Schmucker: ″Kims Raketenwaffe existiert nicht″ | Asien | DW | 19.03.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Asien

Schmucker: "Kims Raketenwaffe existiert nicht"

Kann Kim Jong Un mit seinen Raketen Europa und Deutschland erreichen? Solche Informationen soll der Bundesnachrichtendienst laut Medienberichten haben. Raketenexperte Schmucker hält das für höchst unwahrscheinlich.

DW: Laut Medienberichten hat der stellvertretende BND-Chef Ole Diehl in einer gemeinsamen Sitzung mit Bundestagsabgeordneten erklärt, man könne mit Sicherheit sagen, dass Nordkorea mit seinen Raketen Europa und Deutschland erreichen könne. Was halten Sie von solchen Erkenntnissen?

Professor Schmucker: Ich bin davon sehr überrascht, weil wir seit November keinen Abschuss mehr aus Nordkorea hatten und ich mich frage, was sich jetzt geändert haben soll. Kim hat mit dieser Interkontinentalrakete HS 15 einmal gezeigt, dass er vielleicht 12.000 Kilometer weit schießen kann, mit einer kleinen Nutzlast, vielleicht 700 Kilogramm, mehr ist es nicht.

Wir wissen nichts über eine Schusstafel, wir wissen nichts über Entwicklungen, wir wissen nichts über Wiedereintrittskörper, wir wissen nichts über die Nuklearwaffe, die da angeblich drin sein könnte. Es ist für mich eine reine Behauptung. Das ist vielleicht möglich, ja vielleicht, aber ich würde sagen, nach meinen Analysen ist die Wahrscheinlichkeit eher die, dass es nicht der Fall ist.

Aber die erwähnte Nutzlast würde doch ausreichen für einen Atomsprengkopf? Ist das nicht eine hinreichend konkrete Bedrohung?

Ja, natürlich, wenn ich ein Land bin, das seit Jahren oder Jahrzehnten Nuklearwaffen entwickelt und erprobt hat. Aus Nordkorea wissen  wir von einigen Explosionen und Detonationen, mehr nicht. Daraus zu schließen, dass die ein operationelles Nuklearwaffensystem hätten, ist sehr kühn. Um angreifen zu können, brauche ich ein voll funktionsfähiges, sicheres System. 

Robert Schmucker Raketenexperte (picture-alliance/dpa)

Raketenexperte Schmucker: Nordkoreas angebliche Fähigkeiten sind völlig unrealistisch

Unerprobte Raketentypen aus dem Ausland

Was deutet Ihrer Ansicht noch darauf hin, dass Kim Jong Un zwar gut ist im Drohen, aber nicht unbedingt in Raketentechnologie?

Das ist so, wie wenn Sie einen Ferrari aus der Garage ziehen und sagen: Ich habe diesen Ferrari selber gebaut. Dann wird jeder sagen: Erzähl das jemand anderem. Und genauso ist es mit Nordkorea. Die ziehen praktisch aus dem Stand eine Rakete nach der anderen aus dem Hut, und zwar acht Raketen, acht neue Typen in den letzten zwei Jahren.

Das, was wir an der Interkontinental-Rakete an technischen Indikationen sehen, lässt darauf schließen, dass sie aus Russland oder einem Nachfolgeland der Sowjetunion kommt. Das Triebwerk ist jedenfalls identifizierbar, ein sowjetisch-russisches Triebwerk. Die Daten, die Nordkorea dazu geliefert hat, sagen klar, um welches Triebwerk es sich handelt. Das geht auch aus den Bildern hervor. Und das heißt, da gehört auch eine Rakete dazu.

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Nordkorea aus dem Nichts heraus diese Triebwerke baut und auch noch eine zweistufige Rakete. Das ist alles etwas viel auf einmal. Und dazu noch acht verschiedene Raketen-Typen ganz unterschiedlicher Art, die nicht aufeinander abgestimmt sind.

Aber selbst wenn diese Raketen auf Entwicklungen des Auslands basieren, könnten sie doch einsatzbereit sein?

Nein, sie sind erst dann einsatzbereit, wenn sie völlig qualifiziert sind. Das heißt, sie müssten mit 30 Abschüssen 30 Mal erprobt sein, denn die Fertigungslinie muss ja passen. Das Material muss bei unterschiedlichen Temperaturen qualifiziert werden. Die Raketen müssen auf genauen Flugbahnen in West- und in Ost-Richtung abgeschossen werden können. Bis zu einem funktions- und einsatzfähigen System, das die gesamten Flugbelastungen übersteht, ist es ein weiter Weg. Das muss alles ausprobiert werden. Wir haben extreme Wiedereintrittsbelastung. Wir brauchen einen Wiedereintrittskörper,  der diese Belastung, die Temperaturen, die Verzögerungen und die Auslösung übersteht: Das sind alles Dinge, die nicht nachgewiesen sind und noch nie demonstriert wurden.

 Nordkorea Führer Kim Jong Un (picture-alliance/AP Photo/E. Hoshiko)

Kim Jong Un: Alle Karten ausgespielt?

Kim hat alle Karten ausgespielt

Aber hat nicht beispielsweise der Weltraum-Wettlauf zwischen Sowjetunion und USA in den 60er Jahren gezeigt, dass bei entsprechendem politischem Willen rasche technologische Durchbrüche möglich sind?

Diese großen Raketen der Amerikaner wurden nahezu wöchentlich verschossen, in einem Jahr vielleicht 40 Stück. Auch in der Sowjetunion wurden sie in Mengen verschossen, weil man so etwas ja lernen muss - auch die Fertigung. Sie brauchen viele, viele Vorrichtungen. Hinzu kommen in Nordkorea acht unterschiedlichste Raketentypen mit unterschiedlichen Technologien. Was sie da an Vorrichtungen brauchen, an Qualitätssicherung, an Maschinen, an Anlagen, an Personal - das würde kein Land stemmen. Aber Nordkorea macht das angeblich wie beim Spaziergang.

Wir müssten also etwa 30 Abschüsse hintereinander auf Ziele sehen. Das haben wir bis jetzt bei keinem Gerät gesehen. Nordkorea hat relativ oft nur alte sowjetische Raketen wie die Scud abgeschossen, oder eine kleine Artillerie-Rakete, die auch 20 mal abgeschossen wurde. Alles kleine Geräte, die bekannt sind. Geräte, die schon bei der NVA der DDR im Arsenal waren.

Sind also die Sanktionen übertrieben, mit denen man Kims Atomrüstung begegnen will?

Gar nicht, sie sind sehr sinnvoll. Denn er hat mit diesen Raketen und mit der letzten Explosion alle Karten ausgespielt, wie beim Pokern. Mehr hat er nicht, und das hat er auch selber gesagt: "Wir sind jetzt am Ende, wir sind fertig, wir haben alles, was wir brauchen." Und jetzt schaut er, was kommt, jetzt kommen die Verhandlungen. Denn er kann nicht mehr weiter drohen, er hat die Interkontinentalrakete, womit kann er denn noch mehr drohen? Er könnte theoretisch jetzt zum Beispiel jede Woche eine dieser Raketen verschießen. Dann hätten wir im Westen Grund zu sagen: Was ist denn da los? Was hat er denn da, das ist ja sagenhaft!

Robert Schmucker ist außerplanmäßiger Professor am Lehrstuhl für Raumfahrttechnik der TU München.

 

Die Redaktion empfiehlt