Seht, die gute Zeit ist nah … Advent zwischen Realismus, Spannung und Vorfreude | Deutschland evangelisch-katholisch | DW | 26.11.2021
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Deutschland evangelisch-katholisch

Seht, die gute Zeit ist nah … Advent zwischen Realismus, Spannung und Vorfreude

Von den Lichtern am Christbaum bis zum Frieden in der Welt – im Advent wird viel erwartet. Aber was bedeutet es eigentlich, etwas zu erwarten?

Erwartung – kein anderes Wort erfasst besser das Wesen des Advents, auch wenn es ganz unterschiedliche Dinge sind, die da erwartet werden: von den kleinen Kindern der Christbaum, von den größeren die Geschenke, von der Wirtschaft das Weihnachtsgeschäft, von den sozialen Vereinen die Spenderlaune, von den Gehetzten etwas Ruhe und Stille, von den Genießern die Weihnachtsbäckerei, von den Müden die Feiertage, von den Gläubigen … ja, was eigentlich?

„Seht, die gute Zeit ist nah, Gott kommt auf die Erde. Kommt und ist für alle da, kommt, dass Friede werde. Kommt, dass Friede werde,“ singen nicht nur die Kinder in der Adventszeit. Wir Gläubigen erwarten also, dass Gott auf die Erde kommt und dass dadurch Friede werde. Das klingt schön. Die adventlichen Lieder und Texte haben einen ganz eigenen Zauber, der Sehnsucht anspricht und diese Zeit zu etwas Besonderem macht. Wie das mit der Erwartung aber tatsächlich ist, ist noch einmal eine ganz andere Frage. Was soll das heißen, dass Gott auf die Erde kommt? Und wie können wir in unserer so zerrissenen Welt Frieden erwarten?

„Erwartung, die“, hat laut Duden zwei Bedeutungen: 1. Zustand des Wartens, Spannung (die angeführten Beispiele sind: Er war voll[er] Erwartung; sie verbrachte den Tag in banger Erwartung; sie leben in Erwartung des Todes) und 2. vorausschauende Vermutung, Annahme, Hoffnung (mit den Beispielen: übertriebene Erwartungen hegen; ihre Erwartungen wurden erfüllt; er hat sich in seinen Erwartungen getäuscht; in der Erwartung, bald von dir zu hören, gehe ich jetzt).

Adventliche Erwartung scheint der zweiten Bedeutung des Dudens zu entsprechen. Denn adventliche Erwartung ist freudig, hoffnungsvoll – auch deswegen, weil wir nicht unsicher darauf warten, ob Gott wohl kommt oder nicht, sondern feiern, dass Gott Mensch geworden ist. Oder mit anderen Worten, dass die Welt schon erlöst ist. Nur – entspricht das unserer Lebensrealität? Gegenwärtig muss man wohl ziemlich blauäugig, oder besser mit geschlossenen Augen durch die Welt gehen, um sie als erlöst wahrzunehmen. Der Duden weist außerdem auf einen problematischen Aspekt dieser Art der Erwartung hin: Sie kann enttäuscht werden. Und das kann sehr bitter sein. Möglicherweise haben wir alle ganz gut gelernt, möglichst keine Erwartungen zu haben. Wenn ich Exerzitien begleite, frage ich am Beginn immer, was die Leute sich denn von diesen Tagen erwarten, und ich bekomme oft zur Antwort: „Ach, ich erwarte lieber nichts. Ich bin offen.“ Ich kann diese Haltung verstehen. Enttäuschte Erwartung ist nicht schön. Da ist es besser, sich ein wenig abzuhärten.

Und ist das nicht der einzige Weg, mit dem Geschehen in dieser Welt klarzukommen? Wer von der COP 26, der UN-Klimakonferenz, die kürzlich in Glasgow stattfand, zu viel erwartet, wird zwangsläufig enttäuscht werden. Und sind nicht die großen, ja übergroßen Erwartungen, die an den synodalen Weg, den Reformprozess in der katholischen Kirche, geknüpft werden, das eigentliche Problem? Denn vermutlich ist auch hier Enttäuschung vorprogrammiert. Und auch unsere Erfahrungen mit der Pandemie bewegen sich zwischen den Erwartungen und ihren Enttäuschungen: Die Impfungen kamen zwar schneller als erwartet. Wer hätte aber im April 2020 gedacht, dass wir jetzt, eineinhalb Jahre später, noch immer mit dem Virus kämpfen und die Möglichkeit von Lockdowns wie zuvor im Raum steht? Oder wenn wir an die Lage in Afghanistan denken: Das Engagement der westlichen Mächte in Afghanistan war zwar sicher eine sehr ambivalente Angelegenheit, aber sie war doch von der Erwartung getragen, dieser krisengeschüttelten Region zu Frieden und Stabilität verhelfen zu können. Und jetzt?  Die Taliban sind wieder an der Macht, Gewalt und Terror stehen an der Tagesordnung, Millionen Menschen leiden Hunger. Schlimmer hätte es wohl kaum kommen können. Und Gott schweigt.

Ist es also besser, ohne Erwartungen – weder an die Menschen noch an Gott – durchs Leben zu gehen, und ist der Advent 2021 der richtige Moment damit zu beginnen? Wenn ich mir das für einen Moment vorstelle, merke ich allerdings schnell, dass es eng wird in mir und kalt. Es mag verführerisch sein, nicht mehr bang darauf zu warten, dass die Mächtigen dieser Welt sich doch auf die dringend notwendigen Klimaziele einigen und in der Kirche endlich ein neuer und gerechterer Frühling anbricht. Es hat etwas für sich, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass es der Erde vielleicht ohne den Menschen besser geht und dass die Zeit der Kirche wahrscheinlich einfach vorbei ist. Ich kann das denken. Aber dann wird es kalt in mir.

Ganz abgesehen davon, dass ich Kälte noch nie mochte – wirklich wohl fühle ich mich bei 30° – frage ich mich, ob diese desillusionierte Sicht wirklich der Realität gerecht wird. Es liegt vieles im Argen, zweifellos, aber es gibt auch die Leidenschaft – in mir und in so vielen Menschen. Eine Leidenschaft für das Leben, für die Menschen, für eine gerechtere Welt. Ich glaube nicht daran, dass das Weltgeschehen kalten Gesetzen folgt, sondern dass meine Haltung eine Rolle spielt. Wie soll sich in unserer Welt und unserer Kirche etwas verändern ohne diese Menschen, die etwas erwarten und sich auch dafür einsetzen, im Vordergrund und im Hintergrund. Und meine, unsere Leidenschaft kann getragen sein von der Leidenschaft Gottes, der für diese Welt Mensch geworden ist. So könnten wir doch rund um den Adventskranz singen.

Aber vielleicht hat der Duden auch recht, uns daran zu erinnern, dass das Wort „Erwartung“ nicht nur frohe Hoffnung und vorausschauende Annahme meint, sondern auch eine andere Bedeutung hat: Zustand des Wartens, Spannung. Diese Art der Erwartung ist schwieriger, weil man nicht weiß, was kommen wird. Ob es tatsächlich gut ausgehen wird oder nicht. Erwartung in diesem Sinne ist nicht einfach vorprogrammierte Freude, sondern braucht Mut. Es heißt ein Wagnis eingehen, aus der Komfortzone der coolen Gelassenheit herauskommen, sich einer Anspannung aussetzen, neugierig werden und tatsächlich offen. Alte Bilder und feste Vorstellungen loslassen. Sich auf den Weg machen. Auch wenn wir noch nicht wissen, wo und auf welche Weise wir die Krippe finden werden.

So könnte – wenn wir uns trauen – der Advent 2021 nicht eine Zeit der reduzierten, sondern der verstärkten Erwartung sein. Erwartung im doppelten Sinn: die freudige Ahnung, dass die Zärtlichkeit Gottes uns nahekommt und die Spannung, dass wir nicht wissen, wie Gott in dieser zerrissenen Welt wirkt und wo er uns begegnen wird.

Gott, dein Schweigen ist ebenso anders, wie dein Kommen sein wird. Maranatha – Komm, Herr, denn diese Welt braucht dich!

 

Sr. Christine Klimann gehört zur Kongregation der Helferinnen, einer katholischen Ordensgemeinschaft mit ignatianischer Spiritualität. Sie ist Pastoralreferentin, in Begleitung und Exerzitienarbeit tätig und studiert gegenwärtig am Institut für Psychologie der Gregoriana in Rom.