Polen: Cannabis für alle? | Europa | DW | 24.11.2022
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Drogenpolitik

Polen: Cannabis für alle?

Polen hat eines der restriktivsten Gesetze für Drogenbesitz in Europa. Doch seitdem man "medizinisches Cannabis" legal bekommt, stehen immer mehr gesunde Menschen dafür Schlange.

Jugendliche Demonstrantin lutscht an einem grünen Cannabis-Lutscher

In Polen ist der Besitz von Cannabis streng verboten - außer zu medizinischen Zwecken

Wenn man Piotr fragt, wie er sein Cannabis kauft, fragt er zunächst schmunzelnd, ob man die offizielle oder die inoffizielle Version hören will. Die inoffizielle - also die wahre - Version gibt es nur unter einem falschen Namen. Piotr heißt also nicht wirklich so. Er ist vorsichtig, denn: "Ich habe so lange darauf gewartet, legal zu kiffen, dass ich das jetzt nicht aufs Spiel setzen will."

Seit dem Jahr 2000 gilt in Polen nämlich eines der restriktivsten Betäubungsmittelgesetze in Europa. Wer im Besitz von Marihuana ist - der getrockneten Blüte der Hanfpflanze - kann von der Polizei festgenommen, angeklagt und verurteilt werden. Dass Piotr jetzt auf legale Weise an seinen Stoff kommt, ist für ihn daher sehr befreiend.

Die Blüte einer Cannabis-Pflanze

Die Blüte einer Cannabis-Pflanze

Ein Freund hatte ihm eine der vielen Kliniken, die sich auf die Verwendung von Cannabis als Medizin spezialisieren, empfohlen. In einem ersten Onlineformular beschrieb Piotr angebliche gesundheitliche Probleme: Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Migräne, Schlafstörungen, stressige Arbeit. Ist er wirklich krank? "Manchmal habe ich Kopfschmerzen, aber ich glaube nicht, dass das eine chronische Migräne ist", lacht er.

Danach sprach Piotr per Videokonferenz mit einem Arzt. In dem Gespräch stellte der Mediziner ihm ein Rezept für Cannabis aus und erklärte, wie die Droge einzunehmen sei: mit einem Verdampfer und der richtigen Erhitzungstemperatur, damit keine krebserregenden Wirkstoffe freigesetzt werden, sondern nur solche, die zur Verbesserung der Gesundheit notwendig sind.

Piotr hörte sich die Ratschläge des Arztes geduldig an. Nachdem er jedoch das Döschen mit zehn Gramm verschreibungspflichtigem Cannabis in der Apotheke gekauft hatte, setzte er sich gemütlich hin und rauchte wie früher - einfach zur Entspannung. Das Cannabis aus der Apotheke "ist besser als das, was ich vorher gekauft habe", erklärt er anerkennend.

Liberale Gesetzgebung ist ein Zufall

Seit 2017 ist die legale Verteilung und Verwendung von Cannabis für medizinische Zwecke in Polen erlaubt. Im Jahr 2021 stellten die Ärzte bereits jeden Monat ca. 3000 Marihuana-Verschreibungen aus. Zahlen, die DW vom polnischen Gesundheitsministerium bekommen hat, zeigen, dass dies im Jahr 2022 bereits durchschnittlich fast 7000 Verschreibungen pro Monat waren. Allein im Oktober wurden 12.568 Rezepte für Cannabis ausgestellt. Wie viele Menschen brauchen das Cannabis tatsächlich aus medizinischen Gründen und wie viele geben vor, krank zu sein, um ein Rezept zu erhalten?

"Das ist schwer zu sagen", sagt Andrzej Dolecki, Vorsitzender des Vereins "Freies Cannabis", einer der ältesten Organisationen, die sich für die Entkriminalisierung und Legalisierung von Marihuana in Polen einsetzen. "Die Vorschriften für medizinisches Cannabis sind sehr liberal, aber nicht, weil die Politiker sie sich so ausgedacht haben, sondern wegen ihres Dilettantismus", sagt Dolecki.

Demonstranten fordern in Polen die Liberalisierung von Cannabis

Demonstranten fordern in Polen die Liberalisierung von Cannabis

In Deutschland oder in Tschechien gibt es eine Reihe von Voraussetzungen, die erfüllt werden müssen, um ein Rezept für Cannabis zu erhalten. In Polen gibt es weder einen Katalog von Krankheiten, noch Altersbeschränkung, Grammgrenzen oder eine Fahrbeschränkung. "Infolgedessen kann man einem Kind mit Zahnschmerzen theoretisch ganz legal eine halbe Tonne Cannabis verschreiben", so Dolecki. Eine Internetrecherche zeigt jedoch: Ärzte berücksichtigen durchaus eine Anzahl von Faktoren wie etwa psychische Vorerkrankungen oder Alter, bevor sie Patienten Cannabis verschreiben.

Konsum weit verbreitet

In einer vom Nationalen Büro für Drogenprävention im Jahr 2020 in Auftrag gegebenen Umfrage gaben 7,8 Prozent der befragten Polen bis 34 Jahre zu, in den zurückliegenden zwölf Monaten Cannabis konsumiert zu haben. Diese Zahl könnte sogar noch höher sein, da aufgrund der Illegalität des Hanfbesitzes nicht jeder zugeben möchte, es zu konsumieren.

Aus den 2018 veröffentlichten Daten der polnischen Polizei geht hervor, dass 89 Prozent der Gerichtsverfahren den Drogenbesitz geringer Mengen betreffen. Eine weitere Analyse der Daten durch Professor Krzysztof Krajewski von der Jagiellonen-Universität in Krakau zeigt, dass 79 Prozent aller Festgenommenen weniger als drei Gramm Cannabis besaßen. Seit dem Jahr 2000 und der Einführung der strengen Gesetzgebung gab es nach Angaben von Dolecki von der NGO "Freies Cannabis" rund eine Million Verurteilungen wegen Drogenbesitzes.

Die Polizei konzentriert sich also offensichtlich nicht darauf, Dealer festzusetzen und Banden zu zerschlagen, sondern Personen zu ergreifen, die Cannabis für den persönlichen Gebrauch illegal kaufen. Werden sie verurteilt, drohen ihnen Probleme bei der Arbeitssuche wegen eines Eintrags im Polizeiregister oder bei der Einreise in bestimmte Länder.

Cannabis ist im Trend

Seit vielen Jahren ändert sich das kriminelle Image von Cannabis in Polen. Produkte aus Nutzhanf - Öle, Cremes, Tees - werden immer beliebter. Się weisen nur einen minimalen Gehalt an psychoaktivem THC auf und sind reich an legalem Cannabidiol (CBD). In hübsch gestalteten Schachteln werden sie oft in Apotheken ausgestellt, und Öko-Messen sind ohne Hanfprodukte kaum mehr vorstellbar. 

Pferd vor einem Pflug im Freiluftmuseum Lublin, wo im Jahr 2021 im Rahmen einer Ausstellung zur Kulturgeschichte des Hanfs zum ersten Mal Hanf angebaut wurde

Im Freiluftmuseum von Lublin wurde im Jahr 2021 zum ersten Mal Hanf angebaut

Aber auch der Besitz von Cannabis für den persönlichen Gebrauch wird von der Mehrheit der Bevölkerung in Polen befürwortet. In zwei großen landesweiten Umfragen im Jahr 2020 sprachen sich rund 60 Prozent der Befragten für eine Entkriminalisierung aus.

Deutschland als Vorbild 

Im polnischen Parlament, dem Sejm, gibt es eine Arbeitsgruppe für die Legalisierung von Cannabis. Sie hat einen Gesetzesentwurf erarbeitet, der ähnliche Änderungen vorsieht, wie sie derzeit in Deutschland vorgeschlagen werden. Vorläufig besteht jedoch keine Aussicht auf ihre Einführung, denn der Arbeitsgruppe gehört kein einziger Vertreter der Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) an.

Diese Situation könnte sich erst nach den Parlamentswahlen im Jahr 2024 ändern. Für Legalisierungs-Befürworter Andrzej Dolecki vom Verein "Freies Cannabis" ist am wichtigsten, dass die Verantwortlichen in Polen verstehen, dass Cannabis-Abhängigkeit und übermäßiger Konsum "sozial-gesundheitliche" und keine "kriminellen Probleme" seien. Zur Lösung verweist er auf das Beispiel der Niederlande: Dort werden die Steuereinnahmen aus dem Cannabisverkauf in Prävention und Bildung reinvestiert.