Schiiten in Nigeria: Sicherheitsrisiko oder unterdrückte Minderheit? | Afrika | DW | 27.04.2018
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Afrika

Schiiten in Nigeria: Sicherheitsrisiko oder unterdrückte Minderheit?

Seit Wochen liefern sich Schiiten und Sicherheitskräfte in Nigeria heftige Auseinandersetzungen. Es ist ein Konflikt, der schon lange schwelt - und in dem auch der Iran und Saudi-Arabien eine Rolle spielen.

Tränengas, Wasserwerfer und scharfe Munition: immer wieder geht die Polizei in Nigerias Hauptstadt Abuja mit aller Härte gegen schiitische Demonstranten vor. Am 16. April wurde dabei nach Angaben der Protest-Organisatoren ein Mensch getötet, mehrere wurden angeschossen. Die Polizei gab bekannt, dass allein an diesem Tag seien 22 Polizisten verletzt und 115 Demonstranten verhaftet worden. Die Schiiten sind in der Islamischen Bewegung für Nigeria (IMN) organisiert. Seit mehr als zwei Jahren kämpft diese für die Freilassung ihres Anführers Ibrahim Al Zakzaky.

Islamische Wohltäter oder Extremisten?

Die Geschichte der Schiiten in Nigeria beginnt 1979, im Jahr der Islamischen Revolution im Iran. Im selben Jahr wurde die damalige Militärregierung  durch eine - kurzlebige - demokratische Regierung abgelöst. Und der junge Ibrahim Al Zakzaky wurde der Universität im nordnigerianischen Zaria verwiesen. Ein Jahr später ging er in den Iran und war beeindruckt vom schiitischen Revolutionsführer Ajatollah Chomeini, der den Schah gestürzt und das Land in einen islamischen Staat verwandelt hatte. Al Zakzaky nahm den Glauben der schiitischen Mehrheit des Iran an. Nach seiner Rückkehr gründete er die IMN.

Eine Gruppe Frauen in islamischen Gewändern bei einer Demonstration in Abuja am 26.04. (picture-alliance/AA/A. A. Bashal)

Nach Geschlechtern getrennt: Eine IMN-Demonstration in Abuja

Durch soziales Engagement gewann die Bewegung vor allem unter der armen Bevölkerung Sympathien und schuf sich ein starkes Netzwerk. Mehr als eine Million Menschen im Norden Nigerias konvertierten nach Schätzungen vom sunnitischen zum schiitischen Islam - unter der Führung der IMN. Mit diesem Glauben habe Al Zakzaky sich vor allem von anderen Muslimen abgrenzen wollen, sagt der Buchautor und Nigeria-Experte Heinrich Bergstresser im DW-Interview. Dahinter stehe eine rigorose Interpretation des Islam. Al Zakzaky strebe eine muslimische Revolution nach iranischem Vorbild an. An deren Ende stehe die Abschaffung des säkularen Staates durch einen bewaffneten Dschihad. Wer dem radikalen Glauben nicht folge, werde nicht als richtiger Muslim anerkannt.

Nach kleineren Zusammenstößen eskalierten die Spannungen zwischen der IMN und der Armee am 12. Dezember 2015 in Zaria. IMN-Anhänger blockierten eine Straße, über die der Chef der nigerianischen Armee zu einer Parade reisen sollte. Die Soldaten witterten einen Attentatsversuch,  schossen sich den Weg frei und setzten zum Gegenschlag an. Laut dem offiziellen Untersuchungsbericht wurden bei den Kämpfen 349 Menschen getötet, darunter ein Soldat. Die Opfer wurden in einem Massengrab geworfen. Ibrahim Al Zakzaky wurde mehrfach angeschossen und sitzt seitdem in Haft. Die Verantwortlichen für das Massaker sind bisher nicht belangt worden.

Die Ruine eines Gebäudes, davor einige Menschen (DW/K. Gänsler)

Eine Schule der IMN, die 2016 zerstört wurde

Menschenrechtler kritisieren die Regierung

Im Dezember 2016 ordnete ein Gericht die Freilassung des Schiiten-Führers und seiner Frau an. Dennoch stehen die beiden weiter unter Arrest. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International kritisiert, dass die Regierung den Gerichtsbeschluss ignoriere. Auch der Einsatz von Gewalt gegen friedlich protestierende Schiiten wie zuletzt in Abuja sei unrechtmäßig. "Es scheint einen systematischen Versuch zu geben, sie weiter zu unterdrücken und daran zu hindern, sich über öffentliche Proteste und Versammlungen auszudrücken", sagt Amnesty-Sprecher Isa Sanusi im Gespräch mit der DW. Die IMN sei seit mehr als 40 Jahren in Nigeria aktiv und habe nie zu den Waffen gegriffen.

Die IMN sieht die Regierung als Aggressor. Man könne nicht einfach seine eigenen Bürger töten, sie in Massengräbern verscharren und Leute wegen ihres Glaubens verhaften, sagt Shu'aibu Musa, einer der IMN-Führer, im DW-Gespräch. Die Welt schweige über diese Ungerechtigkeit, klagt er. Al Zakzaky müsse freigelassen werden. Nigerias Präsident Muhammadu Buhari führe einen Stellvertreterkrieg im Auftrag Saudi-Arabiens: "Er ist ein Freund der saudi-arabischen Regierung. Er tötet seine eigenen Bürger. Dafür könnte er seines Amtes enthoben werden."

Frauen mit Plakaten, auf denen IMN-Anführer Ibrahim Zakzaky zu sehen ist, dazu der Slogan Free Zakzaky (picture alliance/AP Photo/M. Giginyu)

IMN-Anführer Zakzaky steht noch immer unter Arrest

Das von Sunniten regierte Saudi-Arabien ist mit dem von Schiiten regierten Iran verfeindet. Der saudische Thronfolger Mohammed bin Salman sagte Anfang April in einem Interview, dass sein Land den iranischen Einfluss auch in Afrika bekämpfe. "Seit dem Beginn der Operation 'Sturm der Entschlossenheit' im Jemen hat der Kronprinz den Einfluss des Iran nicht nur im Jemen verringert, sondern auch im Sudan, in Dschibuti und Somalia" sagt der saudi-arabische Analyst Zayed Al Amri. "In Nigeria hat er den iranischen Plan, eine Miliz wie die Hisbollah zu gründen vereitelt und Ibrahim Al Zakzakys Staatsstreich verhindert." IMN-Führer Musa sagt hingegen, die Verbindung der IMN zum Iran sei rein religiös.

Stellvertreterkrieg in Nigeria?

Der offizielle Untersuchungsbericht zum Massaker von Zaria beruft sich auf "ausführliche, aber unbestätigte Anschuldigungen" von Diplomaten, dass die IMN enge Verbindungen zur schiitischen Hisbollah-Miliz pflege und außerdem finanzielle und politische Unterstützung vom Iran genossen habe. So habe der iranische Präsident den nigerianischen Präsidenten Buhari angerufen und die Freilassung von Ibrahim Al Zakzaky verlangt.

Während die Hintergründe unklar bleiben, werben religiöse und zivilgesellschaftliche Führer in Nigeria um einen Dialog zwischen den Konfliktparteien. "Die Schiiten und die Regierung sollten sich zusammensetzen und einen Ausweg finden", sagt der sunnitische Geistliche Sheikh Ahmed Gumi im DW-Gespräch. "Die Regierung sollte ihnen klar sagen: das ist erlaubt und das nicht. Gebt es ihnen schriftlich. Und dann lasst ihre Führer und die anderen in Ruhe".

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