Pogromnacht: Eindringliche Warnungen vor dauerhaftem Antisemitismus | Deutschland | DW | 09.11.2020
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9. November 1938

Pogromnacht: Eindringliche Warnungen vor dauerhaftem Antisemitismus

"Es beschämt mich..." - Die Erinnerung an das furchtbare Wüten vor 82 Jahren müssen Bundespräsident Steinmeier und andere Politiker einmal mehr mit ernsten Mahnungen angesichts einer erschreckenden Gegenwart verbinden.

Damals konnten manche Menschen selbst vor zerstörten jüdischen Geschäften - wie hier in Berlin - noch lachen (Foto: United Archives International/imago images)

Damals konnten manche Menschen selbst vor zerstörten jüdischen Geschäften - wie hier in Berlin - noch lachen

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat zum Jahrestag der Pogromnacht zu konsequentem Handeln gegen Antisemitismus in Deutschland aufgerufen. Es beschäme ihn, dass sich Juden mit einer Kippa auf den Straßen hierzulande nicht sicher fühlten, und dass jüdische Gebetshäuser geschützt werden müssten, sagte Steinmeier.

"Es beschämt mich, dass ein tödlicher Angriff auf die Synagoge in Halle vor einem Jahr an Jom Kippur nur durch eine schwere Holztür verhindert wurde." Er sei zugleich aber dankbar, "dass die Behörden in Deutschland ihrer Verantwortung gerecht werden, indem sie den Polizeischutz für Synagogen aufstocken und antisemitische Straftaten mit der ganzen Härte des Gesetzes verfolgen". 

Gemeinsame Video-Botschaft mit Israel und Österreich 

In einer gemeinsamen Videobotschaft Steinmeiers mit seinen israelischen und österreichischen Amtskollegen Reuven Rivlin und Alexander Van der Bellen rufen die Staatsoberhäupter generell zum Kampf gegen Antisemitismus auf. 82 Jahre nach den Novemberpogromen seien "die dunklen Schatten der Vergangenheit nicht von unseren Straßen verschwunden", heißt es dort. "Wir stehen zusammen, in Wien, in Jerusalem, in Berlin."

Die Botschaft ist Teil einer weltweiten Aktion im Gedenken an die Novemberpogrome von 1938 unter dem Titel "Let there be light", bei der Gotteshäuser und andere Einrichtungen in der Nacht beleuchtet werden sollten. 

Bis zu 1300 Menschen ermordet oder in Suizid getrieben

Bei den Novemberpogromen in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 steckten Nationalsozialisten in ganz Deutschland Synagogen, jüdische Geschäfte und Wohnungen in Brand und misshandelten, verschleppten und ermordeten jüdische Bürger. Nach unterschiedlichen Schätzungen wurden in der Zeit vom 7. bis 13. November 1938 im damaligen Reichsgebiet zwischen 400 und 1.300 Menschen ermordet oder in den Suizid getrieben.

Die Novemberpogrome "waren ein widerwärtiger Gewaltausbruch, der auf lange Jahre der Diskriminierung, Einschüchterung und Anfeindung folgte. Sie waren ein Vorbote der unfassbaren Verbrechen der Shoah, die meine Landsleute einige Jahre später verüben sollten", so Steinmeier. "Und sie sind eine eindringliche Warnung an uns heute."

"Kein Phänomen allein der rechtsextremistischen Ränder"

Außenminister Heiko Maas mahnte ebenfalls, niemand dürfe mit den Achseln zucken, wenn es auch heute fast täglich antisemitische Hetze und Gewalt im Netz oder auf den Straßen gebe. "Erinnern bedeutet, aus dem Gestern die richtigen Schlüsse für heute und morgen zu ziehen", sagte er laut vorab verbreitetem Redetext anlässlich einer digitalen Ausstellungseröffnung der Vereinten Nationen und des Zentrums für verfolgte Künste in Solingen. Viele der Verschwörungsmythen rund um die Corona-Krise machten deutlich: "Antisemitismus ist auch heute kein Phänomen allein der rechtsextremistischen Ränder. Er erreicht die Mitte unserer Gesellschaft." Unter der Überschrift "7Places - Sieben Orte in Deutschland" befasst sich die Schau mit sieben jüdischen Gemeinden. Im Mittelpunkt stehen ihre Geschichte und ihr Umgang mit dem Gedenken an Ausgrenzung.

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht und Außenminister Heiko Maas (Foto: Christian Thiel/imago images)

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht und Außenminister Heiko Maas

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht kündigte ein intensiveres Vorgehen gegen judenfeindliche Äußerungen im Internet an. "Wir werden Online-Plattformen stärker in die Pflicht nehmen, sich nicht als Schleudern von Hetze und Verschwörungsmythen missbrauchen zu lassen", sagte sie der "Rheinischen Post". Der Hass gegen Juden sei "eine Schande für unser Land".

"Bis heute nicht damit fertig geworden"

Die antisemitische Gewalt des 9. November 1938 wirkt nach Einschätzung des Internationalen Auschwitz Komitees auch nach mehr als 80 Jahren nach. "Bis zum heutigen Tag ist für jüdische Überlebende dieser Schreckensnacht die Erinnerung an die Gleichgültigkeit der allermeisten ihrer Nachbarn das Entsetzlichste, womit sie bis heute nicht fertig geworden sind", erklärte der Vizepräsident des Komitees, Christoph Heubner, in Berlin.

Der Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, Christoph Heubner

Der Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, Christoph Heubner

"Gerade deshalb engagieren sie sich gegen den aufflammenden antisemitischen Hass und die mörderische Gewalt, die aus ihm in Deutschland, in Österreich, in Frankreich und in anderen Ländern hervorbricht", sagte Heubner. Dass dieser Hass sich aus rechtsextremen und islamistischen Quellen "speist und gegenseitig stimuliert, ist für Überlebende des Holocaust ebenso verstörend wie die antisemitischen Verschwörungslügen, die gerade in diesen Tagen bei Demonstrationen auf offene Ohren stoßen".

sti/se (dpa, epd, kna)