Schwedischer Arzt in der Todeszelle im Iran | Europa | DW | 28.02.2018
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Menschenrechte

Schwedischer Arzt in der Todeszelle im Iran

Bei einer Reise in den Iran wurde der schwedisch-iranische Arzt Ahmadreza Djalali verhaftet, der Spionage angeklagt und zum Tode verurteilt. Stockholm reagierte spät - das Urteil kann jederzeit vollstreckt werden.

Schweden Demonstration für Ahmadreza Djalali (Amnesty International)

Amnesty International Schweden protestiert gegen Djalalis Inhaftierung

Als sie vor zehn Tagen die Nachricht bekam, dass ihrem Mann die schwedische Staatsbürgerschaft verliehen wurde, war Vida Mehrannia einfach nur erleichtert. "Ich war so glücklich, weil ich hoffen kann, dass die schwedische Regierung nun mehr Möglichkeiten hat, meinem Mann zu helfen", sagt die 43-Jährige im Gespräch mit der DW.

"Durch die Entscheidung der schwedischen Einwanderungsbehörde bekommt die Außenministerin formell das Recht, Herrn Djalali zu treffen", erklärt Ami Hedenborg von Amnesty International Schweden die Rechtslage. So lange er nur ein Aufenthaltsrecht hatte, gab es völkerrechtlich darauf keinen Anspruch.

Fatale Reise in die Heimat

Im April 2016 war Dr. Djalali zu Seminaren mit Kollegen nach Teheran und Schiras gefahren. Er ist Katastrophenmediziner, unterstützt Krankenhäuser beim Umgang mit Opfern von Naturkatastrophen wie Erdbeben oder bewaffneten Konflikten unter Bedingungen extremer Armut.

Seine Ausbildung absolvierte der Arzt am Karolinska Institut in Schweden, seine Spezialisierung an der Universität des Piemont (CRIMEDIM) in Italien, zuletzt arbeitete er in der Forschungsabteilung der Freien Universität Brüssel (VUB).

Dr. Djalalis internationale Karriere wurde jäh abgebrochen, als die iranischen Behörden ihn zunächst verhafteten, ihm über ein Jahr später wegen angeblicher "Spionage für Israel" den Prozess machten und ihn schließlich im Oktober vergangenen Jahres wegen "Zusammenarbeit mit einem feindlichen Staat" zum Tode verurteilten. 

Vida Mehrannia, Ehefrau von Ahmadreza Djalali (Andrea Roensberg)

Vida Mehrannia fürchtet um das Leben ihres Mannes Ahmadrezah

Familie unter Schock

"Ich hatte es nicht für möglich gehalten, dass sie ihn zum Tode verurteilen können, ohne jegliche Beweise vorzulegen", sagte seine Frau Vida in Stockholm. "Ich stand unter unheimlichem emotionalem Druck und war in einer Art Schockzustand."

Das gilt besonders, weil sie ihren Kindern im Alter von sechs und 15 Jahren irgendwie erklären musste, warum ihr Vater nicht nach Hause kam. Dem kleinen Sohn hat sie bis heute nicht gesagt, dass er ihn vielleicht nie wiedersehen würde. "Ich kann mit ihm nicht darüber sprechen, ich kann ihm nicht erklären, dass sie seinen Vater umbringen wollen", sagt Vida. Ohne die Unterstützung der Familie im Iran und der Freunde in Schweden würde sie selbst den Druck kaum ertragen.

Kampagne für Djalali erfolglos

Seit seiner Festnahme engagiert sich Amnesty International für den inhaftierten Arzt. Noch im November, nach dem Todesurteil, schrieben 75 Nobelpreisträger an den iranischen UN-Botschafter mit der Bitte, ihn freizulassen. Mitte Januar organisierten die schwedische Wissenschaftsakademie, Amnesty und sein ehemaliger Arbeitgeber, das Karolinska Institut, eine gemeinsame Demonstration für Djalali.

Seine ehemalige Betreuerin und Vorgesetzte, Lisa Kurland, sagt, er sei ein fantastischer Mensch und beeindruckender Wissenschaftler. "Djalali wusste, wie sehr Katastrophen die Bevölkerung treffen können, weil er die Erdbeben im Iran und den Umgang damit selbst erlebt hatte. Als Katastrophenmediziner wollte er wirklich in solchen Notsituationen die medizinische Versorgung der iranischen Bevölkerung verbessern."

Iran Akademiker Dr. Ahmadreza Djalali zum Tode verurteilt (privat)

Ahmadreza Djalali ist in verzweifelter Situation in der Todeszelle

Auch die VUB in Brüssel appellierte an die iranische Regierung. "Dieser Wissenschaftler wurde in einem nicht-öffentlichen Verfahren verurteilt und ist jetzt von der Todesstrafe bedroht", erklärte die Rektorin der Universität, Caroline Pauwels, gegenüber belgischen Medien. Er habe an wichtigen Forschungsvorhaben gearbeitet, sei ein hochgeschätzter Kollege.

Seine internationalen Kollegen hatten erst Monate später von seiner Verhaftung erfahren. Seine Frau Vida hatte die Öffentlichkeit zunächst gemieden, weil sie hoffte, Ahmadreza würde frei gelassen. Die meisten Regierungen raten in Fällen wie diesem zur Verschwiegenheit.

Inzwischen arbeitet sie öffentlich für die Sache ihres Mannes, sucht Kontakte zu seinen früheren Kollegen, zu den Medien. Sie ist überzeugt, dass internationale Aufmerksamkeit ihm noch helfen kann. Und dass ihr Mann wieder nach Hause kommt, zurück zu seiner Familie und seinem Leben in Schweden.

Evin Gefängnis in Teheran im Iran (FF)

Das berüchtigte Evin-Gefängnis in Teheran

Stockholm: Zu wenig, zu spät

Die Nahost-Spezialistin von Amnesty International in der Zentrale in London allerdings hat zum Fall Djalali wenig Ermutigendes zu sagen. "Die Einbürgerung durch die schwedische Regierung war zu wenig und kam zu spät", sagt Yasamin Alttahir. Zu diesem späten Zeitpunkt sieht sie geringe Chancen für eine politische Intervention Stockholms.

Die iranische Justiz hat inzwischen alle Rechtsmittel gegen die Todesstrafe abgelehnt. Zuletzt auch den Versuch, eine Überprüfung des Verfahrens anzustrengen, dass nach Aussagen von Amnesty zahlreiche Unregelmäßigkeiten und Rechtsfehler enthielt. 

Auch die noch mögliche konsularische Hilfe für Djalali sei zu diesem späten Zeitpunkt "sehr begrenzt". Gibt es noch irgendeine Hoffnung? Es bliebe vielleicht eine Amnestie am nächsten religiösen Feiertag, eventuell am iranischen Neujahrsfest.

Und das Schicksal des schwedisch-iranisches Arztes Ahmadreza Djalali ist kein Einzelfall: Rund 30 Menschen mit doppelter Staatsangehörigkeit sollen nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters in den vergangenen zwei Jahren im Iran verhaftet worden sein. Darunter niederländische, britische und US-amerikanische Bürger. Anfang Februar beging der kanadisch-iranische Umweltforscher Professor Kavous Seyed-Emami angeblich Selbstmord im Evin-Gefängnis in Teheran. Die kanadische Regierung fordert, die Umstände seines Todes aufzuklären. 

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