Radprofis in Coronavirus-Quarantäne | Sport | DW | 02.03.2020
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Coronavirus

Radprofis in Coronavirus-Quarantäne

​​​​​​​Gefangen im Luxushotel: Eine Reihe Radprofis sitzt seit Tagen aufgrund eines Coronavirus-Verdachts in ihren Hotelzimmern in Abu Dhabi fest. Bisher sind alle Tests negativ - und die Nerven liegen langsam blank.

VAE Coronavirus: UAE Tour der Radprofis abgebrochen (Imago-Images/LaPresse/F. Ferrari)

Da rollten die Räder noch: Das Peloton der UAE Tour fuhr nur fünf der geplanten sieben Etappen

Das Crowne Plaza Hotel gilt als eines der besten Hotels von Abu Dhabi. Auf der Yas-Insel gelegen, bietet es Gästen einen Blick auf Skyline und Meer. Poolanlage und Wellnessbereich sind selbstverständlich, der Golfplatz ist direkt vor der Tür, es gibt sogar ein Babysitting-Angebot. Für einige Radprofis ist es dennoch ein grauenhafter Ort. Denn sie sitzen hier fest.

Am Abend des 27. Februar riegelten die Gesundheitsbehörden Teile des Hotels ab. Die UAE Tour, ein hochkarätiges besetztes WorldTour-Etappenrennen durch die Vereinigten Arabischen Emirate, wurde abgebrochen. Zwei Verdachtsfälle des neuartigen Coronavirus sorgten dafür, dass rund 600 Athleten, Mechaniker, Physiotherapeuten, Ärzte und sportliche Leiter hier festsaßen.

VAE Coronavirus: UAE Tour der Radprofis abgebrochen (Getty Images/AFP)

Medizinisches Personal kontrollierte alle Teilnehmer der UAE-Tour auf das Coronavirus

Es folgten mehrmalige Tests auf Sars-CoV-2, wie das immer weiter verbreitete Virus offiziell heißt. Bestätigt hat sich der Verdacht auf das Coronavirus bisher nicht, die beiden mutmaßlich infizierten Mitarbeiter einer italienischen Mannschaft waren negativ. Ein Großteil des Pelotons durfte nach Tagen des Wartens abreisen, darunter auch der viermalige Tour-de-France-Sieger Chris Froome, der hier nach langer Verletzungspause sein Comeback gegeben hatte.

Quarantäne trotz negativer Corona-Tests

Für drei Teams ging die Quarantäne jedoch weiter. Die französischen Rennställe Cofidis, Groupama-FDJ und das russische Gazprom-RusVelo-Team dürfen das Hotel weiterhin nicht verlassen. "Wir wissen nicht, warum die Behörden unsere Fahrer dort behalten. Keiner meiner Fahrer ist krank", beschwerte sich Marc Madiot, Teamchef von Groupama-FDJ im DW-Gespräch. Er selbst ist nicht vor Ort, kann nur übers Telefon Kontakt zu seinen Athleten halten. "Es wird immer schwieriger, sie bei Laune zu halten. Sie hoffen jeden Tag, endlich das Hotel verlassen zu dürfen, aber sie dürfen nicht." Gemeinsam mit acht Betreuern sitzen David Gaudu, Arnaud Démare, Ramon Sinkeldam, Ignatas Konovalovas im Hotel fest. Drei ihrer Teamkollegen durften die Heimreise antreten, wie Madiot erklärte. Warum die einen gehen dürfen, die anderen nicht, verstehe er nicht, alle Tests auf das Coronavius seien negativ ausgefallen.

Frankreich Tour de France 2018 | Marc Madiot (picture-alliance/Augenklick/Roth/)

"Keiner meiner Fahrer ist krank", versichert Teamchef Marc Madiot

Wie überall auf der Welt, wo die neue Krankheit COVID-19 aufgetreten ist, versuchen die Gesundheitsbehörden in den Emiraten die Ausbreitung einzudämmen, Infizierte zu isolieren, Verdachtsfälle zu prüfen. 21 Fälle des Coronavirus wurden bislang in den VAE registriert. In der vierten Etage des Crowne Plaza sehen die Behörden noch immer eine Gefahr. Denn zwei Personen sollen hier nach DW-Informationen erkrankt sein und Fieber bekommen haben. Es ist jedoch unklar, ob es sich dabei um Corona-Infizierte handelt oder nicht.

Wenn das Luxushotel zum Gefängnis wird

Einer der Profis, der sein Zimmer auf der vierten Etage hat, ist Natnael Berhane. Der Eritreer fährt für das Cofidis-Team und beendete die UAE-Tour am Donnerstag auf einem soliden 40. Platz. Seitdem steht er unter Quarantäne. "Ich fühle mich schrecklich, auch wenn mein Corona-Test zwei Mal negativ war. Ich bin gesund, aber es fühlt sich wie ein Gefängnis für mich an", sagt Berhane der DW. Sein Stimme klingt verzweifelt, er wirkt ratlos. Auch zum Essen dürfe er sein Zimmer nicht verlassen. Sein Fahrrad stehe irgendwo unerreichbar im Keller, in den Fitness- oder Poolbereich werden er und seine Teamkollegen nicht durchgelassen. Außer Stretching und Fernsehen könne er nichts tun, beklagt der zweifache Afrikameister. "Tagelang in einem Raum festgehalten zu werden, fühlt sich für einen Radprofi wie Folter an. Wir sind alle sehr verärgert. Wir haben sogar schon die Botschaft eingeschaltet, um uns zu helfen. Bisher alles ohne Erfolg. Ich will nur noch hier raus." Im benachbarten W Hotel auf der Yas-Insel wurden nach Informationen eines deutschen Touristen ebenfalls Gäste unter Quarantäne gestellt. Auch sie erhielten keine Auskunft zur Dauer der Maßnahme. 

Frankreich Tour de France 2019 Natnael Berhane (Getty Images/AFP/J. Pachoud)

"Ich will nur noch hier raus" - Natnael Berhane ist einer der besten afrikanischen Radsportler

Selbst wenn Natnael Berhane und seine Kollegen bald ihr Hotel verlassen könnten, wird das Coronavirus den Sport wohl weiter stark beeinflussen. Insbesondere im Radsport, ein Sport, der Tausende auf die Straße zieht, der Fahrer und Betreuer aus aller Welt zusammenbringt, dürfte die Ausbreitung des Virus Probleme bringen. Der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit forderte im DW-Interview unlängst die Absage von Sportevents. In Ländern wie der Schweiz sind Großveranstaltungen bereits verboten und im stark betroffenen Italien wird über Frühjahrsklassiker wie Strade Bianche (7.3.) sowie Mailand-Sanremo (21.3.) diskutiert. Und so verschieben sich die Prioritäten: "Ich habe alle sportlichen Ziele fürs Frühjahr gestrichen, daran denke ich gar nicht mehr", so Marc Madiot. "Jetzt geht es nur noch um die Gesundheit und die sichere Rückkehr meiner Fahrer nach Hause."

Einblicke in das Leben in der Quarantäne geben die Profis:

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