Sergej Schnurow: ″Ich bin eine Art Prophet″ | Europa | DW | 22.04.2020
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Russland

Sergej Schnurow: "Ich bin eine Art Prophet"

Vom Rockstar zum Politiker: Im DW-Interview spricht der russische Sänger Sergej Schnurow, bekannt durch die erfolgreiche Band "Leningrad", über seinen Wechsel in die Politik und die russische Demokratie.

Russland Sergei Schnurow Sänger Leningrad

Rockstar Sergej Schnurow bei einem Auftritt mit seiner Band "Leningrad" 2013 in Moskau

Deutsche Welle:Sie sind ein Medienmensch, gesellig und kontaktfreudig, müssen jetzt aber in den eigenen vier Wänden bleiben. Wie geht es Ihnen damit?

Sergej Schnurow: Ich genieße es! Ich habe mich so lange danach gesehnt. Nirgendwo mehr hinrennen, an nichts mehr teilnehmen, nirgendwo mehr glänzen müssen.

Kurz vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie entließen Sie alle Musiker Ihrer Band "Leningrad". Haben Sie etwas geahnt?

Ich finde es spannend, dass ich diese Zeiten geahnt habe. Ich betrachte mich als eine Art Prophet, der rechtzeitig am Abgrund stehen blieb. (Nach einer Konzertreihe 2019 kündigte Sergej Schnurow das Ende seiner Band "Leningrad" an. Das Gleiche tat er allerdings auch schon 2008. Zwei Jahre später kam die Band wieder zusammen. - Anm. der Red.) Das Showgeschäft durchlebt gerade sehr schwere Zeiten. Alle anderen Wirtschaftszweige aber auch. Dabei ist das Showgeschäft nicht unbedingt das Wichtigste, woran man jetzt denken sollte, und ohne das die Russen nicht überleben könnten. Schwer wird es, wenn wir keine Bauern und Bäcker mehr haben. Ohne aber diese zwielichtigen Lieder und Feste (der Musiker – Anm. der Red.) können wir, hoffe ich, gut überleben.

Warum denn zwielichtig? "Leningrad" war doch cool!

Ja, aber dieses Coole ist nun mal vorbei, und es kommt sicher was Anderes. Stellen Sie sich vor, ich hätte mit den Konzerten weitergemacht. Die Versuchung war groß, glauben Sie mir. Viele Leute wollten mich überreden, die Stadiontouren auf den Fußballplätzen unserer Heimat fortzusetzen. Aber aus irgendeinem Grund hatte ich das Gefühl, dass dies nicht notwendig war. Ich habe alle verjagt, nein gesagt. Obwohl man uns für die Auftritte natürlich viel Geld versprochen hat.

Sergej Schnurow

Vorhang auf: Sergej Schnurow auf dem Parteitag der russischen "Wachstumspartei" in Chelyabinsk Ende Februar

Von wegen "Ferien"

Sie sind stattdessen in die Politik gegangen und der "Wachstumspartei" des Unternehmers Boris Titow beigetreten. Eine Partei, die vor allem die Interessen der russischen Unternehmer vertritt. Über welches Wachstum sprechen wir in Corona-Zeiten?

Wir sprechen heute über den Rückgang der russischen Wirtschaft. Aber dort, wo es einen Absturz gibt, wird es einfacher sein, wieder zu wachsen. Von Null an wird jedes Wachstum spürbar sein. Aber im Ernst, wir haben uns bereits an die Regierung gewandt, und es scheint, dass wir gehört wurden. Es bewegt sich etwas zugunsten von kleinen und mittleren Unternehmen. Wir werden weiterhin auf mehr Unterstützung des Staates bestehen. Nicht ohne Grund habe ich immer mal wieder auf die Erfahrung Deutschlands in der Corona-Krise hingewiesen und die deutsche Unterstützung für Unternehmer mit unserem leidenden Land verglichen.

In Russland wurden vierwöchige Ferien bis Ende April vorgeschrieben. Laut Präsident Putin soll im Moment niemand zur Arbeit gehen, die Leute aber trotzdem Gehalt  bekommen. Auch hat niemand die Steuern abgeschafft. Wie schätzen Sie das ein?

Sehr negativ. Es darf nicht passieren. Ich glaube, niemand sollte in diesen Zeiten etwas verschleiern. Die Regierung muss offen mit den Menschen sein. Was heißt hier "Ferien"? Warum nicht gleich einen "Notfall" ausrufen? Was heißt hier der "Standby-Modus"? All diese Begriffe, die die Regierung benutzt, sind schwammig. Wir brauchen Klarheit und - ohne pathetisch zu wirken - Aufrichtigkeit. Die da oben sollen endlich mit uns wie mit normalen Menschen sprechen und nicht wie mit jemandem, den man an der Nase herumführt.

Russland Sergei Schnurow Sänger Leningrad

Lieber auf der Bühne als davor: Schnurow beim 15. Nashestvie Rockmusik Festival 2015 in Bolshoye Zavidovo

"Wenn nicht ich, wer dann?"

Sie selbst sprechen jetzt wie ein Politiker. Warum sind Sie eigentlich in die Politik gegangen? Und warum genau in die "Wachstumspartei"?

Weil vermutlich die Zeit dafür gekommen ist. Denn wenn nicht ich, wer dann? Ich habe mich nach Parteien und politischen Bewegungen umgeschaut und festgestellt, dass mein Platz wahrscheinlich in der Partei von Unternehmern war. Im weitesten Sinne des Wortes. Unternehmer sind wir alle, weil wir immer etwas tun, um zu überleben. So habe ich es interpretiert.

Ja, aber es gibt doch andere Parteien, einschließlich der Oppositionsparteien. Alexej Nawalny zum Beispiel - er hat in seinem Team auch Wirtschaftsexperten.

Nawalny scheint mir der einzig mögliche Führer seiner Partei zu sein. Es ist wie Putin in der Regierungspartei "Geeintes Russland" oder wie Schirinowski in seiner Liberaldemokratischen Partei.

Und in der "Wachstumspartei"?

In der "Wachstumspartei" waren wir uns alle einig, dass wir nicht wie die anderen eine demokratische Zentralisierung brauchen. Im Großen und Ganzen haben wir hier immer noch Demokratie. Ich kann einer anderen Meinung sein als der Rest, die anderen können mir ruhig widersprechen.

Russland Moskau | Alexei Nawalny, Oppositioneller & Aktivist

"Einzig möglicher Führer seiner Partei": Der russische Oppositionspolitiker Alexei Nawalny

"Mehr Dummköpfe in die Politik"

Glauben Sie an die Demokratie in Russland?

An sie zu glauben, ist dumm. Demokratie ist keine Art von Transzendenz. Sie muss aufgebaut werden. Demokratie ist das, was Sie selbst tun müssen. Wenn wir unsere Hände in den Schoss legen und uns nicht weiter in diese Richtung bewegen, dann wird es definitiv niemals Demokratie geben. Je mehr Dummköpfe wie ich mit absolut aufrichtigen Absichten in die Politik gehen, desto besser ist das für unser Land!

Politik ist Macht. Warum brauchen Sie das? Millionen von Menschen lieben Sie in diesem Land auch ohne Politik.

Ich wollte gerne etwas Praktisches tun. Ich denke, dass ich dazu in der Lage bin. Vielleicht sind das alles Illusionen, und die werden bald enttäuscht. Aber lasst mich ihnen doch folgen, lasst mich tun, was ich tue. Ich finde das gerade ganz spannend.

Schließen Sie aus, dass Sie eines Tages wieder Musiker sein werden und nicht mehr Politiker?

Ich schließe überhaupt nichts aus. Aber so wie ich mich kenne, bringe ich jede Sache zum logischen Ende. Als Rockmusiker habe ich mit meiner Band vor vollen Stadien gespielt. Dabei hatte ich am Anfang nicht vor, die berühmteste Rockband Russlands zu gründen.

"Warum sollen wir traurig sein?"

Wie wird die Welt nach der Coronavirus-Pandemie sein? Ihre Prognose.

Nichts kann sein, wie es einmal war. Darum wäre jeder Vergleich mit der Vergangenheit dumm. Aber der Mensch hat nun mal nichts als seine Erfahrung und sein Wissen aus der Vergangenheit. Ich denke, es kommt etwas Neues, wofür wir noch keine Definition haben.

Das heißt, Sie sind eher optimistisch?

Meine Prognose ist immer optimistisch. Warum sollen wir traurig sein? Sie sagen, dass die Welt nicht dieselbe sein wird. Entschuldigen Sie, aber wenn Sie abends ins Bett gehen, wachen Sie doch auch morgens schon in einer anderen Welt auf. Die Welt ist niemals dieselbe.

Das Interview führte Juri Rescheto.

Sergej Schnurow gründete 1997 "Leningrad" - eine der erfolgreichsten Rockbands Russlands. 2020 wandte sich der Musiker der Politik zu und wurde Mitglied der "Wachstumspartei" des reichen Geschäftsmanns Boris Titow, der wiederum zwei Jahre zuvor für das russische Präsidentschaftsamt kandidiert hatte. Schnurow löste mit seinem überraschenden Schritt heftige Kontroversen aus. Kritiker werfen ihm vor, mit den regierenden Eliten zu liebäugeln.

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