Rote Karte für Belgiens Profi-Liga | Sport | DW | 11.10.2018
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Ermittlungen gegen Trainer und Schiedsrichter

Rote Karte für Belgiens Profi-Liga

Die Staatsanwälte ermitteln gegen neun Fußball-Vereine: Korruption, Schiebung, Geldwäsche sind einige der Vorwürfe. Trainer und Funktionäre sitzen in U-Haft.

Belgien Fußball-Skandal | FC Brügge-Stadium mit grauen Wolken (picture-alliance/Offside/M. Atkins)

Dunkle Wolken über dem Stadium des Meisters FC Brügge: Schummelte der Trainer?

Die Spieler des Fußballklubs in Brügge liefen am Morgen danach ganz normal zum Training auf. Nur auf ihren Trainer mussten sie verzichten. Ivan Leko, der Brügge in der vergangenen Saison zur Meisterschaft geführt hatte, saß in Untersuchungshaft. Die Staatsanwälte befragten ihn als Beschuldigten zu möglicher Geldwäsche und Steuerbetrug. Nachdem er am Donnerstag dem Untersuchungsrichter vorgeführt worden war, setzte man den Kroaten zunächst aber wieder auf freien Fuß.

Die wenigen Fans, die zum Trainingsplatz in Brügge gekommen waren, glauben nicht, dass ihr Verein, der in Champions League Gegner von Borussia Dortmund ist, und der Trainer irgendetwas mit dem Skandal zu tun haben, der sich in der höchsten belgischen Liga entwickelt.

"Für uns ist Leko unschuldig", sagte Frederik Van Eenoo vom Fanclub "The Locals" in Brügge. Die Vermutungen der Staatsanwälte in der "Bier-Liga", die vom Brauereikonzern Inbev gesponsert wird, könnten auch Spiele manipuliert worden sein, wollen die Fans nicht glauben. "Wir sind letztes Jahr Meister geworden und die Untersuchung wird zeigen, dass das alles sauber und ehrlich passiert ist", meinte der Vorsitzendes Fanclubs im belgischen Fernsehsender VRT.

Spieleragenten am Pranger

Neben dem Cheftrainer von Brügge stehen noch andere Schlüsselfiguren der belgischen Fußballszene im Visier der Ermittler, vor allem die Spieler-Vermittler Mogi Bayat und Dejan Veljkovic werden genannt. Beide werden verdächtigt, Einkünfte und Provisionen aus Spielertransfers nicht richtig versteuert oder verschleiert zu haben.

Belgien Fußball-Skandal | Mogi Bayat (Getty Images/AFP/BELGA/Y. Jansens)

Die Spinne im Netz? Spielervermittler Mogi Bayat bestimmt den Transfermarkt in Belgien

Die Staatsanwälte glauben außerdem, dass die Investoren, die Spieler mit Bargeld gekauft haben, illegal Gelder in Belgien gewaschen haben. Die Staatsanwältin Wenke Roggen sprach vor der Presse von "kriminellen Vereinigungen", die am Werk seien. Mit von der Partie war auch der ehemalige Manager des Erstligisten RSC Anderlecht, Herman van Holsbeeck. Er wurde als Verdächtiger befragt, anschließend aber wieder freigelassen, wie sein Anwalt der Zeitung "L'Echo" berichtete.

Schiedsrichter sollen manipuliert haben

Auch gegen die beiden belgischen FIFA-Schiedsrichter Sebastien Delferiere und Bart Vertenten wird ermittelt. Sie haben möglicherweise durch ihre Entscheidungen mindestens zwei Spiele in der vergangenen Saison manipuliert. Der Weltfußballverband beobachte die Entwicklung sehr genau, teilte ein Sprecher mit. Den Ball ins Rollen brachte eine Klage des KV Mechelen, der in der vergangenen Saison abgestiegen war. Die Staatsanwaltschaft vermutet, dass damals für den Westerloer Abstieg entscheidende 4:0-Sieg von Abstiegskonkurrent KAS Eupen gegen Royal Excel Mouscron gekauft worden worden war. In beiden Mannschaften kickten Kunden des Spielervermittlers Bayat. Die Schiedsrichter sollen enge Beziehungen zu den Spielervermittlern unterhalten haben.

Belgien Fußball-Skandal | Sebastien Delferiere (picture-alliance/dpa/BELGA/J. Jacobs)

Unter Verdacht: FIFA-Schiedsrichter Sebastien Delferiere im Fokus der belgischen Staatsanwälte

Insgesamt führte die Staatsanwalt bereits am Mittwoch in Belgien 44 Hausdurchsuchungen durch, um Festplatten, Computer, Akten und andere Beweise für illegale Finanztransaktionen zu sichern. Konten und Bargeld im Wert von acht Millionen Euro seien beschlagnahmt worden, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Verhaftet wurden auch zwei Juweliere und zwei Journalisten der Zeitung "Het laatste nieuws". Betroffen von den Ermittlungen sind neun der 16 Erstliga-Klubs. 

Ermittlungen in sieben Staaten

Die Ermittlungen erstrecken sich aber auch auf viele andere europäische Staaten. Mit Hilfe der EU-Justizbehörde "Eurojust" wurde auch in Serbien, Mazedonien, Montenegro, Luxemburg und Frankreich ermittelt. Auf Zypern wurde im Zusammenhang mit dem Fußballskandal ein Staatsbürger aus Bosnien-Herzegowina festgenommen. Bayat, der aus dem Iran stammt, und Veljkovic, der gebürtiger Serbe sein soll, unterhielten als Spielervermittler viele internationale Kontakte. Veljkovic soll sich Strohmännern in Serbien, Montenegro und auf Zypern bedient haben, um Geschäfte zu verschleiern. Einige der Spieler, die transferiert wurden, stammten aus Südosteuropa, andere aus Afrika oder Lateinamerika. Der Trainer des FC Brügge stammt aus Kroatien.

Belgien Fußball KV Kortrijk - KAS Eupen (picture-alliance/dpa/K. Desplenter)

Die belgische Liga ist seit Jahren Sprungbrett für viele junge, afrikanische Spieler zu größeren europäischen Klubs

Die Profi-Fußballliga in Belgien zeichnet sich dadurch aus, dass sie wie ein Art Durchlauferhitzer funktioniert. Talentierte junge Fußballer werden im Ausland eingekauft, spielen für einige Zeit für die belgischen Vereine und ziehen dann weiter zu anderen europäischen Klubs, die mehr bezahlen können als die wirtschaftlich eher schwachen Klubs in Belgien. Dieser schwunghafte Handel soll, laut Recherchen des flämischen Fernsehsenders VRT, bis zu 90 Prozent in den Händen des Spieleragenten Bayat liegen. Nahezu alle Vereine arbeiteten mit ihm zusammen. Von Geburt an belgische Spieler sind in den belgischen Vereinen fast schon eine Ausnahme. Diejenigen, die ein gewisses Niveau erreichen, versuchen ins Ausland zu gehen. Deshalb ist auch nicht verwunderlich, dass in der belgischen Nationalmannschaft, bei den "Roten Teufeln" fast kein Spieler zu finden ist, der tatsächlich derzeit in Belgiens erster Liga spielt.

Belgien ist erschüttert

Die Nation sei geschockt, hieß es in den Leitartikeln vieler belgischer Tageszeitungen. Eben noch hatte sich die fußballbegeisterten Belgier über das gute Abschneiden der Nationalelf bei der WM in Russland gefreut. Jetzt scheint die föderale Staatsanwaltschaft einem riesigen Skandal auf der Spur zu sein. Der Anwalt des verhafteten Cheftrainers von Brügge wies die Ermittlungen als überzogen und die Methoden als unverhältnismäßig ab. Sein Mandant sei morgens um fünf Uhr von schwer bewaffneten Sondereinheiten geweckt worden. Seiner Frau sei eine Waffe an den Kopf gehalten worden, die Kinder seien traumatisiert.

Der belgische Justizminister Koen Geens unterstützt die Ermittlungen. Er twitterte: "Die Spielabsprachen untergraben die Integrität des Sports. Die Justiz arbeitet an einem fairen Sport." Die Ermittlungen und Befragungen laufen weiter, sagte Staatsanwältin Wenke Roggen. Man sei aber noch ziemlich am Anfang. Als direkte Folge wurde der für das Wochenende geplante zehnte Spieltag der zweiten Liga komplett abgesagt.

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