″Putins Koch″ und die Hetze gegen Journalisten | Europa | DW | 13.11.2018
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Russland

"Putins Koch" und die Hetze gegen Journalisten

Seit Wochen erhält die russische Zeitung "Nowaja Gaseta" Drohungen. Hintergrund sind Recherchen über "Putins Koch", Jewgenij Prigoschin. Denn seine Interessen gehen weit über das Kulinarische hinaus.

Der Name des russischen Milliardärs Jewgenij Prigoschin, der auf der US-Sanktionsliste steht, taucht in russischen Medien in den vergangenen Tagen des öfteren auf. Auch die Zeitung "Nowaja Gaseta" berichtet über Prigoschin, der auch als "Putins Koch" bezeichnet wird, weil seine Catering-Firmen Armee und Schulen beliefern. Der Unternehmer wurde am 9.November, bei Gesprächen zwischen den Militärchefs Russlands und Libyens gesehen, so die Zeitung.

Die "Nowaja Gaseta" schreibt regelmäßig über Prigoschin und seine mutmaßlichen Aktivitäten, denn die Interessen des Milliardärs gehen weit über die Gastronomie hinaus. Der Geschäftsmann soll in Sankt Petersburg eine sogenannte "Trollfabrik" kontrollieren, die im Internet Desinformation und Meinungsmache gegen den Westen verbreitet. Auch gegen russische Oppositionelle und andere unliebsame Personen soll Prigoschin schon vorgegangen sein.

Jewgeni Prigoschin

"Putins Koch" Jewgeni Prigoschin

Der Journalist Denis Korotkow von der "Nowaja Gaseta" zitierte Mitte Oktober einen ehemaligen Mitarbeiter Prigoschins. Dieser behauptet, dass er für den Milliardär Widersacher ausspionieren oder einen Verkehrsunfall vortäuschen sollte, um eine Gegnerin Prigoschins in einem Immobilienstreit zu einer Lösung zu drängen. Er behauptet auch, dass er die Vergiftung eines Bloggers organisieren ließ. Vorwürfe, die schwer wiegen.

Schafskopf und Grabgesteck

Diesen heiklen Zeitungsbericht wollten Unbekannte offenbar stoppen. Am Tag der Veröffentlichung lag vor dem Gebäude der Redaktion ein Grabgesteck aus Kunstblumen, inklusive Foto des Journalisten Denis Korotkow. Nach der Veröffentlichung des Artikels wurde ein Schafskopf vor dem Eingang der Redaktion gefunden, der wieder mit "Grüßen" an den Autor versehen war - eine Todesdrohung. Später brachte jemand lebendige Schafe in Käfigen, die mit dem Logo der Zeitung versehen waren, vors Gebäude - als Zeichen dafür, dass man die Zeitung im Griff habe.  

Doch die "Nowaja Gaseta", deren Autoren in Russland immer wieder Repressalien und Schikanen ausgesetzt sind, ließ sich nicht einschüchtern. Trotz mehrerer Drohungen veröffentlichte die Zeitung ein weiteres Interview, das der Journalist Korotkow mit einem anderen ehemaligen Mitarbeiter Prigoschins geführt hatte. Dieser bestätigte die Vorwürfe gegen seinen früheren Boss.

Auf die Frage der DW, ob Korotkow aus Angst Russland noch verlassen wolle, gab er eine klare Antwort: "Ich wohne in Russland und verfolge keine Umzugspläne." Die Drohungen nehme er mit Genugtuung wahr und freue sich, dass seine Gegner auf diese Art und Weise reagieren würden. "Das ist doch besser als andere Provokationen, wie ein Überfall oder eine unerwartete Begegnung in einem Treppenhaus", sagt er.

Denis Korotkow, russischer investigativer Journalist (privat)

Journalist Denis Korotkow trotzt den Drohungen und will Russland nicht verlassen

Korotkow ist sich der Gefahr bewusst. Die Nachrichtenagentur RIA FAN, die mutmaßlich Prigoschin nahe steht, bezeichnete ihn als Vaterlandsverräter und Terroristenhelfer, den man am besten hinter Gitter bringen sollte. Auch in sozialen Netzwerken wird sein Name mit diversen Drohungen verbunden. Dennoch gibt sich der Journalist kämpferisch und versucht, die Hetzkampagne gegen ihn herunterzuspielen. "Ich sehe im Netz, wie Wünsche geäußert werden, mich am Pfahl aufzuhängen, oder mir erklärt wird, wie und was ich zu schreiben habe. Aber das gehört wohl zu meinem Job", sagt er.

Illegal und doch aktiv: Russlands bekannteste Privatarmee

Korotkow arbeitet erst seit September dieses Jahres für die "Nowaja Gaseta". Zuvor war er Journalist bei der russischen Internet-Zeitung "Fontanka" in Sankt Petersburg, wo er bereits über andere Aktivitäten Prigoschins geschrieben hatte. Der Milliadär soll noch ein weiteres Geschäft betreiben, das in Russland illegal ist: eine Privatarmee, bekannt als "Gruppe Wagner". Die Zeitung "Fontanka" und Korotkow hatten über geheime Operationen dieser russischen Söldner geschrieben. Korotkow verfügt über ein breites Netzwerk und viele Informanten. Prigoschin selbst tritt überhaupt nicht vor die Presse, auch Anfragen beantwortet er nicht.

Bis zu 3000 Mann stark soll die "Gruppe Wagner" sein. Journalist Korotkow verfügt nach eigenen Angaben über 2000 Datenblätter von Rekruten der Privatarmee. Wagner-Söldner sollen früher im ukrainischen Donbass aktiv gewesen sein. Doch jetzt gilt das Interesse der Privatarmee Ländern in Nord- und Zentralafrika. Offiziell hat Russland mit der Zentralafrikanischen Republik einen Vertrag über die Entsendung "militärischer Berater" abgeschlossen. Nähere Angaben machte der Kreml auf DW-Anfrage nicht. Einige Beobachter vermuten, dass diese Berater aus der Wagner-Truppe stammen könnten. Korotkow sagt, die Söldner seien auch im Sudan, im Südsudan und in Madagaskar aktiv.

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