Prekäre Lage an iranisch-afghanischer Grenze | Asien | DW | 11.08.2021
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Asien

Prekäre Lage an iranisch-afghanischer Grenze

Die militant-islamistischen Taliban setzen ihre Blitzoffensive in Afghanistan fort. Immer mehr Afghanen flüchten ins Nachbarland, den Iran, unter ihnen Zivilisten und Soldaten. Die Lage an der Grenze ist angespannt.

Als erste Reaktion auf den Vormarsch der Taliban nach dem Abzug internationaler Truppen Anfang Mai hat der Iran seine Militärpräsenz an der Grenze zu Afghanistan verstärkt. Seit dem vergangenen Wochenende ist der Grenzschutz in ständiger Alarmbereitschaft, weil die Soldaten der militant-islamischen Organisation auf der anderen Seite der Grenze stehen.

Im Zuge ihrer Offensive kontrollieren die Taliban inzwischen mehr als die Hälfte der etwa 400 Bezirke des Landes und auch mehrere Provinzhauptstädte. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR haben knapp 250.000 Afghanen ihre Heimatorte verlassen und sind auf der Flucht.

Karte Afghanistan mit Nachbarländer EN

Der Iran teilt eine 950 Kilometer lange Grenze mit Afghanistan

Viele Schutzsuchende flüchten in Richtung Iran, darunter viele Soldaten. Am 6. August hatten die Taliban Zaranj/Sarandsch, die Hauptstadt der Provinz Nimrus an der iranischen Grenze, erobert. Gleich danach flüchtete ein ganzer Konvoi von Militärfahrzeugen mit Soldaten der afghanischen Armee über die Grenze.

Auch Grenzsoldaten waren in den Iran geflüchtet, nachdem sie ihre Waffen den iranischen Grenzposten übergeben hatten.

Abschiebung nach Kabul

Noch bis Anfang Juni hatte der Iran geflüchtete Soldaten zurück nach Kabul abgeschoben. Die afghanische Regierung habe ihre Auslieferung offiziell beantragt, bestätigte ein Sprecher der iranischen Armee Mitte Juli. Weder mit der afghanischen Regierung in Kabul noch mit den militant-islamistischen Taliban will der Iran Ärger haben.

Teheran, Iran | Treffen des Präsidenten Afghanistans mit dem Präsidenten des Iran

Der afghanische Präsident Ghani hat sich am 5. August mit seinem iranischen Amtskollegen Raisi in Teheran getroffen

Der Iran teilt eine 950 Kilometer lange Grenze mit Afghanistan. Die Grenzlinie läuft über hohe Berge und ist aufgrund geografischer Gegebenheiten schwer zu sichern. Offiziell gibt es nur drei Grenzübergänge. Mittlerweile stehen zwei unter Kontrolle der Taliban. 

Auch an die Taliban seien geflüchtete Soldaten bisher nicht ausgeliefert worden, sagt die Journalistin Jila Baniyaghoob aus Teheran im Gespräch mit der Deutschen Welle. Baniyaghoob arbeitet seit 15 Jahren als Afghanistan-Korrespondentin, hat zwei Bücher geschrieben und kennt sich bestens mit den Grenzregionen zwischen dem Iran und Afghanistan aus. 

In einem Video, das am 8. August auf Twitter veröffentlicht wurde, sieht man eine Diskussion zwischen einem iranischen Grenzoffizier und Taliban-Mitgliedern. Sie verlangen, dass die in den Iran geflüchtete Afghanen an sie übergeben werden. "Sie sind unsere Gäste. Wir werden sie nicht zur Rückkehr zwingen", antwortet der iranische Offizier.

Die iranischen Grenzsoldaten wissen, dass die angespannte Lage an der Grenze in Teheran und in den sozialen Netzwerken mit großer Aufmerksamkeit verfolgt wird. Trotz jahrelanger bilateraler Gespräche zwischen der iranischen Regierung und Vertretern der Taliban sind die Islamisten im Iran verhasst.

1998 hätte der Iran beinahe einen militärischen Feldzug gegen die Taliban gestartet. Diese hatten zuvor in der nordafghanischen Stadt Masar-i Scharif acht iranische Diplomaten und einen Korrespondenten der amtlichen Nachrichtenagentur IRNA im iranischen Konsulat getötet. Der Tag seiner Ermordung, der 8. August, steht bis heute als "Tag der Journalisten" im iranischen Kalender.

Aus dieser Haltung heraus kritisieren viele Journalisten offen die Verhandlungen zwischen dem Iran und den Taliban.

Die USA unter dem früheren Präsidenten Donald Trump warfen dem Iran vor, Waffen an die Taliban zu liefern, um amerikanische Soldaten in Afghanistan anzugreifen. Der Iran bestritt das und begrüßte den Abzug der US-Armee aus seiner unmittelbaren Nachbarschaft. Für die Grenzsicherung wäre jetzt ein Abkommen mit den Taliban für den Iran wichtig. 

Der Iran führt Friedensgespräche mit den Taliban

Der Iran führt Friedensgespräche mit den Taliban

Illegale Grenzübergänge

Entlang der 950 Kilometer langen gemeinsamen Grenze gibt es zahlreiche Routen für illegale Grenzübergänge, genutzt für Drogenschmuggel und als Fluchtweg für die Menschen. Afghanistan ist das weltweit größte Anbaugebiet von Schlafmohn und damit Hauptlieferant von Opium, Heroin und anderen Opiaten. Laut UN-Angaben stammten in den vergangen fünf Jahren rund 84 Prozent der weltweiten Opiumproduktion aus Afghanistan. Ein Teil der Drogen, die dort hergestellt werden, erreicht auch Europa, über den Iran.

Auch Flüchtlinge, die nicht im Iran registriert werden möchten, reisen über das Land in die Türkei und nach Europa. Nun will die Türkei mit einer drei Meter hohen Betonmauer ihre Grenze zum Iran sichern. Seit dem Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan arbeitet die Türkei mit Hochdruck an diesem Projekt. 

Mit einer Betonmauer will die Türkei Flüchtlinge stoppen

Mit einer Betonmauer will die Türkei Flüchtlinge stoppen

Seinerseits eine Mauer an der Grenze zu Afghanistan zu errichten, kommt momentan für den Iran nicht in Frage. Die iranische Wirtschaft leidet sehr unter den weitreichenden US-Sanktionen. Abgesehen davon gibt es enge kulturelle und sprachliche Verbindungen mit den ethnischen Gruppen wie den Tadschiken und Hazara im Norden Afghanistans. Schon heute sind gut 750.000 afghanische Flüchtlinge offiziell im Iran registriert. Bis zu zwei Millionen weitere Afghanen leben illegal im Land.

"Die Lage an der Grenze ist prekär", betont Jila Baniyaghoob im Gespräch mit der Deutschen Welle. "Es gibt keinen Plan oder Konzept für die Aufnahme der Flüchtlinge. Tausende Menschen sind legal, aber auch illegal in den Iran geflohen. Ich bin im Kontakt mit Einheimischen an der iranischen Grenze. Sie sind besorgt und fragen, wie das weiter gehen soll."

In den ohnehin wirtschaftlich benachteiligten Grenzregionen würden die Menschen unter Armut, anhaltender Dürre und jetzt auch noch der Corona-Pandemie leiden, so Baniyaghoob. Die Stimmung an der Grenze könne leicht kippen. Wenn aber der Iran seine Grenzen schließen würde, wären tausende Menschen auf der anderen Seite der Grenze den Taliban und ihren Gräueltaten ausgeliefert.