Von Pest bis Corona: Wie Seuchen Geschichte schreiben | Kultur | DW | 01.10.2021
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Medizingeschichte

Von Pest bis Corona: Wie Seuchen Geschichte schreiben

Seit Jahrhunderten kämpft die Menschheit gegen tödliche Viren. Ein Blick in Vergangenheit und Zukunft - und auf eine einzigartige Ausstellung.

Die Figur eines Pestdoktors mit einer Schnabelmaske steht im Roemer- und Pelizaeus-Museum Hildesheim

Früher sollten Schnabelmasken Ärzte vor den Pestkranken schützen

Eine frühe Kindheitserinnerung: Ich stehe im Kaufhaus an der Rolltreppe und greife nach dem Handlauf. Meine Oma zieht meinen Arm sanft weg. "Nicht", sagt sie, "das ist schmutzig." Sie hält meine Hand fest, während wir hinabgleiten.

Ende der 1960er-Jahre muss das gewesen sein, ich war vier oder fünf Jahre alt. Damals überzog die sogenannte "Hongkong-Grippe" den Erdball. Mindestens eine Million Menschen starb weltweit daran, und doch ist sie heute fast vergessen.

Junge Frauen in einem Büro tragen Masken, während sie auf Schreibmaschinen tippen.

Mit Mundschutz im Büro: die Grippewelle 1969/70

So, wie es auch die einfachen Hygiene-Maßnahmen waren, die wir durch das Coronavirus wieder erlernten: Abstand, Maske, Händewaschen.

Pocken, Polio, Typhus: Schreckgespenster auch in Europa

Meiner Oma, deren Mutter fast an der Spanischen Grippe gestorben wäre, waren sie noch vertraut. Bevor es Antibiotika und flächendeckende Impfungen gab, verbreiteten Infektionskrankheiten wie Polio, Typhus, Diphterie oder Pocken Jahrhunderte lang auch in Europa ihren Schrecken. Heute sterben vor allem Kinder in weniger entwickelten Ländern daran - den Luxus teurer Impfungen und guter Gesundheitssysteme können sich viele nicht leisten.

Eine Frau reinigt eine Vitrine mit Querschnitten von Menschen im Roemer- und Pelizaeus-Museum Hildesheim

Der menschliche Körper: ein Wunderwerk der Natur - und anfällig für Seuchen

"Corona ist eine Warnung an die Menschheit"

Doch das SARS-Cov-2-Virus hat auch unsere vermeintliche Sicherheit erschüttert und gezeigt, dass niemand davor gefeit ist. "Seuchen", sagt Oliver Gauert, "sind die größte globale Bedrohung neben dem Klimawandel. Sie sind nur nicht annähernd in diesem Maße ins öffentliche Bewusstsein gedrungen. Corona ist eine Warnung an die Menschheit."

Oliver Gauert hat die (nach eigenen Angaben) weltweit größte medizinhistorische Ausstellung kuratiert, die es je gab: Die Schau "Seuchen. Fluch der Vergangenheit - Bedrohung der Zukunft" öffnet am 2. Oktober im niedersächsischen Hildesheim ihre Tore. Entstanden ist sie in Kooperation mit zahlreichen wissenschaftlichen Einrichtungen, darunter der Hochschule Hannover und dem Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung.

Kurator Oliver Gauert steht im Roemer- und Pelizaeus-Museum Hildesheim (RPM) in der Nachbildung eines Labors des Mediziners Paul Ehrlich

Kurator Oliver Gauert präsentiert das nachgestellte Labor des Mediziners Paul Ehrlich

Seuchen in der Geschichte: Ein Buch mit 30 Kapiteln

Am Eingang der Ausstellung steht ein überdimensionales Buch, an dem vorbei man die Ausstellung betritt. In 30 begehbaren Szenerien erleben Besucherinnen und Besucher Schlüsselmomente der Medizin - vom anatomischen Theater in Padua, wo frühe Leichenöffnungen durchgeführt wurden, über das Labor des Forschers Paul Ehrlich, der ein Heilmittel gegen die Syphilis entwickelte, bis hin zu einer heutigen Corona-Intensivpflege-Station.

Zwei Krankenschwestern versorgen einen Corona-Patienten in einer Internsivstation in Firmat

Frühjahr 2021: Corona-Intensivpatient in Argentinien

Eine beklemmende Szene: Während im Museum eine Puppe am Beatmungsgerät hängt, kämpfen in den Krankenhäusern der Welt jeden Tag unzählige Menschen so um ihr Leben.

"Gevatter Tod" und die Pest  

Der Himmel auf dem Bild ist düster, blaugraue Wolken hängen tief über einer Landschaft mit verkohlten Bäumen. Vor einem Berg von Leichen schneidet ein Skelett einem Mann im weißen Hemd die Kehle durch, ein anderes thront über einem sterbenden König. Und hinter einem Gatter wartet eine Armee weiterer Knochenmänner, um den Menschen den "Schwarzen Tod" zu bringen…

Knochenmänner holen sich ihre Opfer: Pest-Gemälde aus dem 17. Jahrhundert von Pieter Brueghel dem Älteren

"Der Triumph des Todes" - ein kunsthistorisches Highlight der Ausstellung

Der gruselige Knochenmann, der "Gevatter Tod", ist tief im kulturellen Gedächtnis Europas verankert, er steht sinnbildlich für Seuchen schlechthin. Wahllos holt er seine Opfer, Arme und Reiche, Männer, Frauen und Kinder - auch auf dem Gemälde "Der Triumph des Todes" des flämischen Malers Pieter Bruegel des Älteren von 1620.

Pandemien fördern Wandel und Innovation

Wie viele Millionen Menschen letztlich durch Pestepidemien starben, wissen auch Medizinhistoriker nicht. Sicher aber ist, dass die Pest "nicht nur die Armen traf, wie bei Typhus oder Fleckfieber", wie Oliver Gauert sagt, "sondern die Eliten der Gesellschaft. Man kann sich also vorstellen, dass es zu einer kompletten Umverteilung von Besitz und Macht kam." 

Überstandene Pandemien förderten so den gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Wandel. Auch die Pest: Bis zum Pestausbruch im 14. Jahrhundert galten Krankheiten als göttliche Strafe.

Ein Kruzifix, das Jesus mit Pestbeulen zeigt

Jesus mit Pestbeulen: "Pestkreuz" aus dem Jahr 1700

"Aber der schwarze Tod forderte auch in den Reihen der Kirche so viele Opfer, dass man sich damit nicht mehr abfinden wollte", erklärt Kurator Gauert. "Zum ersten Mal beauftragte man eine wissenschaftliche Einrichtung, die Pariser Universität, mit einem Gutachten über die Ursachen dieser Krankheit. Das war das erste Mal, dass man sich systematisch wissenschaftlich mit so einer Krankheit auseinandergesetzt hat."

Seuchen entscheiden Kriege

Seuchen konnten Kriege zum Stillstand bringen und über Sieg oder Niederlage entscheiden. In ihrem Buch "Pest und Corona. Pandemien in Geschichte, Gegenwart und Zukunft" schildern die Medizinhistoriker Heiner Fangerau und Alfons Labisch, wie der spanische Eroberer Hernán Cortés im 16. Jahrhundert mit einer kleinen Armee von Söldnern das mächtige Aztekenreich zu Fall brachte: Während der Belagerung von Tenochtitlán brach unter den Azteken eine Epidemie aus, an der fast die Hälfte der einheimischen Bevölkerung starb.

Maskierte Menschen in Mexiko auf der Straße

August 2021: Mexikaner erinnern an den Fall der aztekischen Hauptstadt vor 500 Jahren

Die Seuche hatten die Eroberer aus Europa mitgebracht. Sie selbst waren dagegen weitgehend immun - die Einheimischen nicht. 

Die "Kleine Eiszeit" - von Menschen mit verursacht?

Der Transfer von Seuchen aus der Alten in die Neue Welt könnte sogar das Klima beeinflusst haben, wie eine 2019 veröffentlichte Studie nahelegt. Rund 90 Prozent der amerikanischen Ureinwohner sollen an eingeschleppten Seuchen gestorben sein, weshalb viele Quadratkilometer zuvor bewirtschaftetes Land brach lagen. Bäume und Sträucher wuchsen wieder ungehindert und zogen Kohlendioxid aus der Atmosphäre.

Bäume und Sträucher im Selva-Maya-Urwald in Mexico

Üppige Vegetation kühlt das Klima: Urwald in Mexiko

Das Weltklima kühlte ab, was mit zur sogenannten "Kleinen Eiszeit" um die Mitte des 16. Jahrhunderts geführt habe - so die Forscher des University Colleges London.

Infektionskrankheiten rüsten auf - warum?

Das zeigt, wie eng Klima, Krankheiten und Globalisierung zusammenhängen. "Infektionskrankheiten rüsten auf und sie dringen immer weiter vor", warnt Ausstellungskurator Gauert. Er sieht dabei vier entscheidende Faktoren: Erstens den globalen Waren- und Personenverkehr, der eine weltweite Ausbreitung innerhalb von wenigen Wochen ermögliche. Zweitens den Klimawandel, durch den tropische und subtropische Zonen sich immer weiter ausbreiteten: So werde es das tropisch-subtropische, von Mücken übertragene Dengue-Fieber in zehn Jahren auch in Deutschland geben. Der dritte Faktor: Menschen dringen in immer entlegenere Regionen des Urwalds vor, wo gefährliche Viren schlummerten (wie Ebola oder auch AIDS zeigten). Viertens schließlich: Die nachlassende Wirkung von Antibiotika im Kampf gegen bakterielle Infektionen als Folge zunehmender Antibiotika-Resistenzen.

Tödliche Keime - Wenn Antibiotika nicht mehr wirken

Aber Gauert betont auch, dass das heute weitgehend beherrschbare Bedrohungen seien. Wir sind Viren und Bakterien längst nicht mehr so hilflos ausgeliefert wie frühere Generationen. Während die Entwicklung eines Impfstoffes bis vor kurzem Jahrzehnte dauern konnte, stand der erste COVID-19-Impfstoff nach nur einem Jahr zur Verfügung. "Jede einzelne Pandemie", sagt Kurator Gauert, "bringt Wissenschaft, Medizin und Gesundheitssysteme voran."

Infografik Karte Weltweiter Impfortschritt Covid-19 DE

Weltweiter Impfortschritt

Allerdings nicht überall gleich schnell - auch in der Corona-Pandemie gibt es ein massives Gefälle zwischen reichen und armen Ländern, wie die DW-Grafik zum Impf-Fortschritt zeigt.  

"Hände waschen nicht vergessen!"

Und jeder und jede kann selbst zum Kampf gegen Viren und Bakterien beitragen. Als Kind hat es mich genervt, wenn ich hungrig an den Esstisch stürzte und von meiner Oma mit einem entschiedenen "Hände waschen nicht vergessen!" zurückgepfiffen wurde. Heute, in Zeiten der Pandemie, beherzige ich ihre Hygiene-Grundsätze gewissenhafter denn je.