Serbien: Aus für die letzten kritischen Medien?
1. Juni 2026
Als sich Ende Mai erneut Zehntausende Menschen auf dem Slavija-Platz in Serbiens Hauptstadt Belgrad zum Protest versammelt hatten, teilte N1-Chefredakteur Branislav Sovljanski eine Grafik auf X: Mehr als die Hälfte aller Zuschauer des Kabelanbieters SBB, auf dem N1 ausgestrahlt wird, hatte in diesem Moment den TV-Sender eingeschaltet, der die Demonstration live übertrug.
Eine Woche später klang Sovljanski deutlich vorsichtiger: Die Sorgen des Publikums um die redaktionelle Unabhängigkeit von N1 seien berechtigt - aber an der Arbeit des Medienunternehmens habe sich bislang nichts geändert. "Das wird auch so bleiben, solange unser Redaktionsteam hier ist", so Sovljanski weiter. "Das können wir unserem Publikum garantieren."
Kurz zuvor hatte der britische Investmentfonds BC Partners den Verkauf des Mediennetzwerks Adria News Network (ANN) an die portugiesische Beteiligungsgesellschaft Alpac Capital bestätigt, laut Medienberichten für 30 Millionen Euro. Vorbehaltlich der Zustimmung der Behörden soll N1 in Serbien, Bosnien und Herzegowina, Kroatien und Slowenien den Besitzer wechseln. Hinzu kommen die serbische TV-Station Nova und die gleichnamige Zeitung, die Tageszeitung Danas, das Magazin Radar sowie Anteile an der Tageszeitung Vijesti in Montenegro.
"Franchise für Autokraten"
Alpac besitzt bereits das Euronews-Netzwerk, das 1993 als paneuropäischer Nachrichtensender gegründet wurde. Seit der Übernahme durch Alpac 2022 sei der Sender zum "Megafon der europäischen Rechten" geworden, sagen Kritiker. Andere sprechen von einer "Franchise für Autokraten", mit der Regierungen ihr Image medial aufpolieren könnten - von Serbien bis Georgien.
Alpac-Chef Pedro Vargas David gilt als enger Vertrauter des ehemaligen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban. Sein Vater Mario David war Europaabgeordneter und langjähriger Orban-Berater. "Die Käufer schaffen kein Vertrauen", meint Zeljko Bodrozic, Vorsitzender des Unabhängigen Journalistenverbands Serbiens (NUNS).
Vorbereitung auf die Wahlen?
In Serbien sorgt der Deal für Unruhe. Kritiker sagen, Präsident Aleksandar Vucic, der das Land seit 2012 dominiert, kontrolliert bereits die nationalen Fernsehsender und die Boulevardmedien in dem EU-Kandidatenland auf dem Westbalkan. Allein im vergangenen Jahr absolvierte Vucic mehr als 400 Medienauftritte.
Vucic verspricht höhere Löhne und Investitionen - und bezeichnet die seit über eineinhalb Jahren anhaltenden Studentenproteste in Serbien als aus dem Ausland gesteuerte "farbige Revolution". N1 und andere kritische Medien würden junge Menschen "aufhetzen". Die Protestbewegung wiederum wirft Vucic Korruption, Verbindungen zur organisierten Kriminalität und Wahlmanipulation vor.
Auslöser der Proteste war der Einsturz des Vordachs am frisch renovierten Bahnhof von Novi Sad im November 2024, bei dem 16 Menschen starben. Die Studenten fordern Neuwahlen und wollen mit einer eigenen Liste antreten. Vucic stellt Wahlen in Aussicht, nennt aber keinen Termin.
Umfragen deuten darauf hin, dass es bei Wahlen zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen der Studentenliste und Vucics Serbischen Fortschrittspartei (SNS) und deren Verbündeten kommen könnte. "Die Idee ist, uns vor den Wahlen zum Schweigen zu bringen", kommentiert ein Journalist eines regierungskritischen Mediums gegenüber der DW. "Jetzt werden wir verkauft. Vucic hat diese Schlacht gewonnen."
Verhaltene Kritik aus der EU
Noch im Februar hatte ANN gegenüber der DW erklärt, ein Verkauf sei nicht geplant. Entlassungen werde es nicht geben, die redaktionelle Unabhängigkeit bleibe gewahrt. Was hat sich seither geändert? Der britische Journalist Brent Sadler, der bei ANN redaktionell und geschäftlich verantwortlich ist, beantwortete Fragen der DW bis heute nicht.
Sollten N1 und die Schwesterredaktionen ihre kritische Linie aufgeben, bliebe in Serbien kein größerer Fernsehsender ohne staatlichen Einfluss, sagen Kritiker. Über diesen Sorgen habe NUNS die Europäische Journalisten-Föderation und andere Organisationen informiert, so Bodrozic. Die Kritik aus der EU an der Regierung des Beitrittskandidaten Serbien bleibt dennoch verhalten.
Zu den "Problemen" von N1 hat sich Präsident Vucic bereits mehrfach geäußert. Einfluss auf den Verkauf habe er nicht, betont er. "Es kommt mir nicht in den Sinn", so Serbiens Staatschef, "Fernsehsender zu verbieten" - auch wenn diese ständig zum Sturz der verfassungsmäßigen Ordnung aufriefen.