schwulen Paares auf Zulassung der Homo-Ehe zurück. Im selben Jahr trat, weitgehend ohne offizielle Begründung, ein neues Gesetz in Kraft, das die Darstellung von sogenannter "abnormaler Sexualität" in Radio, Film, Fernsehen und Internet verbietet. Dabei werden Vergewaltigung, Inzest und Homosexualität auf eine Stufe gestellt. Talk-Shows und Web-Serien, die sich in irgendeiner Art mit dem Thema auseinandersetzen, sind verboten. Jüngstes prominentes Opfer der Zensur ist der oscargekrönte Musikfilm "Bohemian Rhapsody": Die Filmbiografie des Queen-Sängers Freddie Mercury war in China drei Minuten kürzer. Und auch etwas verwirrender, denn nicht nur explizit homoerotische Szenen fielen dem Schnitt zum Opfer, sondern auch Dialoge, die auf Mercurys Liebe zu Männern anspielten. Dass China den Film überhaupt im Kino zeigte - nur rund 34 ausländische Produktionen werden pro Jahr zugelassen - feierten manche schon als Fortschritt. Andere, wie der im Berliner Exil lebende chinesische LGBT-Filmemacher Popo Fan, sagen, es sei angesichts der erheblichen Zensur vor allem ein missglückter Versuch, sich weltoffen zu zeigen.

Die Ehe als Garant des sozialen Gleichgewichts

Prüderie, oder Homophobie wie sie noch heute in Russland oder in China während der Kulturrevolution herrschte, ist aber nicht der Grund, warum Peking solche Inhalte nicht gerne sieht. Die Regierung propagiert traditionelle Familienstrukturen als Teil "sozialistischer Kern-Werte", die die Stabilität des Staates gewährleisten sollen.

Gleichgeschlechtliche Ehe in Taiwan (AFP/Getty Images/S. Yeh)

Der Druck aus der chinesischen Gesellschaft wächst, auch gleichgeschlechtliche Ehen zuzulassen

Chinas Gesellschaft wird immer älter. Trotz Aufhebung der Ein-Kind-Politik werden immer weniger Kinder geboren. Gleichzeitig gibt es jedoch noch immer keine umfassende Altersvorsorge. Auf den Kindern und Enkelkindern liegt also auch hier eine Mitverantwortung für das soziale Gleichgewicht. Hinzu kommt: Die Regierung in Peking fürchtet jede Art von Kritik, die ihren Machtanspruch in Frage stellen könnte, vor allem dann, wenn der Eindruck entsteht, dass zivilgesellschaftliche Gruppen sich in ihrer Arbeit an ausländischen Vorbildern orientieren. Versammlungsverbote und Verhaftungen von LGBT-Aktivisten sind nicht die Regel, in den vergangenen Jahren aber immer wieder vorgekommen.

Dass die Entwicklungen in Taiwan einen großen Einfluss auf das Festland haben werde, glaubt man in Peking aber nicht. Man habe die Reform "zur Kenntnis genommen", erklärte An Fengshan, der Sprecher im chinesischen Staatsrat für Taiwan-Angelegenheiten. Auf dem Festland bleibe die Ehe aber weiterhin allein eine Sache zwischen Mann und Frau. Da Peking Taiwan als abtrünnige Provinz betrachtet, und eine Wiedervereinigung zu eigenen Bedingungen anstrebt, ist die Botschaft klar: Diese Form der Gleichstellung - auch sie wird am Ende nur eine Phase sein. Der Druck aus der chinesischen Gesellschaft weist allerdings in eine andere Richtung.

Unser Kolumnist Frank Sieren lebt seit über zwanzig Jahren in Peking.

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