Robert Walser: ″Jakob von Gunten″ | 100 gute Bücher - ein literarisches Jahrhundert-Panorama deutschsprachiger Literatur | DW | 06.10.2018
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100 gute Bücher

Robert Walser: "Jakob von Gunten"

Es ist das rätselhafteste Buch des Schweizer Schriftstellers. Über einen, der aufbegehrt, indem er sich völlig unterordnet, klein macht. Das Porträt des devotesten Revolutionärs der Literaturgeschichte.  

Man kennt diese Geschichte aus unzähligen Romanen: Ein junger Mann zieht in die Fremde, verlässt Vater und Mutter, um Neues zu wagen. Abenteuer warten auf ihn, große Aufgaben, an denen er wachsen wird. Aber "Jakob von Gunten" interessiert das nicht im Geringsten. Denn er will nicht das Fürchten lernen, sondern das Gehorchen. Er zieht nicht hinaus in die weite Welt, sondern verschanzt sich in einer höchst merkwürdigen Anstalt. Einer Dienerschule, in der devote Befehlsempfänger geformt werden – freiwillig, ohne Zwang. 

"Man lernt hier sehr wenig, es fehlt an Lehrkräften, und wir Knaben vom Institut Benjamenta werden es zu nichts bringen, das heißt, wir werden alle etwas sehr Kleines und Untergeordnetes im späteren Leben."

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"Jakob von Gunten" von Robert Walser

Kunst der Unterwerfung

In diesem Roman hadert niemand mit dieser Existenz als unbedeutendes Rädchen in einer großen Gesellschaftsmaschinerie. Ganz im Gegenteil. "Jakob von Gunten" wird gar ein wahrer Virtuose in der Kunst des Unterwerfens. 

"Was nicht sein darf, was in mich hinab muß, ist mir lieb. Es wird dadurch peinlicher, aber zugleich wertvoller, dieses Unterdrückte. Jaja, ich gestehe, ich bin gern unterdrückt."

Als Robert Walser 1909 sein Buch veröffentlichte, ahnte er noch nicht, dass sein Leben weiter unglücklich verlaufen würde. Der glücklose, leicht depressive junge Mann aus dem Kanton Bern hatte zuvor seine Anstellung bei der Bank hingeworfen und war seinem Bruder nach Berlin gefolgt – in der Hoffnung, Schriftsteller zu werden.

Im Schatten des Bruders

Robert stand zeitlebens im Schatten des älteren Walser-Sohns. Sein Bruder Karl war bereits eine kleine Berühmtheit, ein gefeierter Maler und Bühnenbildner, der in den Künstlerkreisen Berlins verkehrte. Um ihm nicht auf der Tasche zu liegen, besuchte Robert Walser eine Dienerschule und arbeitete für einige Zeit als Lakai in einem oberschlesischen Schloss. Diese Erfahrung war auch die Grundlage für sein späteres Buch, das er als ein fiktives Tagebuch anlegte.  

Robert Walser, Schweizer Schriftsteller (picture-alliance/dpa)

Der psychisch kranke Robert Walser wollte nicht bemitleidet werden

"Und wenn ich zerschelle und verderbe, was bricht und verdirbt dann? Eine Null. Ich einzelner Mensch bin nur eine Null. Aber weg jetzt mit der Feder."

Im Wahn

In Robert Walsers drittem Roman wird der allgegenwärtige Erfolgsdruck mit dem größten Versagensehrgeiz konterkariert. Wo andere sich stetig sich nach oben boxen, orientiert sich "Jakob von Gunten" konsequent nach unten. 

Nur wenige erkannten nach der Veröffentlichung die subversive Kraft dieses Antihelden. Robert Walser kehrte als Gescheiterter zurück in die Schweiz. Er litt an Angstzuständen und Halluzinationen und verbrachte 27 Jahre in einer Heilanstalt, in der er auch starb. Seinen "Jakob von Gunten" hatte er stolz ins Tagebuch eintragen lassen: "Ich bin zu gut, um bemitleidet zu werden."


Robert Walser: "Jakob von Gunten" (1909), Suhrkamp Verlag

Robert Walser wurde 1878 in Biel im Schweizer Kanton Bern geboren und starb 1956 in Herisau, Kanton Appenzell. Seinen bekanntesten Roman "Geschwister Tanner" schrieb Walser 1906 in Berlin, wo er 1907 bei Bruno Cassirer erschien.

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