Polen: Holocaust-Forscher vor Gericht | Europa | DW | 10.02.2021
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Zeitgeschichte

Polen: Holocaust-Forscher vor Gericht

Ein polnisches Gericht verurteilt zwei Historiker: Sie müssen sich für umstrittene Aussagen zur Rolle polnischer Bürger im Zusammenhang mit dem Holocaust entschuldigen.

Die Frau mit der Brille links ist die prominente polnische Holocaust-Forscherin Barbara Engelking, der Mann mit dem Brat und der Brille rechts ist ihr Kollege Jan Grabowski

Müssen sich entschuldigen: Die prominenten polnischen Holocaust-Forscher Barbara Engelking (l.) und Jan Grabowski

Die prominenten polnischen Holocaust-Forscher Barbara Engelking und Jan Grabowski müssen sich öffentlich entschuldigen. Das beschloss das Bezirksgericht Warschau. Nach Auffassung der Richter haben die beiden Wissenschaftler eine Passage in dem 2018 von ihnen herausgegebenen Buch "Und immer noch ist Nacht. Die Schicksale der Juden in ausgewählten Landkreisen des besetzten Polens" nicht ausreichend belegt.

Geklagt hatte die Nichte eines Schulzen im ostpolnischen Dorf Malinowo. Die 81-jährige Filomena Leszczynska findet den Abschnitt über ihren Onkel Edward Malinowski in Engelkings und Grabowskis Buch "verleumderisch". Malinowski werde dort als "mitschuldig am Tod von Juden" dargestellt.

Der braun-graue Bau auf dem Bild ist der Sitz des Bezirksgerichts in der polnischen Hauptstadt Warschau

Der Ort der Verhandlung: Das Gebäude des Bezirksgerichts in der polnischen Hauptstadt Warschau

Unterstützt wurde Leszczynska von der rechtsnationalen Stiftung "Reduta. Festung des guten Namens", die mit Klagen gegen deutsche Redaktionen bekannt wurde, die Auschwitz und andere deutsche Konzentrationslager im besetzten Polen (1939-45) fälschlicherweise als "polnische Lager" bezeichnen.

Die Forderung nach einer Wiedergutmachung in Höhe von 100.000 Złoty (ca. 22.500 Euro) an die Klägerin wies das Gericht dagegen ab. "Das ist schon mal eine gute Nachricht", kommentierte Engelking diesen Teil des Urteils. "Um die Geldstrafe zu bezahlen, hätte ich wahrscheinlich meine Wohnung verkaufen müssen", so die Professorin am Institut für Philosophie und Soziologie der Polnischen Akademie der Wissenschaften (IFiS PAN).

Juden-Retter oder Juden-Verräter?

In dem 1600-Seiten-Werk beschreibt Engelking unter anderem das Schicksal von Estera Siemiatycka, einer jungen Jüdin, die nach der Auflösung es Gettos in Drohiczyn in Ostpolen verzweifelt ein Versteck suchte. Im Dorf Malinowo fand sie Hilfe beim Schulzen Edward Malinowski, der sie zur Zwangsarbeit nach Deutschland vermittelte und ihr damit das Leben rettete.

Die vier Ziegeltürme vorn im Bild sind die Reste der Krematorien im ehemaligen deutschen KZ Auschwitz im besetzten Polen, dahinter sieht man den Hauptbau des Lagers

Blick auf die Schornsteine der zerstörten Krematorien im ehemaligen deutschen KZ Auschwitz im besetzten Polen

In der Passage über Malinowski schreibt Engelking allerdings auch, der Dorfschulze habe Estera Siemiatycka ausgeraubt und sei zudem am Tod von Juden mitschuldig, die sich in der Nähe des Dorfes versteckt hatten. Dabei stützte sich die Historikerin auf Aussagen von Holocaust-Überlebenden, die 1996 von der Shoah Foundation aufgezeichnet wurden.

Druck auf Zeugen?

Ein polnisches Gericht hatte Malinowski nach Kriegsende vom Vorwurf der Kollaboration entlastet. Holocaust-Forscherin Barbara Engelking behauptet in "Und immer noch ist Nacht", den Dorfschulzen belastende Zeugen seien damals von einer bewaffneten Bande eingeschüchtert und zur Rücknahme einer entsprechenden Anzeige gezwungen worden.

Eben diese Passage rief die Nichte des verstorbenen Malinowski auf den Plan. Sie verklagte die beiden Herausgeber des Buches wegen Verleumdung ihres Onkels und wegen "Beschädigung der nationalen Identität und des nationalen Stolzes". Ihr Onkel sei Juden-Retter gewesen und habe den Verfolgten geholfen, ohne dafür Geld zu nehmen, so Leszczynska.

Ziel: Abschreckung?

"Dieser Prozess verfolgt das Ziel, die Kompetenz der Forscher infrage zu stellen, sie finanziell zu bestrafen und so andere Forscher davon abzuschrecken, sich mit diesem unbequemen Thema zu beschäftigen", warnte Engelking vor der Urteilsverkündung. Die Idee der "Identität und des nationalen Stolzes" führt ihrer Meinung nach dazu, dass jeder polnische Bürger jeden verklagen könnte, der sich kritisch über die polnische Nation oder den polnischen Staat äußert.

Das Gericht entschied nun nach einem Jahr Verhandlung, dass das Recht der Klägerin auf das Gedenken an einen verstorbenen Verwandten durch "Angabe ungenauer Informationen" verletzt worden sei. Die Forscher hätten sich bei der Beschreibung von Malinowskis Rolle im deutsch besetzten Polen auf "Gerüchte" gestützt und "mangelnde Sorgfalt" gezeigt.

Ein gutes Zeichen?

Richterin Ewa Jonczyk betonte aber auch, das Urteil könne keine abschreckende Wirkung auf wissenschaftliche Forschungen haben. Auch der Anwalt der beiden Historiker, Michał Jabłoński, zeigte sich nach dem Verfahren optimistisch. Das Gericht hätte "Identität und nationalen Stolz" nicht als Grundrechte anerkannt. Das sei ein gutes Zeichen für die Freiheit von Wissenschaft und Forschung.

Die grauen Steine sind die Grundmauern der Scheune in der ostpolnischen Ortschaft Jedwabne, in der am 10. Juli 1941 mindestens 340 Juden in einer Scheune verbrannt wurden

Die Gedenkstätte Jedwabne in Polen. Hier wurden am 10. Juli 1941 mindestens 340 Juden in einer Scheune verbrannt

Forscher, die auch den polnischen Antisemitismus und die Rolle der Polen als Helfer beim Holocaust thematisieren, stehen seit langem im Kreuzfeuer der Kritik seitens der polnischen Rechten und mit dieser sympathisierender Medien. Engelking, Grabowski und viele ihrer Kolleginnen und Kollegen werden regelmäßig als "Geschichtsfälscher" und "Volksverräter", beschimpft, die in deutschen Diensten stehen.

Polen waren nicht nur Opfer

Tatsächlich waren die Polen im Zweiten Weltkrieg nicht nur Opfer. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 kam es im Osten des Landes zu Pogromen gegen Juden, die deren polnische Nachbarn verübten - oft angestachelt von deutschen Einheiten. Weltweit bekannt ist der Ort Jedwabne, wo mehrere hundert Juden in einer Scheune verbrannt wurden. Diese Fälle passen nicht in die Geschichtspolitik der derzeitigen national-konservativen Regierung Polens, die die eigene Nation ausschließlich als Volk von Helden und Opfern sehen will.

Nach der Urteilsverkündung bedankte sich Engelking für die Gesten der Solidarität, die sie unter anderem aus Deutschland und Israel erhalten habe. Die Holocaust-Forscherin versicherte, in Polen gebe es genug mutige junge Wissenschaftler, die trotz Einschüchterungsversuchen unbequeme Themen aufgreifen - und kündigte an, in Berufung zu gehen. "Wir lassen uns nicht unterkriegen, die Auseinandersetzung geht weiter", so Barbara Engelking.

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