Rainald Goetz: ″Irre″  | 100 gute Bücher - ein literarisches Jahrhundert-Panorama deutschsprachiger Literatur | DW | 07.10.2018
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100 gute Bücher

Rainald Goetz: "Irre" 

"Irre" von Rainald Goetz ist ein Psychiatrie-Roman, der schmerzt. Patienten, Pfleger, Ärzte – alle sind Teil desselben Wahnsinns. Mit seinem Erstling von 1983 schickt uns der Autor auf einen literarischen Horrortrip.

Da ist das Leid der Kranken: Angst, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Es lauern Arztroutine, Technik und chemische Keule. Alles verschweißt Goetz zu einem erschreckenden Bild der Psychiatrie.

"Ich erkannte nichts wieder. Aus der Anstalt entlassen, allabendlich, ging ich auf den U-Bahn-Schacht zu, ohne Blick. Hatte ich je den Frühling gerochen? Gerüttelt von der Fahrt, erreichte ich mein Zimmer, und nichts war wie früher. Ohne Aufbegehren bewegte ich mich zwischen den Bierdosen, den Flaschen, Zeitungen und Kleidungsstücken am Boden, ziellose Suche. Die riesigen weißen Laken an den Wänden, hinter den Laken die Regale, in den Regalen die Bücher, verhängt. Ich hatte gelesen? Hatte ich je ein Buch geöffnet und etwas anderes gehört als dieses Dröhnen, unerträgliches Dröhnen in den Ohren, lauter mit jedem Satz?"

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"Irre" von Rainald Goetz

Goetz' Romanheld heißt Raspe, ein angehender Arzt, der eine Blitzkarriere hinlegen, aber auch den Kranken wirklich helfen will. Am Ende ist er ihrem psychischen Leid nicht gewachsen. Die Nervenklinik erlebt er als "Irrenhaus-Hölle". Sie lässt ihn zusammenbrechen und zwingt ihn zur Umkehr.

Schmerzende Blicke auf unhaltbare Zustände 

Goetz' Roman erzeugt einen Sog aus Mitleid und Abscheu. Mit seinem sprachlichen Brennglas hält Goetz auf die Zustände eines noch heute tabuisierten Kosmos, aus dem es - geht es nach dem Autor - kein Entrinnen gibt. Wie gelähmt schaut man aus den sedierten Gemütern seiner Figuren auf die Welt. Ein Zug nach dem anderen rast vorbei.

"Ist das die Bahn, was ich höre? Ich glaube, ich habe mich verirrt. Dass man ruhig seinen Kopf auf die Gleise legt, kann ich mir nicht vorstellen. Man wartet, und das Singen der Gleise wird immer lauter. Man hat sicher die Augen geschlossen. Nach dem Quietschen der Notbremse dauert es noch. Man weiß nicht, wie lange. Dann, erst dann, ist es aus. Wünschenswert, einzig noch denkbar, totale Zerschmetterung."

Der Autor Rainald Goetz schneidet sich in die Stirn (ORF Kärnten)

Skandal beim Ingeborg-Bachmann-Preis 1983: Rainald Goetz schneidet sich in die Stirn

Bei den Klagenfurter Literaturtagen 1983 las Goetz aus dem Buch vor. Dabei ritzte er sich mit einer Rasierklinge die Stirn auf und ließ sein Blut über das Manuskript laufen. Medien und Literaturbetrieb kochten. Der "Spiegel" lehnte es ab, das kurz darauf erscheinende Erstlingswerk zu rezensieren. Andere feierten den Autor als kommenden Pop-Literaten.

Goetz: "Wer ist hier verrückter – die Irren oder die Welt, in der wir leben?"

Goetz, Jahrgang 1954, entstammt selbst einem Arzthaushalt und studierte Medizin und Geschichte. "Irre", sein erster Roman, war ein stilistisches Experimentierfeld, gespickt mit stakkatohaften Sätzen, saloppen Dialogen und einem irren, weil ständig wechselnden Erzähltempo. Es ist ein Buch von großer Sprachgewalt. Goetz' Frage: "Wer ist hier verrückter - die Irren oder die Welt, in der wir leben?", die ist aktueller denn je.

Rainald Goetz Schriftsteller (picture-alliance/dpa/D. Maurer)

Rainald Goetz

Rainald Goetz: "Irre" (1983), Suhrkamp Verlag

Rainald Maria Goetz, geboren 1954 in München, studierte Geschichte, Theaterwissenschaft und Medizin, bevor er 22-jährig mit dem Schreiben anfing. Zunächst veröffentlichte er in Zeitungen und Literaturzeitschriften. 1983 legte er mit "Irre" seinen ersten Roman vor, in dem er eigene Arbeitserfahrungen in der Psychiatrie verarbeitete. Seine Bücher Werke der 1980er und 1990er Jahre zählen zur deutschen Popliteratur, was auch Goetz' Selbstverständnis entspricht. Rainald Goetz erhielt zahlreiche Literatur-Auszeichnungen, darunter 2015 den Georg-Büchner-Preis.

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