Sachsen: Krematorien wegen Corona an der Belastungsgrenze | Deutschland | DW | 24.01.2021
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Folgen der Pandemie

Sachsen: Krematorien wegen Corona an der Belastungsgrenze

Nirgendwo in Deutschland ist die Corona-Sterberate so hoch wie im Bundesland Sachsen. Das Krematorium in der Kleinstadt Döbeln kann seine Arbeit kaum noch bewältigen.

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Corona: Krematorien in Sachsen am Limit

Gerold Münster hat länger überlegt, ob er das machen soll - Journalisten empfangen, um ihnen zu zeigen, wie es in seinem Krematorium momentan aussieht. Als Geschäftsführer muss er die Würde der Verstorbenen im Blick behalten. Man wolle auch keine Ängste schüren, fügt er hinzu. Andererseits wird die Situation von Tag zu Tag schwerer. Deshalb hat Münster entschieden, doch ein, zwei Termine mit Medienvertretern vor Ort zu machen. Er wolle sachliche Informationen zur gegenwärtigen Lage liefern, sagt er.

Stadt Döbeln Sachsen

Die Stadt Döbeln hatte in der dritten Januarwoche einen Inzidenzwert von über 200

Münster bittet also in das Gebäude und öffnet, ein paar Schritte weiter, eine dunkle, hölzerne Tür. "Normalerweise würden hier die Trauerfeiern stattfinden", sagt er und zeigt in den Raum, der Platz für etwa 90 Personen bietet. Dort, wo sonst die Angehörigen sitzen, stehen jetzt zahlreiche Holzsärge. Links und rechts in einer Reihe, jeweils zwei aufeinandergestapelt. Auf einigen sieht man Aufkleber mit einem Hinweis: "Corona positiv" oder "COVID-19".

Kaum noch Lagerfläche für Särge

"Was die Lagermöglichkeiten für die Sterbefälle angeht, haben wir die Zahl der regulären Lagerplätze bei weitem überschritten", erklärt Gerold Münster. Anfang Dezember fand in dem schlichten Saal die letzte Trauerfeier statt. Wegen des Anstiegs der Todesfälle wird er jetzt als Stellfläche für eintreffende Särge gebraucht. Im Hinterhof des Krematoriums steht zusätzlich ein Sattelaufleger mit Kühlaggregat. "Wir wollten damit die Weihnachtsfeiertage überbrücken – aber er war am 23. Dezember schon voll."

Krematorium Döbeln Sachsen

Bestatter aus mehreren Landkreisen bringen Verstorbene ins Krematorium Döbeln, erklärt Geschäftsführer Gerold Münster

Über die genauen Zahlen möchte Gerold Münster nicht sprechen. Wie viele verstorbene Menschen sich derzeit in dem Krematorium befinden, wie viele hier täglich eingeäschert werden - all das gehört aus seiner Sicht nicht an die Öffentlichkeit, "auch weil sich das kaum richtig einordnen lässt". Aussagekräftiger ist für ihn dagegen ein Blick zurück. Im Dezember 2020 hatte das Krematorium 50 Prozent mehr Arbeit als im Durchschnitt der letzten fünf Jahre. "Das bedeutet für uns, dass wir jetzt an die Grenze gekommen sind."

Hohe Übersterblichkeit in Sachsen

Münster schließt die Tür zur Trauerhalle und biegt ab in einen schmalen Flur. Auch hier reiht sich ein Sarg an den nächsten - das Zwischenlager für die Verstorbenen, die als nächstes eingeäschert werden. "Wir sind den ganzen Tag damit beschäftigt, die Särge umzulagern. Das bedeutet auch eine schwere körperliche Arbeit für die Mitarbeiter." Dazu komme die psychische Belastung, weil einfach kein Ende abzusehen sei. "An manchen Tagen haben wir abends mehr Sterbefälle als am Morgen zu Schichtbeginn."

Krematorium Döbeln Sachsen

Die Trauerhalle des Krematoriums in Döbeln wird momentan als Zwischenlager für Särge benötigt

Verändern wird sich die Situation wohl bis auf weiteres nicht, denn die Anzahl der Corona-Sterbefälle ist weiterhin hoch, ganz besonders in Sachsen. Das Statistische Bundesamt hat Mitte Dezember eine deutliche Übersterblichkeit für das Bundesland ermittelt. Demnach sind hier 109 Prozent mehr Menschen verstorben als in den vier Jahren zuvor. Zum Vergleich: Bundesweit waren es 24 Prozent. Den Statistikern zufolge hat der Anstieg wohl verschiedene Gründe. Corona gilt aber als einer von ihnen.

Lange Trauerphase für Angehörige

Was das die nackten Zahlen auf der menschlichen Ebene bedeuten, wird klar, wenn man sich mit Lutz Behrisch unterhält. Er ist seit mehr als 20 Jahren Pfarrer in Döbeln und kennt viele, die die Pandemie lange für Unsinn gehalten haben - auch, weil die 20.000-Einwohner-Stadt von der ersten Welle weitgehend verschont wurde. Inzwischen erlebt er aber, dass hier "ein Umdenken stattfindet". Weil immer mehr Haushalte von Infektionen betroffen seien, sagt Behrisch. Und auch von Sterbefällen wegen Corona.

Krematorium Döbeln Sachsen

Die Pandemie macht das Abschiednehmen für Trauernde noch schwerer, sagt Pfarrer Lutz Behrisch

Der Pfarrer ist sicher, dass seine Gemeinde lange brauchen wird, um das alles zu verarbeiten. "Diese erste Phase der Trauer, die so genannte Schockphase, die dauert einfach länger, weil da etwas Unerklärliches, Unfassbares dazu gekommen ist – nämlich diese Pandemie." Was viele Angehörige zusätzlich belastet, ist, dass ein Abschied derzeit nur im kleinsten Kreis möglich ist. Pfarrer Behrisch bietet ihnen deshalb meist an, eine größere Trauerfeier nachzuholen, "wenn das Getrenntsein wieder vorbei ist."

Eine Wahrheit, die viele nicht sehen wollen 

Wie lange es bis dahin noch dauert, weiß derzeit niemand. Gerold Münster geht davon aus, dass die Situation im Krematorium noch bis weit in den Februar angespannt bleibt. Zusätzlicher Druck könnte bald auch durch das Wetter entstehen. Solange es noch kalt draußen ist, lassen sich die Särge vorübergehend in ungekühlten Räumen zwischenlagern – wenn die Temperaturen steigen, wird das nicht mehr möglich sein. Münster kümmert sich deshalb jetzt schon um zusätzliche Kühlmöglichkeiten. 

Video ansehen 26:05

COVID-19 Spezial vom 21.01.2021

"Plötzlich ist man in den Focus gerückt", sagt der 47-Jährige, der sonst so gut wie nie zur Arbeit in dem Krematorium befragt wird. Denn mit dem Lebensende befassen sich die Menschen einfach nicht gern. In dieser schwierigen Zeit ist es ihm trotzdem wichtig, möglichst viel Transparenz herzustellen – auch weil manche die hohen Sterbefallzahlen noch immer bezweifeln. "Wir werden immer wieder mit Meinungsbildern konfrontiert, dass das hier alles nicht wahr ist und überhaupt nicht existiert."

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