Das Schlagzeug ist Instrument des Jahres 2022 | Musik | DW | 01.01.2022
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Musik

Das Schlagzeug ist Instrument des Jahres 2022

Seit Urzeiten trommeln Menschen auf Dingen herum. Das Schlagzeug gibt es allerdings erst seit gut 100 Jahren. Nun bekommt es eine besondere Ehrung.

"Wie kann man einen Schlagzeuger am schnellsten aus dem Konzept bringen? Indem man ihm ein Notenblatt vorlegt." Dieser Drummer-Witz ist noch einer der harmloseren. Schlagzeuger gelten als dumm, laut, völlig unmusikalisch und nicht in der Lage, das Tempo zu halten. Eine Randgruppe unter Musikern also.

Dass das nicht der Wahrheit entspricht, beweisen unzählige Drummer, die Musikgeschichte geschrieben haben, die sehr wohl in der Lage sind, Noten zu lesen, Songs zu schreiben und Bandleader zu sein. Leuchtende Beispiele - von Ginger Baker bis Dave Grohl - sind in unserer Bildergalerie zu sehen. 

Seit 2008 wird, initiiert vom Landesmusikrat Schleswig-Holstein, ein Instrument des Jahres bestimmt und mit allerlei Förderungen und Veranstaltungen bedacht. Nach Oboe, Orgel oder Harfe ist mit dem Drumset nun ein wahrer Krachmacher an der Reihe, der in der klassischen Musik ein Nischendasein führt, in der Pop- und Rockwelt aber unverzichtbar ist. Funfact: Das Schlagzeug, so wie wir es heute kennen, ist gerade mal 100 Jahre alt.

Trommeln aus der ganzen Welt

Trommeln gibt es seit Menschengedenken. Zum Beschwören der Götter und Geister, als Heiltherapie, als Rhythmusinstrument beim Tanz, oder als Taktgeber. Überall auf der Welt gibt es traditionelle Trommeln verschiedenster Art, mit unterschiedlichen Formen und Klängen - von der irischen Bodhrán, der Darbuka aus Nordafrika, der westafrikanischen Djembé bis zu indischen Tablas, japanischen Taiko-Trommeln, südamerkanischen Timbas und karibischen Steel Drums. Viele der traditionellen Instrumente aus der Weltmusik haben auch westliche Pop- und Rockmusiker beeinflusst, die die Klänge dieser Trommeln in ihre Musik integriert haben.

Schnarrtrommeln aus dem Mittelalter

Als Taktgeber waren dicke Trommeln auf den antiken Galeeren gebräuchlich: Die Ruderer wurden mit dumpfen Trommelschlägen angetrieben und im gleichen Takt gehalten. Im Mittelalter brachten Kreuzritter die ersten kleinen Trommeln aus dem Nahen Osten nach Europa. Soldaten benutzen die "Schnarrtrommeln" zur Unterstützung beim Marschieren. Und im 16. Jahrhundert brachten die Kriege mit dem Osmanischen Reich Becken und Pauken hierher. Es sollte noch Jahrhunderte dauern, bis all diese Schlaginstrumente zu einem "Set" zusammengebastelt wurden.

Buntes Gemälde (um 1800), das schwarze Musiker beim Musizieren zeigt.

Dieses Bild ist um etwa 1800 entstanden. Rechts wird auf einer Vase getrommelt.

Wahrscheinlich kam die Initialzündung dazu auf der anderen Seite des Atlantiks: Im Süden der USA hatte sich ein Völkergemisch gebildet, mit spanischen, französischen Einflüssen - und auch mit afrikanischen, denn in den Südstaaten herrschte Sklaverei. So flossen dort unterschiedliche kulturelle Strömungen ineinander, die europäische und die afrikanische. Gerade im Schmelztiegel New Orleans entstanden zahlreiche Musikgruppen. 

Ein Schlagzeug-Set sparte mehrere Musiker ein

Nach dem Ende des US-amerikanischen Sezessionskrieges 1865 wurde die Sklaverei abgeschafft und die Militärkapellen wurden überflüssig. Die befreiten Sklaven konnten nun eigenes Geld verdienen.

Ein junger, dunkelhäutiger Mann mit Trommel vor dem Bauch.

Die Trommler im Sezessionskrieg waren oft jung, im Norden auch schwarz, und meistens die ersten Opfer.

Militärmusiker verkauften ihre Instrumente für wenig Geld - und schnell entstanden kleine und große Orchester, vor allem mit schwarzen Musikern. Die spielten das Repertoire der weißen Militärkapellen. Sie traten als Marching Bands auf den Straßen auf und spielten bei Tanzabenden auf Flussdampfern, in Bars und Bordellen.

Die Besetzung: mehrere Blasinstrumente, Gitarre, Banjo und die Trommler: einer an der großen Trommel, einer an der "Snare", die wie eine Marschtrommel klingt, und einer, der die Becken zusammenschlug. Mit der Zeit erwies sich das als unwirtschaftlich für die Bands. So probierte man, die verschiedenen Trommeln und Becken zusammenzubauen oder mit bestimmten Techniken gleichzeitig zu spielen.

Mehrere Drummer hatten bereits mit Fußmaschinen experimentiert; die erste soll schon 1850 gebaut worden sein. Doch erst mit der steigenden Nachfrage wurde diese Idee richtig populär. Als Erfinder eines gebrauchsfähigen Bassdrum-Pedals gilt der Amerikaner G.R. Olney (oft auch J.R. Olney genannt). Mit seiner Fußmaschine hatte ein Trommler nun seine Hände frei, um andere Instrumente zu schlagen. Die Firma Ludwig & Ludwig - Söhne deutscher Einwanderer - brachte das Teil Ende des 19. Jahrhunderts in Serie.

2018 feierte das Schlagzeug seinen 100. Geburtstag

Schnell entstanden die ersten Schlagzeuge, die große Ähnlichkeit mit den heutigen Drumsets haben. Im Zentrum die dicke Bassdrum, die mit einem Fußpedal geschlagen wird, davor die Snare. Eine Hi-Hat (ein Doppelbecken, das mit einer Fußmaschine aufeinandergeschlagen wird) und verschiedene weitere Trommeln, Percussionsinstrumente und Becken.

Ein Schlagzeuger sitzt an einem Drumset aus Edelstahl bei der Musikmesse Frankfurt.

"Stahlwerk": Ein Drumset komplett aus Edelstahl. Normalerweise sind die Trommeln aus Holz.

Tatsächlich aber ist das erste funktionstüchtige in Serie gegangene komplette Schlagzeugset 1918 durch die Ludwigs, die ihre Firma inzwischen Ludwig Drum Corporation nannten, auf den Markt gebracht worden.

Später bauten auch die Firmen Gretsch (USA), Premier (Großbritannien) und Sonor (Deutschland) Schlagzeuge, und schließlich kamen mit Yamaha, Pearl und Tama auch asiatische Firmen auf den Markt. Bis heute bieten alle hochqualitative Schlagzeugsets. Die Hersteller der Becken aber haben eine uralte osmanische Tradition. Auch wenn die bekanntesten Firmen heute in den USA oder Kanada sitzen: Die Firmen Zildjian und Sabian haben ihren Ursprung im Konstantinopel des 16. Jahrhunderts.

Am 31.12.2021 widmet sich die Deutsche Welle mit einem Thementag der Popmusik. "Pop24" läuft ab 9 Uhr MEZ 24 Stunden lang auf DW Deutsch und DW Deutsch+ und im DW-Stream.

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