Rizin: Experte plädiert für Verbot der Samen | Deutschland | DW | 21.06.2018
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Herstellung biologischer Waffen

Rizin: Experte plädiert für Verbot der Samen

Vor wenigen Tage wurde ein Mann festgenommen, der Rizin für einen biologischen Sprengsatz hergestellt haben soll. Das könnte sich leicht wiederholen, warnt Biowaffen-Experte Gunnar Jeremias von der Universität Hamburg.

Deutsche Welle: Das Bundeskriminalamt hat vergangene Woche in Köln den Tunesier Sief Allah H. festgenommen, der hochgiftiges Rizin für einen biologischen Sprengsatz hergestellt haben soll. Hat Sie - als Experte für Biowaffen - der Fall überrascht?

Gunnar Jeremias: Überraschend kommt sowas natürlich immer, man kann darauf ja nicht vorbereitet sein. Aber es ist schon so, dass Rizin eine Substanz ist, deren Einsatz man perspektivisch erwarten konnte: Denn die Samen sind relativ leicht zugänglich und zu verarbeiten. Und es gibt keine Möglichkeit, die Betroffenen medizinisch zu behandeln.

In Deutschland ist es tatsächlich sehr selten, dass so etwas vorkommt. Aber in anderen Ländern gibt es durchaus eine ganze Reihe von Rizinfällen. In den USA wurden in den vergangenen 20 Jahren bestimmt 20 Fälle dokumentiert, in denen Rizin als Waffe eingesetzt wurde oder werden sollte. Über die länderspezifischen Unterschiede lässt sich nur spekulieren.

Welche Biowaffen außer Rizin gibt es denn noch, die von Terroristen hergestellt werden könnten?

Tatsächlich gibt es physikalisch gesehen wahrscheinlich relativ wenige Biowaffen, weil deren Herstellung sehr schwierig ist. Neben Rizin wurde auch versucht, aus Milzbrand eine Biowaffe zu bauen.  Milzbrand ist vergleichsweise attraktiv. Denn die meisten biologischen Stoffe reagieren zum Beispiel empfindlich auf UV-Licht. Sobald sie in die Sonne kommen, zerfallen viele dieser Substanzen. Doch bei Milzbrand ist es so, dass die Bakterien Sporen bilden und dadurch relativ stabil bleiben. Dadurch ist der Umgang nicht ganz so kompliziert.  

Milzbrand Anthrax Bacillus anthracis (imago/UIG)

Milzbrand-Bazillus: Eine Biowaffe, die sich nur schwer im Eigenbau herstellen lässt

Aber die meisten biologischen Waffen müssen aufwendig hergestellt werden. Das heißt: Man muss zum Beispiel erstmal Viren oder Bakterien in einem biologischen Produktionsprozess in Bioreaktoren vermehren. Dann muss man sie in eine ausbringungsfähige Form bringen, also sie zur Biowaffe formen. Das Ganze dauert Jahre. Zudem braucht man ein gutes Labor und viel Fachwissen. Es ist insgesamt eher nichts, von dem wir vermuten, dass man das in einer Wohnung oder Garage machen kann.

Es gibt noch Berichte, nach denen der IS versucht hatte, Botulinumtoxin aus vergammelten Fleisch herzustellen. Aber auch das ist schwierig. Sobald es um Mikroorganismen geht, wird es ausgesprochen kompliziert.

Könnte denn Milzbrand mit einer simplen Internetanleitung selbst hergestellt werden?

Das würde ich bezweifeln. Mitte der 90er Jahre hatte eine japanische Weltuntergangssekte, die später durch einen Sarin-Anschlag in der Tokioer U-Bahn bekannt wurde, versucht eine Milzbrand-Waffe zu bauen. Zum Glück hatten sie einen Milzbrand-Stamm gewählt, der Menschen nicht krank macht. Zum anderen hatten sie es nicht geschafft, einen Mechanismus zum Versprühen der Milzbrandsuppe zu bauen.  Und das, obwohl sie über mehrere Jahre, mit zweistelligen Millionen-Dollar-Beträgen und der Hilfe mehrerer Mikrobiologen versucht hatten, diese Waffe herzustellen. Dass ein Rizinfall in Zukunft wieder vorkommt, halte ich für sehr viel wahrscheinlicher.

Bei dem 29-jährigen Islamisten Sief Allah H. wurden nach Angaben der Bundesanwaltschaft 3150 Rizinussamen und 84,3 Milligramm Rizin gefunden. Er soll die Zutaten im Internet bestellt haben. Gibt es denn Vorsichtsmaßnahmen, die so etwas verhindern können?

Der Handel mit den Bohnen ist grundsätzlich nicht verboten. Man kann sie relativ frei im Internet bestellen. Es gibt auch Leute, die den Baum, von dem die Samen stammen - den Wunderbaum - im Garten stehen haben. Er ist sehr hübsch und wächst auch hierzulande gut. Auch international wird die Pflanze in großem Maßstab hergestellt, weil das Rizinusöl, das beim Auspressen der Samen entsteht und kein Rizin enthält, für medizinische, kosmetische aber auch industrielle Zwecke eingesetzt wird.

Rizinusstaude (picture-alliance/blickwinkel/C. Huetter)

Rizinusstaude oder auch Wunderbaum genannt: Bei Gärtnern durchaus beliebt

Es gibt natürlich Maßnahmen, die den Handel erschweren. So sollen die Verkäufer Alarm schlagen, wenn mehr als die handelsübliche Menge bestellt wird und man davon ausgehen muss, dass sie für nicht-friedliche Zwecke genutzt wird. Bei großen Mengen unterliegt der Handel deshalb dem Kriegswaffenkontrollgesetz. Das hat in diesem Fall aber offensichtlich nicht funktioniert. Aber ich weiß natürlich auch nicht, wo der Mann die Samen bestellt hat.

Sind denn diese Maßnahmen aus Ihrer Sicht juristisch gesehen ausreichend oder muss nochmal nachjustiert werden?

Man könnte es ganz verbieten. Das wäre natürlich eine Lösung, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob das wirklich vom Kauf abhalten kann. Aber es gibt natürlich keine Notwendigkeit, dass jemand den Wunderbaum in seinem Garten stehen hat. Insofern würde es niemandem schaden, wenn man den Handel für Privatpersonen grundsätzlich nicht mehr erlaubt.

Gunnar Jeremias ist Leiter der Interdisziplinären Forschungsgruppe zur Analyse biologischer Risiken sowie der Forschungsstelle biologische Waffen und Rüstungskontrolle an der Universität Hamburg.

Das Gespräch führte Stephanie Höppner.

 

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