Schwierige Abiturprüfungen in Corona-Zeiten | Deutschland | DW | 17.04.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Bildung

Schwierige Abiturprüfungen in Corona-Zeiten

Für einige Schüler stehen bald ihre Abiturklausuren an, mitten in der Corona-Krise. Unter heftigem Protest. In Berlin etwa wehren sich viele Abiturienten gegen die Schulöffnung.

Nach einigem Hin und Her lässt sich der Berliner Senat nicht mehr erweichen. Nachdem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit den Ministerpräsidenten der Länder Mitte der Woche beschlossen hatte, dass Deutschland die drastischen Einschränkungen durch die Corona-Pandemie lockert, steht jetzt fest: Die Berliner Oberschüler, die seit Wochen zuhause ausharren und keinen Unterricht mehr haben, schreiten zum Abitur. Wie in allen anderen Bundesländern auch, zu unterschiedlichen Zeitpunkten allerdings.

Bei Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller (SPD) klingt das so: "Das muss man jetzt auch wirklich umsetzen", sagte Müller dem "Rundfunk-Berlin-Brandenburg" (RBB). Und weiter: "..die, die das Abitur schreiben wollen, die müssen die Chance dazu haben."

Proteste unter den Schülern

Viele Schüler sind aufgebracht und fühlen sich im Stich gelassen. 178 Sprecher von Berliner Schulen, die zum Abitur führen, und das sind fast alle, laufen seit Wochen Sturm gegen die Prüfungen, die jetzt doch kommen. Landesschülersprecher Miguel Góngora sagt der DW: "Die Bibliotheken sind zu, man kann sich nicht in Lerngruppen treffen. Und wir haben das Problem, dass viele Menschen zu Risikogruppen gehören." Schüler etwa, deren Eltern unter Asthma litten, seien in Sorge wegen der erhöhten Ansteckungsgefahr. Und die Schüler bemängeln auch den notorisch schlechten Zustand der Schulgebäude in Berlin. Góngora: "Wir hatten vor der Schulschließung schon festgestellt, dass nicht einmal alle Schulen volle Seifenspender zur Verfügung haben. Die Flure sind meist zu klein, um den Mindestabstand einzuhalten." Denn viele der maroden Gebäude werden ständig saniert.

Miguel Gongora | Landesschülersprecher in Berlin (M. Gongora)

Sieht Probleme beim Abstandhalten in den Schulen: Der Berliner Landesschülersprecher Miguel Góngora

Eine Beschreibung, die in den Chats und Whatsapp-Gruppen zweier Oberschulen im Berliner Süden geteilt werden, an der Fichtenberg-Oberschule und an der Beethoven-Oberschule. Einige Schüler etwa an der Beethoven-Oberschule haben "Darstellendes Spiel" (DS) als Abiturfach, sie werden jetzt aufgefordert, bei der Theatervorführung den Mindestabstand einzuhalten. Das ist kaum machbar, sind sich die Schüler einig. Heikel sind auch die Prüfungen in Physik oder Chemie, bei denen Experimente Teil der Prüfung sind. Die können jetzt womöglich gar nicht mehr stattfinden. In einem weiteren Chateintrag der Schüler heißt es, kaum lösbar sei auch "…dass alle, die in einer Sportprüfung eine Kontaktsportart gewählt haben, jetzt in einer anderen Sportart einen Teil der Prüfung ablegen müssen." Da bleibe meist nur Badminton oder Tischtennis, heißt es sarkastisch, obwohl sich viele Schüler monatelang auf Prüfungen etwa im Fach Fußball vorbereitet haben.

Kein "Notabitur" wie in Österreich

Vor einigen Wochen schien ein Ausweg greifbar: In der Runde des Kultusminister der Länder, die für die Schulen in Deutschland zuständig sind, gab es den Vorschlag, die Abiturprüfungen ausfallen zu lassen und die Abiturnote einfach aus dem Durchschnitt der Leistungen der vergangenen Jahre zu errechnen. Der Vorschlag, der aus Schleswig-Holstein kam, wurde aber verworfen. Eine Idee aber, die viele Berliner Schüler mitgetragen hätten. Für solch flexible Regelungen gibt es derzeit in Europa durchaus Beispiele. Österreich etwa hat eine Art "Notabitur" beschlossen, mit einer verkürzten Zahl schriftlicher Prüfungen. Die mündlichen Prüfungen entfallen in der Regel. Dafür werden die Noten des Abschlussjahres stärker berücksichtigt.

Abiturzeugnis (picture-alliance/dpa/K.-J. Hildenbrand)

Geschenkt? Wie errechnet sich in diesem Jahr die Abiturnote?

In Deutschland wurde das anders entschieden: In der öffentlichen Diskussion kam schnell der Vorwurf auf, die Politik könne den Schülern trotz Corona das Abitur nicht einfach "schenken". Was die gestressten Schüler besonders erregte. In einem der Chats der beiden Berliner Schulen wird ein Erwachsener zitiert, der sich an der Debatte beteiligte: "Freitag streiken und den Unterricht versäumen und jetzt auch noch Corona. Da ist es wirklich zu viel verlangt, sich auch noch auf das Abitur vorzubereiten." Eine Anspielung auf die Teilnahme vieler Schüler an den Streiks der weltweiten Klimaaktion "FridaysForFuture", weit vor der Corona-Krise. Der Ton zwischen Erwachsenen und Schülern in der Corona-Krise wird offenbar rauer.

Elternvertretung begrüßt die Schulöffnung

Grundsätzlich für eine Öffnung der Schulen ist der Landeselternausschuss in Berlin. Der Vorsitzende der Vertretung der Eltern von Hauptstadt-Schülern, Norman Heise, sagte nach der Entscheidung zur vorsichtigen Schulöffnung am Donnerstag: "Natürlich werden viele Familien froh darüber sein, dass sie endlich ihren Alltag wieder anders als bisher gestalten und Eltern wieder arbeiten gehen können. Aber da gibt es auch Eltern, die die Ansteckungsgefahr fürchten und sich fragen: Wie soll das funktionieren mit den hygienischen Bedingungen an den Schulen?"

Fest steht schon jetzt: Unter so schwierigen Bedingungen wie in diesem Jahr haben selten Abiturjahrgänge in Deutschland ihre Prüfungen abgelegt. Aber ein Zurück gibt es jetzt nicht mehr, in wenigen Tagen beginnen die Klausuren.