Rache als Motiv: Mehr Fälle von Selbstjustiz in Syrien
11. November 2025
Ein Jahr ist seit dem Sturz des syrischen Diktators Baschar al-Assad vergangen, doch Syrien kommt nicht zur Ruhe. In letzter Zeit häufen sich beunruhigende und verwirrende Berichte über Fälle von Selbstjustiz.
So etwa wurden im Oktober in dem mehrheitlich von Christen bewohnten Dorf Anaz in der Provinz Homs zwei Männer von schwarz gekleideten Angreifern auf einem Motorrad erschossen. Einige Kommentatoren erklärten, die Morde seien durch konfessionellem Hass motiviert, für den sie die neue syrische Regierung verantwortlich machten. Andere wiederum beschuldigten ehemalige Anhänger oder Angehörige des Assad-Regimes: Diese wollten Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen schüren, hieß es.
Weitere Ermittlungen ergaben jedoch, dass einer der Getöteten früher einer mit Assad verbündeten Miliz angehört hatte. Diese soll während des 14-jährigen Bürgerkriegs laut Medienberichten für den Tod von bis zu 700 Menschen verantwortlich gewesen sein.
Dem syrischen Medienkollektiv "Enad Baladi" zufolge standen viele junge Männer in Anaz im Krieg offenbar auf der Seite des Assad-Regimes. Das nahegelegene Dorf Qalaat hingegen soll überwiegend die regierungsfeindlichen Kräfte unterstützt haben, die Assad schließlich stürzen konnten. Einiges spricht dafür, dass es sich bei dem Doppelmord um eine gezielte Tötung aus Rache handelte.
Mehr registrierte Fälle
Generell nimmt Gewalt durch Selbstjustiz in Syrien zu. Syrien-Experte Charles Lister, ein genauer Beobachter der Entwicklungen in dem Land, geht davon aus, dass in den letzten beiden Augustwochen 36 Prozent der über 70 registrierten gewaltsamen Todesfälle auf gezielte Tötungen oder Selbstjustiz zurückgingen. Zuletzt soll der Anteil sogar bei 60 Prozent gelegen haben.
"Die Fälle echter Selbstjustiz - also solche, die sich gegen Kollaborateure, Soldaten oder sonstige Angehörige des Regimes richten - nehmen definitiv zu", sagt Gregory Waters, Senior Fellow beim Atlantic Council, der die Ereignisse auf seiner Website "Syria Revisited" dokumentiert.
"Die Zahl der Fälle schwankt von Woche zu Woche", sagt Waters der DW. "Aber insgesamt steigt sie. Das liegt auch daran, dass es einen Mangel an Übergangsjustiz gibt. Das erhöht den Druck."
Nach dem Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 hatte die neue Übergangsregierung versprochen, die schlimmsten Akteure des alten Regimes vor Gericht zu stellen. Syriens Übergangspräsident Ahmad al-Scharaa habe sich mit Gemeindevorstehern getroffen und die Bevölkerung um Geduld gebeten, so Waters.
"Viele Menschen fragen sich angesichts der zahllosen Todesopfer, Vertriebenen und zerstörten Häuser aber, wie lange sie sich gedulden sollten", sagt Waters. Zudem hat die syrische Regierung vielen Angehörigen der syrischen Armee Amnestie angeboten. Strafrechtlich verfolgt würden nur diejenigen, an deren Hände syrisches Blut klebe.
Bisher allerdings seien die Bemühungen, mutmaßliche Verbrecher des Regimes festzunehmen, "inkonsistent, intransparent und schlecht kommuniziert", schrieb Waters im Juni in einem Briefing für das 'Washington Institute for Near East Policy'. Zwar würden hochrangige Vertreter des gestürzten Regimes oder Personen, die mit bekannten Massakern in Verbindung gebracht werden, inhaftiert. Doch nicht alle Verdächtigen würden gleich behandelt.
"Viele ehemalige Informanten und Angehörige niedrigerer Ränge sind weiterhin auf freie Fuß ", sagt Waters. "Einheimische melden solche Kriminelle zwar regelmäßig den Sicherheitskräften. Doch oft werden sie dann schon nach wenigen Tagen wieder freigelassen."
"Als Aufruf zur Gewalt verstanden"
Manche Syrer wollen helfen, ihrer Ansicht nach Schuldige vor Gericht zu stellen. Waters verweist auf eine vielgenutzte arabischsprachige Social-Media-Seite, die Bilder von Personen veröffentlicht, die dem Regime nahestanden.
"Sie posten Bilder von Personen, die sie dann beschuldigen, sie seien Soldaten des Regimes gewesen. Außerdem schreiben sie oft, aus welchem Ort die Beschuldigten kämen und dass sie derzeit vermutlich dort leben würden. Das könnte von einigen durchaus als Aufruf zur Gewalt verstanden werden."
Die meisten Opfer der Selbstjustiz gehörten der sunnitischen Mehrheit Syriens an. "Sunnitische Kollaborateure des Regimes werden von ihren eigenen Gemeinden verachtet. Deshalb ist es relativ einfach, sie ins Visier zu nehmen", sagt Waters.
Wie lässt sich Selbstjustiz stoppen?
Derzeit scheint die syrische Übergangsregierung nicht viel gegen das Phänomen der Selbstjustiz zu unternehmen. Unklar ist, ob dies an mangelndem Willen oder an unzureichenden Ressourcen liegt.
Waters nennt als Beispiel eine seit Langem bestehende Gruppe in Aleppo, die während des Bürgerkriegs Offiziere des Assad-Regimes ermordet hat und dies offenkundig weiterhin tut. "Es ist eine enorme Herausforderung für die Regierung, gegen diese Gruppe vorzugehen", so Waters. "Es handelt sich im Grunde um eine Zelle von Aufständischen." Derzeit greife die Gruppe ehemalige Angehörige des Regimes an. Gegen Regierungstruppen gehe sie bislang nicht vor.
"Aber würden zwei oder drei von ihnen verhaftet, würden sie womöglich auch die Regierung angreifen", mutmaßt der Experte. Derzeit verfolge die Regierung offenbar die Strategie, ehemalige Soldaten des Assad-Regimes möglichst zu verhaften, noch bevor Selbstjustiz-Gruppen sie attackierten, sagt Waters.
Vermehrte öffentliche Informationen über eine im März 2025 angekündigte Regierungskommission für Übergangsjustiz könnten die derzeitige Situation verbessern, sagt Aaron Zelin, Experte am Washington Institute in den USA. "Die Kommission leistet offenbar gute Arbeit", lautet seine Einschätzung. "Aber man fürchtet offenbar, eine noch stärkere in die Öffentlichkeit getragene Kommunikation könnte diese Arbeit untergraben ", so Zelin im DW-Gespräch. "Allerdings könnte das Schweigen das Vertrauen und die Transparenz auch beeinträchtigen, da niemand etwas über den Zeitplan oder den weiteren Verlauf weiß."
Der Anstieg der Selbstjustiz verdeutliche, wie unzureichend der Prozess der justiziellen Aufarbeitung bisher verlaufe, sagt Mohammad al-Abdallah, Direktor des ebenfalls in Washington ansässigen 'Syrian Justice and Accountability Center'. Bislang hätten die Behörden viele der mutmaßlich an Verbrechen Beteiligten nicht verhaftet. Menschen begegneten solchen Verdächtigen teils öffentlich auf der Straße und dächten sich dann vermutlich Dinge wie: 'Du hast meinen Vater inhaftiert, Du hast meinen Bruder exekutiert, Du hast meinen Sohn getötet!' Und hätten das Gefühl, der Staat tue nichts für eine angemessene Bestrafung.
Vor diesem Hintergrund neigten Betroffene offenbar dazu, die Gerechtigkeit selbst in die Hand nehmen zu wollen, so al-Abdallah gegenüber der DW. "Diese Politik schürt Angst, führt zu Vertreibungen und veranlasst Menschen, über Selbstjustiz nachzudenken."
Aus dem Englischen adaptiert von Kersten Knipp.