Rinderzucht: Wenn es ein Weibchen werden soll | Wissen & Umwelt | DW | 09.09.2013
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Wissen & Umwelt

Rinderzucht: Wenn es ein Weibchen werden soll

Landwirte müssen nicht der Natur ihren Lauf lassen, sondern können gezielt Kälber mit Wunschgeschlecht nachzüchten. Entsprechendes Rindersperma gibt es zu kaufen. Zum Einsatz kommt es jedoch selten.

Ein frisch geborenes Kalb. (Foto: Arno Burgi)

Landwirte können gezielt Kälber mit Wunschgeschlecht nachzüchten

Die Chance ist fünfzig zu fünfzig: Im Schnitt werden bei Säugetieren in etwa so viele männliche wie weibliche Nachkommen geboren.

Dass das einigen Landwirten nicht gefällt, entdeckte die Tierärztin Dorothea Friz in Italien. Sie fand ein männliches Büffelkalb in der Mülltonne. Aus der Milch der weiblichen Tiere entsteht der Mozzarellakäse.

Friz recherchierte und schreibt im Internet: "Ich habe sofort Nachforschungen bei den zuständigen Behörden angestellt und herausgefunden, dass im italienischen Kampanien laut Statistik fast nur weibliche Büffelkälber geboren werden, was nach den Naturgesetzen natürlich unmöglich ist. Die unausweichliche Konsequenz besteht darin, dass der größte Teil der männlichen Büffel sofort nach der Geburt verschwindet."

Die männlichen Kälber würden gleich nach der Geburt getötet, berichtet sie - weil sie naturgemäß keine Milch geben können.

Wasserbüffel auf der Weide. (Foto: Patrick Pleul dpa/lbn)

Aus der Milch der weiblichen Wasserbüffel wird Mozzarella hergestellt

Milch oder Kalbfleisch

Karl Schellander, Rinderzuchtexperte vom Institut für Tierwissenschaften der Universität Bonn, versichert, dass den männlichen Kälbern von Milchkühen in Deutschland dieses Schicksal nicht widerfahre. Allerdings erwartet die Neugeborenen auch kein sonderlich langes Leben: "Sie gehen in die Kälbermast und werden nach drei, sechs oder zwölf Monaten geschlachtet. Da wird dann Kalbfleisch draus."

Milchkühe wurden dahingehend gezüchtet, außerordentlich viel Milch zu geben, bis zu 8500 Kilogramm pro Jahr. Diese Rassen, sowohl die Männchen als auch Weibchen, setzen dafür aber weniger Fleisch an als andere Rinderrassen. Daher lohnt es sich für die Landwirte nicht, die männlichen Kälber über längere Zeit als maximal ein Jahr zu mästen.

Genauso wenig lohnt es sich aber, sie nach der Geburt sofort zu entsorgen.

Männliches oder weibliches Sperma?

Ist ein bestimmtes Geschlecht gewünscht, ist das bei Kühen sowieso kein Problem. Bei den Besamungsstationen lässt sich sogenanntes gesextes Sperma bestellen: Es besteht aus Spermien, die ein bestimmtes Geschlecht ergeben, also nur Weibchen oder nur Männchen.

Der Samen stammt von Zuchtbullen und wird anschließend mit Maschinen sortiert, in Spermien, die Y-Chromosomen enthalten, und solche, die X-Chromosomen enthalten. Ein Y-tragendes Spermium ergibt später ein männliches, ein X-tragendes Spermium ein weibliches Kalb.

Bulle auf künstlicher Kuh (Foto: Winfried Wagner/dpa)

Eine künstliche Kuh, gebaut wie eine echte, soll den Bullen zur Ejakulation animieren

"Die Y-tragenden Spermien haben vier Prozent weniger DNA als die X-tragenden Spermien", erklärt Schellander. Wird die DNA zuvor mit einem Farbstoff markiert, leuchten die X-tragenden Spermien stärker als die Y-tragenden. So kann die Maschine die beiden Spermientypen unterscheiden und entsprechend sortieren.

"Die besten Maschinen erreichen etwa 8000 Sortierungen in der Sekunde, das geht rasend schnell", sagt der Rinderzuchtexperte. "Das sind in einer Stunde etwa 15 Millionen Spermien." Für eine Dosis zur künstlichen Besamung brauche man etwa zwei Millionen Spermien.

Ohne Garantie

Eine Portion nach Geschlecht sortiertes Rindersperma kostet mit etwa 40 Euro mehr als doppelt so viel wie eine normale Portion. Auch ist die Befruchtungsfähigkeit geringer, die Kühe werden mit diesem Sperma weniger wahrscheinlich trächtig. "Das liegt daran, dass der Samen behandelt werden muss, er muss durch die Maschine fließen, und das ist Stress für die Spermien", erklärt Schellander.

Absolute Garantie auf das Geschlecht gibt es übrigens nicht: Eines von zehn Kälbern hat im Durchschnitt ein anderes als das gewünschte Geschlecht.

Ampulle mit Bullen-Sperma vor einen Computer-Bildschirm mit einer Mikroskop-Aufnahme von Spermien (Foto: Andreas Gebert dpa/lby)

Eine Ampulle mit gewöhnlichem Bullensperma, nicht nach X- und Y-Chromosomen getrennt

Bisher ist gesextes Sperma eher ein Nischenprodukt. Es wird nur in etwa fünf Prozent der Fälle eingesetzt, schätzt Schellander. Da sich männliche Kälber zu Kalbfleisch verarbeiten lassen, "ist der Anreiz gar nicht da."

Allerdings ist es schon so, dass bei den Milchkühen männliche Kälber etwas weniger wert sind als weibliche. Trotzdem ist sortiertes Sperma bisher nur in Ausnahmefällen interessant, etwa bei Züchtern.

Nicht bei Schweinen und Hühnern

Bei Schweinen ist gesextes Sperma bisher kaum in Gebrauch, sagt Schellander. Denn beim Schwein braucht es für eine erfolgreiche Befruchtung mehrere Milliarden Spermien - das lässt sich nicht sortieren.

Bei Hühnern ist die gesexte Besamung biologisch gar nicht möglich: Bei Vögeln entscheidet nämlich nicht das Spermium über das Geschlecht der Nachkommen, sondern die Eizelle. Dabei wäre so ein Verfahren gerade bei Legehühnern extrem nützlich: Die männlichen Küken sind hier wertlos und werden gleich nach dem Schlüpfen getötet. Ließen sich gezielt weibliche Hennen züchten, würde das viel Leid ersparen.

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