Politische Pop Art war sein Markenzeichen: Erinnerung an Keith Haring | Kunst | DW | 04.05.2018
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Kunst

Politische Pop Art war sein Markenzeichen: Erinnerung an Keith Haring

Er war der erste Star der Street-Art-Szene. Am 4. Mai wäre er 60 geworden, doch er starb mit 31. Die Ausstellung "Keith Haring. The Alphabet" in Wien zeigt die anhaltende Relevanz seiner ikonischen Kunstwerke.

Alles grober, rauer, industrieller: Aus der heutigen Perspektive kann man sich die Stadt New York in den späten 1970er und frühen 80er Jahren nur schwer vorstellen. Die mit Graffitis vollgeschmierten U-Bahnen standen in denkbar großem Kontrast zu den polierten schwarzen Limousinen, die Promis die Fifth Avenue entlang kutschierten. Diese Extreme bildeten die Kulisse für die außergewöhnlichen Kunstwerke Keith Harings.

Erfindung des 'Haring-Alphabets' 

Der im Bundesstaat Pennsylvania geborene Künstler ging 1978 als 20-Jähriger nach Manhattan und besuchte dort die "School of Visual Arts". Er machte zwar keinen Abschluss, doch zu seinen Dozenten gehörten Künstler wie Joseph Kosuth und Simone Forti, die ihn anregten, Kunst zu machen, die eine Antwort auf den Zeitgeist und aktuelle Themen gibt.

Zunächst schuf Haring Collagen in öffentlichen Räumen. Sie bildeten Persönlichkeiten der Zeitgeschichte ab, wie etwa Ronald Reagan oder Papst Johnnes Paul II. Unbenutzte Reklametafeln in U-Bahn-Stationen sah er als leere Leinwände an und bemalte deren schwarze Oberflächen mit weißer Kreide. So entstanden die charakteristischen linienförmigen Figuren, die Haring berühmt machten.

USA Keith Haring (picture-alliance/dpa)

Keith Haring einen Monat vor seinem Tod im Jahr 1990.

Keith Harings Zeichensprache - sein hieroglyphenartiges, persönliches "Alphabet" - war von Bildern aus seiner Kindheit geprägt, wie man ihnen in den Kinderbüchern von Dr. Seuss oder den Zeichnungen von Walt Disney begegnet. Seine Kreationen muten deshalb selbst wie Cartoon-Zeichnungen an. 

Pop-Art-Politik

Insgesamt 100 seiner Werke kann man noch bis zum 24. Juni in der Ausstellung "Keith Haring. The Alphabet" im Albertina Museum in Wien sehen: von der U-Bahn-Kunst bis hin zu Zeichnungen, Skulpturen und Gemälden. Im Fokus sind Stücke, die mit sozialem Wandel und Gesellschaftsthemen zu tun haben. 

Er wohnte erst zwei Jahre in New York, da hatte Haring sich bereits einen Namen in der lebendigen lokalen Kunst- und Kulturszene gemacht. Zu seinen engsten Freunden gehörte der erste schwarze Superstar der Kunstszene, Jean-Michel Basquiat. Er arbeitete mit Grace Jones an einem Modeprojekt zusammen und bemalte ihren Körper. Er war auch mit Andy Warhol befreundet und ging mit ihm 1985 Arm in Arm zur Hochzeit von Madonna und Sean Penn.

Keith Harings Werke spiegelten das Leben in New York wider und hielten wichtige Momente der Popkultur fest. Seine grob skizzierte Antwort auf Mickey Mouse gilt als Kapitalismus- und Konsumkritik. Er nannte die Figur Andy Mouse: Es war eine Huldigung an Warhol.

Ausstellung zu US Künstler Keith Haring an der Albertina in Wien (The Keith Haring Foundation)

Ein Popkritiker zollt Tribut an einen anderen: Andy Warhol als Mickey Mouse

Die vielleicht bekanntesten seiner Figuren waren die gelben Zeichnungen von Menschen, die in hektischer Bewegung sind: Ihre Arme und Beine wedeln zur Seite oder sind in die Höhe gestreckt, als ob sie gerade einen Breakdance ausführten. Ein weiteres Motiv war der Hund mit spitzem Kopf, der als Harings "street tag", seine persönliche Handschrift, galt.

Der Künstler warf einen kritischen Blick auf Themen wie die Apartheid in Südafrika oder den Kalten Krieg sowie Militär, Großindustrie, HIV/Aids und die Rechte von Schwulen und Lesben. Obwohl seine Zeichnungen ohne Worte auskamen, waren Harings politischee Überzeugungen unmissverständlich: Dollarzeichen standen stellvertretend für die allzu typische Gier der Menschen, mit Pilzwolken plädierte er für die nukleare Abrüstung. Durch die klare politische Haltung wurde man in Europa auf den Künstler aufmerksam. Er wurde eingeladen, in Städten quer durch Europa zu malen, auch an der Berliner Mauer.

Keith Haring (picture-alliance/AP Photo/E. Bruhn-Hoffmann)

Haring vor seiner Gemälde an der Berliner Mauer, 1986

Todesangst im Spätwerk

Doch auch ganz persönliche Erfahrungen ließ er in seine Arbeit einfließen: So strahlen etwa religiöse Symbole wie das Kreuz bei Haring etwas Bedrohliches aus - schließlich hatte er als Teenager einer Sekte angehört, und er machte sich Gedanken um den Einfluss der Fernseh-Prediger in den USA. Zudem lebte Keith Haring zum Höhepunkt der Aids-Epidemie in New York. Selbst mit dem HI-Virus infiziert, sah er Freunde und ehemalige Partner an der Krankheit sterben. Schädel und Leichen in Harings Spätwerk spiegeln seine Todesangst wider.

Aus heutiger Perspektive erscheint Haring als Visionär: Köpfe explodieren wegen des Informations-Überangebots oder ein Fernseher ist als Kopf auf eine Raupe montiert, die viel größer ist als die Menschen, über die sie marschiert. In der Ausstellung im Wiener Albertina Museum wird Harings einzigartige Zeichensprache dechiffriert. Der Künstler, der 1990 an den Folgen seiner Aids-Erkrankung verstarb, wäre am 4. Mai 2018 60 Jahre alt geworden.

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