Polen: Sowjetische Denkmäler müssen weg! | Europa | DW | 13.04.2016
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Europa

Polen: Sowjetische Denkmäler müssen weg!

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat Polen der Roten Armee mit etlichen Denkmälern für die Befreiung von der NS-Besatzung gedankt. Viele wurden mittlerweile abgebaut. Jetzt will die Regierung die restlichen loswerden.

Ehrenmal der Roten Armee im 2. Weltkrieg in Warschau (Foto: Imago/mm images/David Ewing)

Bald auch weg? Ehrenmal der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg in Warschau

Am liebsten würde der Historiker Paweł Ukielski vom polnischen Institut für Nationales Gedenken das größte Symbol der sowjetischen Zeit in Polen abreißen - den Kulturpalast. Das 231 Meter hohe Gebäude ist seit den fünfziger Jahren der höchste Wolkenkratzer des Landes und vielen immer noch ein Dorn im Auge. Seinerzeit plädierte auch der ehemalige Außenminister Radosław Sikorski für dessen Abriss. Denn damit begrübe man den Kommunismus endgültig auch symbolisch.

Die Anhänger dieser Logik erinnern gerne an die Tradition solcher Abbrüche, die in die 1920er Jahre zurückreicht. Damals ließ der neugegründete polnische Staat alle Symbole der Zarenherrschaft zerstören, darunter die verhasste Alexander-Newski-Kathedrale im Zentrum von Warschau. Sie wurde in die Luft gesprengt. Dem Warschauer Kulturpalast droht das allerdings nicht mehr, denn er steht mittlerweile unter Denkmalschutz. Viele andere Objekte könnten jedoch bald verschwinden - das sieht die neue Erinnerungspolitik der polnischen Regierung vor.

Schluss mit der Dankbarkeit

Symbole des Kommunismus müssten aus dem öffentlichen Raum in Polen verschwinden. Das sei "eine natürliche und normale Sache", erklärte kürzlich Premierministerin Beata Szydło im polnischen Sender TVN 24. Viele Polen seien darüber empört, "dass es diese Symbole immer noch an so vielen Orten gibt".

Ehrenmal der Roten Armee in Warschau (Foto: picture-alliance/dpa/J. Kaminski)

Jahrzehnte lang Zeichen der Dankbarkeit - jetzt "ein falsches historisches Signal"

Wie viele Symbole es sind, das scheint im Moment niemand so genau zu wissen. 1994 wurden in einem russisch-polnischen Abkommen rund 570 Objekte aufgelistet. Davon sind viele schon entfernt worden. Knapp 200 Objekte fallen aber immer noch besonders auf. Sie müssen weg, meint Lukas Kaminski, Direktor des Instituts für Nationales Gedenken (IPN) in Warschau, denn solche "Denkmäler in Stadtzentren und Dörfern geben ein falsches historisches Signal".

Ein neues Joch

Dabei vertrat sein Institut bis vor kurzem eine ganz andere Position. Erst 2015 veröffentlichte es nach jahrelanger Recherche die erste wissenschaftliche Studie über die Geschichte der Entstehung der sogenannten "Dankbarkeitsdenkmäler". Doch was darin noch aufgelistet und analysiert wurde, soll jetzt aus dem öffentlichen Raum verschwinden. Nach dem Regierungswechsel hat sich das IPN den Plänen der Nationalkonservativen angeschlossen. "Was kam denn, nachdem die Sowjets Polen von Hitler befreiten, wenn nicht ein neues Joch?" fragt Kaminski.

Der Vergleich der sowjetischen mit den deutschen Verbrechen ist zur Zeit sehr beliebt in Polen. Auch der Historiker Paweł Ukielski bemüht ihm im Gespräch mit DW: "Es ist schwer vorstellbar, dass auf eine ähnliche Art und Weise der deutschen Wehrmachtssoldaten im öffentlichen Raum gedacht wird."

Städte preschen vor

Dass es dabei nicht ums Gedenken, sondern um das Zeugnis einer historische Epoche geht, die zur Polens Nachkriegsgeschichte gehört, spielt in der Debatte eine zweitrangige Rolle. Mehrere Städte und Gemeinden reagierten schnell auf die Rückbau-Ankündigung. In Stettin zeigt man seit Jahren auf ein riesiges "Monument der Dankbarkeit für die Rote Armee" mit dem Finger. Jetzt sind die Beamten im Rathaus erleichtert. "Wir haben auf diese Entscheidung gewartet", sagen sie, schon mitten in den Vorbereitungen für den Abriss.

Etwa 500 Kilometer weiter östlich, an der Grenze zur russischen Enklave Kaliningrad, sieht die Stadtregierung sich durch die neue Erinnerungspolitik der polnischen Regierung bestätigt. Krzysztof Kiejdo, der Bürgermeister von Pieniężno, hat schon im Herbst 2015 eine heftige Debatte ausgelöst. Nach jahrelangem Ringen mit den Behörden hatte er das Denkmal des Armeegenerals und Helden der Sowjetunion Iwan Tschernjachowski entfernen lassen. Tschernjachowski war 1945 in Pieniężno gefallen. Für Kiejdo ging es um mehr als ein Überbleibsel des Krieges. Mitglieder seiner Familie waren Soldaten des antikommunistischen Untergrundes.

Polen: Der Kultur - und Wissenschaftspalast in Warschau (Foto: picture alliance/dpa)

Unter Denkmalschutz: Kultur - und Wissenschaftspalast in Warschau

Deshalb empfindet er die neuen Richtlinien aus Warschau als "eine gute Initiative" und bedauert nur, dass sie so spät komme und man die polnische Geschichte so viele Jahre verlogen erzählt habe. "Wir haben doch unsere eigenen Helden", betont Kiejdo, der schon einen davon auf den Sockel brachte: den polnischen Papst Johannes Paul II.

So wie Kiejdo argumentieren viele emotional und persönlich. Ende Januar sprach eine Fernsehmoderatorin mit dem russischen Kulturminister Wladimir Medinski und sagte, General Tschernjachowski habe ihren Großvater ermordert. Dass sie das nur im übertragenen Sinne gemeint habe, erklärte sie erst später.

Orte des Gedenkens

Doch für die Russen bleibt das ostpolnische Pieniężno weiterhin ein symbolischer Ort - mit oder ohne die Helden auf den Sockeln. "Es bleibt eine Gedenkstätte für uns und wir werden sie auch künftig besuchen", sagte der russische Botschafter in Polen, Sergej Andreev, der DW. Andreev legte auch in diesem Winter einen Kranz zum Gedenken an den Tod des russischen Generals nieder.

Die Debatte um die Denkmäler eskaliert zur Zeit. Der russische Außenminister Sergej Lawrow warf vor wenigen Tagen den Polen vor, mehrere Erinnerungsorte geschändet zu haben. Er kündigte Schritte an, "um dieser inakzeptablen Politik vorzubeugen". Seine Sprecherin verglich die Methoden der Polen, Statuen zu zerstören, mit denen des sogenannten "Islamischen Staates". Eine russische Expertengruppe bat die UNESCO, den Abbau der Denkmäler in Polen zu blockieren.

Neue Helden

Warschau zeigt sich davon unbeeindruckt. Es handelte sich keinesfalls um Friedhöfe und Grabstätten, wiegelt die Regierung ab. Aber statt der Sowjets sollten lieber polnische Helden auf die Sockel kommen. Der Historiker Ukielski schlägt dafür die sogenannten "verstoßenen Soldaten" vor. Die polnischen Partisanen hatten noch Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gegen die Kommunisten in Polen gekämpft. Sie seien nie angemessen geehrt worden. So oder so: Warschau weiß, dass es mit unbequemen Fragen aus dem Ausland rechnen muss.