Schau mir in die Augen: Wie Verständigung trotz Corona-Maske funktioniert | Kultur | DW | 19.05.2020
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Lächeln mit Mundschutz

Schau mir in die Augen: Wie Verständigung trotz Corona-Maske funktioniert

Kommunikation mit Mundschutz? In Asien kennt man das schon lange, aber in vielen anderen Ländern sorgt das für Verwirrung. Ein Blick in die Augen kann bei der Verständigung helfen, doch wie viel verraten sie wirklich?

"Schau mir in die Augen Kleines", diesen legendären Satz sagt Humphrey Bogart im Filmklassiker "Casablanca" zu Ingrid Bergman, als er sein Glas hebt und ihr zuprostet. Unvergessen die sehnsuchtsvollen Augen, mit denen sie zärtlich seinen Blick erwidert.

Unterwegs im Alltag, auf dem Weg zur Arbeit oder beim Einkauf, suchen wir in westlichen Kulturkreisen nicht so oft den direkten Augenkontakt zu Menschen, die wir nicht kennen. Er ist uns in der Öffentlichkeit eher unangenehm. Der Blick ins Leere, in ein Buch oder auf das Smartphone schützt uns in der Bahn oder auf der Straße davor, ungebeten angesprochen zu werden. 

Durch die Corona-Pandemie gilt in vielen Ländern das Gebot, in Bereichen des öffentlichen Lebens eine Maske über Mund und Nase zu tragen. Dadurch schauen wir uns zwangsläufig wieder mehr in die Augen, denn um das Gesagte richtig einzuordnen, sind wir auf den Blickkontakt angewiesen.

Humphrey Bogart schaut Ingrid Bergman tief in die Augen (picture-alliance/akg-images)

Humphrey Bogart und Ingrid Bergman in "Casablanca" (1942)

Die Augen, das Fenster zur Seele

Die Augen, so sagt man, seien das Fenster zur Seele. Forscher haben herausgefunden, dass bestimmte Gesichtsausdrücke, unabhängig von der Kultur eines Landes, weltweit die gleichen Emotionen signalisieren. Zu diesen Emotionen gehören Ärger, Angst, Trauer, Freude, Überraschung und Ekel. Der Ausdruck der Augen spielt dabei eine wichtige Rolle. Ein echtes Lächeln transportiert sich über den Blick und die Lachfalten in den Augenwinkeln.

 Emmanuel Macron, Angela Merkel, Heiko Mass und Mike Pompeo stehen zusammen. Alle zeigen eine andere Gesichtsmimik (picture-alliance/AP Photo/M. Sohn)

Mimik und Blick lassen auch bei Politikern Emotionen erkennen

Coaches für die berufliche Karriere raten ihren Klienten, im Gespräch den Blickkontakt zu halten, denn das vermittele nicht nur Selbstsicherheit, sondern auch Interesse an der Person gegenüber. Ein offener Blick und ein freundliches Lächeln, das sei der beste Türöffner im Gespräch. Doch genau da beginnt das Problem mit den Masken.

Lächeln mit Mundschutz

Zwischen 55 und 80 Prozent unserer Signale bei der Kommunikation sind laut Experten nonverbal. Mit Mundschutz kann da ein nett gemeintes Lächeln an der Verkaufstheke leicht untergehen. "Mimik ist eine der wichtigsten nicht verbalen Kanäle für Kommunikation", sagt Christian Wallraven, Forscher für künstliche Intelligenz und kognitive Neurowissenschaften, in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

An der Korea University in Seoul untersucht Wallraven Geschichtsausdrücke. "Der Mund ist bei weitem die größte Informationsquelle", sagt er. Die Mimik, gerade im unteren Gesichtsbereich, unterstütze das gesprochene Wort. Durch die Masken falle ein großer Teil des Gesichtsausdrucks weg, das mache es schwierig, das Gesagte in den richtigen Kontext zu setzen und sorge für Verunsicherung. "Lächelt die Person oder macht sie ein sarkastisches Grinsen? Das weiß man dann nicht."

Ein Mann trägt eine Gesichtsmaske, die ein breites Grinsen zeigt (picture-alliance/AP/F. Vergara)

Wie lächeln auch mit Mundschutz klappt

Asiaten sprechen mit den Augen, Deutsche mit dem Mund

Noch komplizierter wird es, weil wir in der westlichen Gesellschaft verlernt haben, die Gefühle einer Person an ihrer Mimik zu erkennen. Das jedenfalls sagt der Coach und Buchautor Dirk Eilert, der sich in den Kursen seiner Eilert-Akademie mit der sogenannten "Mimikresonanz" beschäftigt. "Studien haben gezeigt, dass die durchschnittliche Emotionserkennungsfähigkeit in der Bevölkerung bei 62,7 Prozent liegt. Wir deuten nahezu jeden zweiten Gesichtsausdruck falsch oder übersehen ihn sogar", sagt Eilert in einem Einführungsvideo. Er will dazu motivieren, diese Fähigkeit wieder zu schulen.

In Asien trägt man Mundschutz nicht nur in Corona-Zeiten, und doch klappt die Kommunikation. Asiaten achten mehr auf die Augenpartie, um das Gefühl und den Ausdruck des Gegenübers zu lesen. Das hatten Forscher der Universität Glasgow in Schottland bereits 2009 in einer Studie festgestellt. Wie auch Christian Wallraven hatten die Glasgower Wissenschaftler im Team der Psychologin Rachael Jack herausgefunden, dass für Menschen aus westlichen Ländern die Mundregion wichtig ist, um die Gefühle anderer Menschen einzuordnen. Asiaten hätten daher Schwierigkeiten, die Emotionen eines Westeuropäers zu verstehen, da sich die Augenpartie bei den unterschiedlichen Gesichtsausdrücken bei Westeuropäern oft nur leicht verändere.

Asiatische Menschen mit Mundschutz (Imago Images/UPI Photo/S. Shaver)

In China trägt man im Alltag auch ohne Corona Mundschutz-Masken

Kontaktschwierigkeiten mit Mundschutz

Für Kishwar Mustafa, Redakteurin der Urdu-Redaktion der Deutschen Welle, ist die Maskenpflicht in Deutschland kein Problem. Ihr fehlen weder der Augenkontakt noch die Gesichtsmimik. "Jemandem in die Augen zu sehen, wenn man mit ihm redet, habe ich erst hier in Deutschland im Gespräch mit meinem Professor gelernt", sagt Mustafa. "In Pakistan senke ich meinen Blick nach unten, wenn ich mit einem Mann oder einer älteren Person rede. Das ist bei uns höflich." Gerade die Frauen in Pakistan seien so erzogen, Mimik und Körperhaltung nicht öffentlich zu zeigen. In Deutschland gilt der gesenkte Blick im Gespräch dagegen eher als mangelndes Interesse.

Anders ist es für die Argentinierin und Referentin für Personalentwicklung der DW, Veronica Herchenbach. "In Südamerika ist die indirekte Kommunikation sehr stark ausgeprägt. Die Gestik, die Mimik, der Blick, all das sagt mehr als Worte." Für Herchenbach sind die Masken deshalb sehr hinderlich. Es gebe zwar mehr Blickkontakt, aber die Benutzung von Masken habe für sie eher einen negativen Einfluss: "Der einfache Kontakt im Supermarkt an der Kasse oder auf der Straße wird viel unfreundlicher." Schnell werde man gemaßregelt, wenn man die Sicherheitsabstände nicht einhalte oder gegen die Maskenpflicht verstoße.

Lächeln gegen den Druck

Eine Frau mit Mundschutz aus Thailand lächelt mit den Augen (AFP/M. Antonov)

Mit den Augen lächeln

Das hat auch Kishwar Mustafa festgestellt. In ihrem Blog "Dastak" (Urdu), was auf Deutsch "Klopfen" heißt, gibt die Urdu-Redakteurin Denkanstöße und hat unter anderem auch über das veränderte Verhalten der Menschen durch Corona und die Maskenpflicht geschrieben. "Die menschlichen Beziehungen haben sich geändert. Man fühlt sich nicht mehr frei, sondern eingeschränkt", sagt sie. Ständig müsse man aufmerksam sein und aufpassen, nichts anzufassen und auf Distanz zu gehen. Das erzeuge Druck und man werde oft zurechtgewiesen.

Vielleicht hilft es ja tatsächlich, auf der einen Seite wieder zu lernen, mehr mit den Augen zu lächeln, und auf der anderen Seite, den Leuten öfter in die Augen zu schauen, um das Lächeln auch wahrzunehmen: die Gesichtsmaske als Chance, den Augen-Blick zu lesen. 

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