Ruanda: Viele Sitzenbleiber verstärken Bildungskrise | Afrika | DW | 14.10.2021
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Afrika

Ruanda: Viele Sitzenbleiber verstärken Bildungskrise

Mehr als 60.000 Schüler müssen in Ruanda eine Klasse wiederholen. Bisher klappte die Versetzung automatisch, auch ohne gute Noten. Jetzt steuert die Regierung gegen.

Schüler und Schülerinnen mit Maske im Unterricht

In Ruanda sind zehntausende Schüler und Schülerinnen erstmals nicht versetzt worden

Die Leistungen von mehr als 60.000 Schülern in Ruanda waren einfach zu schlecht - sie müssen eine Klassenstufe wiederholen. Wie aus den Zahlen des Bildungsministeriums hervorgeht, betrifft das rund 16 Prozent der Schülerinnen und Schüler, die in diesem Jahr am Ende der 6. oder 9. Klasse die nationale Prüfung abgelegt haben. Oder anders gesagt: Nur fünf von sechs dieser Schüler werden versetzt.


Mit diesem Schritt will die Regierung die Qualität der Bildung verbessern. Allerdings sorgt diese neue Richtlinie nicht für Begeisterung bei Eltern und Schülern, denn zuvor waren sie das Gegenteil gewohnt: Schüler konnten gar nicht sitzen bleiben. Ihre Versetzung in die höhere Klasse folgte automatisch - auch ohne gute Noten.

Schlechte Noten wegen Lockdown?

Für viele Eltern und Schüler, aber auch Lehrer kam die Anordnung überraschend. Einige machen die Schließungen vieler Schulen im Lockdown während der COVID-19-Pandemie für die nicht bestandenen Prüfungen der Schüler verantwortlich.

Joan Kayumba ist eine Mutter von zwei Kindern und Therapeutin. Sie glaubt, dass die Entscheidung die psychische Gesundheit der Schüler beeinträchtigen könnte: "Es ist viel passiert wegen COVID-19. Das war eine stressige Zeit." Schüler sollten ihrer Meinung nach keine Klasse wiederholen. Sie bräuchten Unterstützung und Beratung. "Man sollte ihnen sagen, dass es Hoffnung gibt, und ihnen mehr Unterricht geben, damit sie mithalten können", sagt die Therapeutin im DW-Interview. Eine Wiederholung der Klasse würde die Kinder entmutigen.

Ein Schüler sitzt in einem Wohnzimmer mit Blick auf einen Fernseher, der eine Tafel und eine Lehrperson zeigt

Schule via Fernseher: Viele Länder, wie hier in Burkina Faso, versuchten so, Kinder während des Lockdowns zu unterrichten

Die Privatlehrerin Lilianne Nashimwe hält die Entscheidung der Regierung für ungerecht. Kinder wohlhabender Familien und aus der Mittelschicht hatten während der Schulschließungen mithilfe von Fernsehen, Radios oder Internet weiter gelernt. Doch nicht alle ärmeren Kinder hätten Zugang dazu gehabt, kritisiert Nashimwe. "Es kann auch Angst machen zu lernen, wenn man nicht weiß, woher die nächste Mahlzeit kommt", sagt sie zur DW. Die Schüler mussten wegen der Corona-Pandemie den Lehrplan in einer sehr kurzen Zeitspanne bewältigen, fügt sie an: "Ich halte es für ungerecht, dass diese Schüler wegen ihrer Armut Klassen wiederholen müssen."

Absinken des Bildungsniveaus

Bereits vor zwanzig Jahren führte Ruanda die automatische Versetzung von Schülern ein. Hinter dieser Politik steckte der Gedanke, dass Schüler aufgrund schlechter Leistungen sonst die Schule abbrechen. Die Kehrseite: In den folgenden Jahren kam es zu einem Absinken des Bildungsniveaus.

Der Bildungsexperte Jean Francois Munyakayanza begrüßt die aktuelle Änderung in der Bildungspolitik in Ruanda, Schüler und Eltern sollten es seiner Meinung nach als Chance sehen: "Die Wiederholung der Klasse wird dem Schüler helfen, den Stoff besser zu verstehen. Man kann einen Schüler nicht von Klasse zu Klasse schicken, wenn er seine Prüfungen nicht bestanden hat. Sie werden die Sekundarstufe abschließen, ohne irgendetwas gelernt zu haben."

Drei kleine Kinder stehen an einer Tafel

Auch Kindergärten und Vorschulen waren in der Pandemie zeitweise geschlossen

Die Regierung will auch die Ursachen für das schlechte Abschneiden der Lernenden herausfinden. Dazu sagt die ruandische Bildungsministerin Valentine Uwamariya: "Wir analysieren, um mehr über die Schüler zu erfahren. Denn die uns vorliegenden Rohdaten deuten darauf hin, dass die Schüler dieser Klassenstufen viel reifer sind. Wir sprechen mit den Schulleitern und Lehrern und wollen herausfinden, welche Probleme sie haben und wie sie gelöst werden können."

Diese Analyse werde den politischen Entscheidungsträgern Aufschluss darüber geben, was als nächstes zu tun ist, hofft sie. Denn es ist zwar das erste Mal, dass Schüler bei mangelhaften Noten die Klasse wiederholen müssen, doch nach Angaben des Bildungsministeriums ist die Anzahl derjenigen, die die Prüfungen nicht bestanden haben, in den letzten drei Jahren fast identisch gewesen.

Lehrermangel verstärkt Lernkrise

Ein weiteres Problem fordert das Bildungsministerium in Ruanda heraus: Das ostafrikanische Land leidet unter einem gravierenden Mangel an Lehrern. Schon in der Vergangenheit war Ruanda auf Lehrer aus seinen Nachbarländern angewiesen, insbesondere Uganda und Kenia. Viele von diesen Lehrkräften sind jedoch inzwischen in ihre Länder zurückgekehrt. Dadurch sei das derzeitig Vakuum entstanden, sagen ruandische Behörden.

Kürzlich bat Präsident Paul Kagame das Nachbarland Simbabwe, gut ausgebildete Lehrer nach Ruanda zu schicken. Das Ausbildungssystem dort hatte lange einen sehr guten Ruf.

Vier Erwachsene stehen vor einer Lerntafel, auf der die Namen von Körperteilen auf Englisch erklärt werden

Als 2010 Ruanda das Schulsystem von Französisch auf Englisch umstellte, wurden viele Lehrer selbst wieder zu Schülern

Ein Lehrer an der Schule GS Munini in der Ostprovinz Ruandas findet es gar nicht sinnvoll, Lehrer aus dem Ausland einzustellen: "Ich glaube nicht, dass es notwendig ist, Lehrer zu importieren, weil Ruanda kompetente Lehrer hervorbringt", sagt Odeth Mukamunana zur DW. Gerade junge Absolventen hätten das anglophone System als Schüler und Studenten durchlaufen und seien fähig.

Mukamunana führt die Lehrerknappheit auf die Umstellung des Systems von Französisch auf Englisch im Jahr 2010 zurück. Die habe dazu geführt, dass ehemalige Französischlehrer arbeitslos wurden, während es nicht genügend gute Englischlehrer gab. Mukamunana fügt hinzu, dass die Regierung die Zahl der Lehrer erhöhen sollte, anstatt ausländische Lehrer ins Land zu holen. Auf dem Arbeitsmarkt gebe es zu wenige, da viele den Beruf verlassen, um besser bezahlte Jobs zu finden.

Aus dem Englischen adaptiert von Martina Schwikowski.

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