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Portugal: Woher kommt der Strom für neue Rechenzentren?

Jochen Faget
19. November 2025

Immer mehr internationale Rechenzentren werden in Portugal angesiedelt. Strom ist billig und stammt immer mehr aus erneuerbaren Quellen. Allerdings reicht die jetzt produzierte Energie nicht für alle geplanten Projekte.

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Idyll in den Bergen: Über einem See liegt ein Umspannwerk bei Lissabon
Umspannwerk bei Lissabon, Teil des Ausbaus des Elektrizitätsnetzes in PortugalBild: Jochen Faget/DW

Es ist eine dieser Zukunftsvisionen, die eigentlich zu schön sind, um wahr zu sein: Im kleinen Portugal am Westende Europas sollen große Datenzentren entstehen, die Tausende von Arbeitsplätzen schaffen und dem Land Reichtum bescheren soll. Nicht nur in den schon bestehenden Wirtschaftszentren an der Küste, sondern auch im sträflich vernachlässigten Hinterland. Dort, wo die Menschen bis jetzt eigentlich nur in die Ballungszentren abwandern, verkünden nun Bürgermeister Millionen-, ja Milliardeninvestitionen: Hier sollen Rechenzentren Arbeitsplätze schaffen und Wohlstand bringen.

In Fundão etwa, einer Kleinstadt in der Mitte Portugals und nahe der spanischen Grenze, verspricht der Bürgermeister seiner Gemeinde ein Datenzentrum, in das stolze vier Milliarden Euro investiert werden sollen. Knapp hundert Kilometer südlich in Abrantes und immer noch im tiefsten Hinterland, soll das dort geplante Data-Center gleich sieben Milliarden kosten. Bis spätestens 2030 sollen hier 450 direkte und mehrere Hundert indirekte Arbeitsplätze entstehen. "Wir haben sogar noch weitere Zentren in der Pipeline", freut sich Bürgermeister Manuel Jorge Valamatos und präsentiert einen weiteren Trumpf: In seiner Gemeinde steht ein Gaskraftwerk, das zusätzlichen Strom liefern kann - inklusive Anschlusspunkt, an dem die Zentren ihren Energiehunger stillen können.

Rechenzentren in der Provinz

Die größte aller Anlagen, sozusagen die Mutter der portugiesischen Data-Center, wird allerdings in dem südportugiesischen Küstenstädtchen Sines gebaut. Für stolze 8,5 Milliarden Euro, mit Anschluss an ein aus Amerika kommendes Unterwasser-Glasfiberkabel und geplanter 'Giga-Fabrik für künstliche Intelligenz', die weitere vier Milliarden kosten wird. Das erste von sechs geplanten Gebäuden ist fertig, allerdings hat das Megaprojekt einen Minister und den Regierungschef António Costa den Job gekostet. Die Staatsanwaltschaft ermittelt noch immer wegen Korruptionsverdacht.

Portugal Porto 2025 | Forschung zu Stromnetzen und Energie
João Peças ist Experte Stromnetze und Energiewirtschaft Bild: Jochen Faget

Das Hauptproblem der neuen Rechenzentren bleibt jedoch die Energie. Für alle geplanten Anlagen haben die Betreiberfirmen bereits einen Energiebedarf von 26,5 Gigawatt angemeldet - mehr als die rund 23,4 Gigawatt, die Portugal im Augenblick produzieren kann. Und natürlich soll der Strom nachhaltig und billig sein. Kein übermäßig großes Problem, meint der Fachmann für Elektrizität und Netze João Peças Lopes von der Universität Porto: "Portugal zeichnet sich dadurch aus, dass erneuerbare Energien reichlich vorhanden sind. Wir haben viel Sonne, viel Wind und auch viele Wasserkraftwerke." Außerdem meldeten die Betreiber der Zentren grundsätzlich einen höheren Energiebedarf an, als wirklich nötig. Oft sogar für mehrere Stadtorte, obwohl sie dann nur einen nutzen. "Wir können diese Zahlen also getrost halbieren, erreichen dann aber noch immer einen sehr hohen Energieverbrauch."

Hoher Stromverbrauch

Viel Strom für den laufenden Betrieb, viel Strom zur Kühlung im Sommer und zur Heizung im Winter. Strom, so Professor Peças Lopes, den Portugal nur produzieren kann, wenn mehr Solarenergie genutzt wird und mehr Windenergie. "Die muss in Off-Shore-Anlagen gewonnen werden, die Kapazitäten an Land sind weitgehend ausgeschöpft." Und das wird, weil vor Portugals Küste nur schwimmende Windparks gebaut werden können, teuer. Dazu kommen noch neue Überland-Starkstromleitungen und Anlagen, um überschüssige Energie für Zeiten, in denen sie benötigt wird, zu speichern.

Das Bild zeigt ein Umspannwerk im portugiesischen Trás-os-Montes
Sind Portugals Stromnetze dem Energiehunger neuer Rechenzentren gewachsen? Bild: Jochen Faget/DW

"Um Sonnenstrom, der tagsüber produziert wird, für die Nacht zu speichern, gibt es zwei Möglichkeiten", erklärt Professor Peças Lopes: "Entweder riesige Batterien oder Wasserkraftwerke, die in zwei Richtungen funktionieren." Dabei wird mit überschüssigem Strom am Tag Wasser aus einem Reservoir im Tal in einen höher gelegenen Stausee gepumpt. Nachts läuft das Wasser dann wieder nach unten und betreibt dabei Stromturbinen. Davon, berichtet der Professor, sollen in den nächsten Jahren drei weitere gebaut werden. Investitionen in Elektro-Infrastruktur, die sich gewaschen haben. Portugals zuständiges Umweltministerium rechnet mit Ausgaben von rund 13 Milliarden in den nächsten fünf Jahren.

Umweltschützer haben Bedenken

Und dann gibt es noch die Umweltschützer: An immer mehr Orten protestieren inzwischen Portugiesen gegen den Bau von neuen Riesen-Windparks oder Giga-Solaranlagen. Die wurden bis jetzt eher ohne Rücksicht sogar in Naturparks genehmigt und gebaut. Doch damit dürfte es langfristig vorbei sein. "Wir begrüßen grundsätzlich den Bau der geplanten Data-Center", betont Francisco Ferreira von der Umweltschutzorganisation Zero. "Beim Bau neuer Wind- oder Solarkraftwerke muss jedoch darauf geachtet werden, dass die Umwelt so wenig wie möglich geschädigt wird." Sicher seien die Rechenzentren eine Chance für die eher schwache Wirtschaft Portugals, doch dürften sie nicht auf Kosten der Natur gehen. In manchen Regionen des Landes gebe es jetzt schon zu viele Solarkraftanlagen und auch der Bau neuer Stromtrassen müsse so umweltverträglich wie möglich ausgeführt werden.

Turbinenhalle des Pumpspeicherkraftwerks in Bragança, Portugal
Teil des Energiesystems in Portugal sind Pumpspeicherkraftwerke wie das in Bragança Bild: Jochen Faget/DW

Das wäre nicht unmöglich, weiß der Strom-Fachmann Peças Lopes: "Ich habe bereits eine Studie angefertigt, Strom teilweise in Unterwasserkabeln im Meer an die Orte zu bringen, wo er benötigt wird. Es wäre machbar und nicht viel teurer." Die Politik müsste nur ja sagen und bezahlen muss den Netzausbau sowieso größtenteils der portugiesische Steuerzahler. Auf den Strompreis werden, wie überall, die Infrastrukturkosten draufgerechnet. Und der portugiesische Normalverbraucher zahlt schon jetzt doppelt so viel für Energie wie die Industrie.

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