Pjotr Wersilow vergiftet - Rache für den WM-″Flitzer″? | Deutschland | DW | 18.09.2018
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Deutschland

Pjotr Wersilow vergiftet - Rache für den WM-"Flitzer"?

Es spreche viel für eine Vergiftung, sagen Ärzte und die Familie von Pjotr Wersilow in Berlin. Doch so einfach nachweisen lässt sich das nicht. Immerhin aber ist nun der Tathergang bekannt.

Es sollte eigentlich ein glücklicher Tag werden. Pjotr Wersilow hatte stundenlang im Gerichtsgebäude gewartet. Drinnen fand die Verhandlung über seine Freundin Veronika Nikulschina statt. Mal wieder war sie - ohne genauen Grund - für einige Tage inhaftiert worden. Um die Wartezeit zu überbrücken, war er ins Café gegangen, Freunde leisteten ihm Gesellschaft.

Um 16 Uhr kam Veronika frei, beide stiegen in ein Taxi. Der 30-jährige Wersilow fühlte sich sehr müde. Zuhause legte er sich hin. Zwei Stunden später wachte er auf. Es ging ihm schlecht. Er schickte Veronika eine Nachricht. Sie fuhr zu ihm. Er könne nicht richtig gucken, sagt Pjotr Wersilow zu ihr. Dass das schon erste Vergiftungserscheinungen waren, vermuteten sie nicht. Im Gegenteil: Sie fanden das irgendwie lustig und lachten miteinander. Doch dann begannen Sprachschwierigkeiten und Orientierungsprobleme. Veronika rief den Arzt. Als er ankam, halluzinierte ihr Freund bereits. Ein schlechter Trip? Reden ging auch nicht mehr richtig.

Der Arzt schickte Wersilow ins Krankenhaus. Dort machten die Ärzte ein Drogen-Screening - negativ. Sein Magen wurde ausgepumpt, eine Dialyse durchgeführt. Das sind Standardprozeduren, wenn sich jemand, wodurch auch immer, vergiftet hat. Die Mediziner kamen nicht weiter und schickten ihren prominenten Patienten in eine besser ausgestattete Klinik. Dort blieb er nicht lange.

Flug nach Berlin zu Spezialisten der Charité

Seit dem Wochenende wird er in der Charité, dem international renommierten Berliner Krankenhaus, behandelt. Seine Mutter Elena kennt einen Arzt dort und ließ ihn ausfliegen - mit Hilfe aus Deutschland. "Cinema für Peace", eine private soziale Initiative, unterstützte sie.

Er sei vergiftet worden, sagt Wersilows Freundin nun in Berlin. Mutter und Freundin gaben am Dienstagmittag - zusammen mit Wersilows Noch-Ehefrau Nadeschda Tolokonnikowa - der Presse im Berliner Luxushotel "Regent" Auskunft darüber, was ihrer Meinung nach geschehen ist.

Nadeschda ist Mitbegründerin von "Pussy Riot", der berühmten russischen regierungskritischen Musikband und Aktionsgruppe. Sie ist noch mit Wersilow verheiratet - aber nicht mehr mit ihm zusammen.

Behandlung von Pussy-Riot-Mann (picture-alliance/K. Nietfeld)

Diese drei Frauen stehen Pjotr Wersilow zur Seite: Seine Ex-Freundin Nadeschda Tolokonnikowa, seine Freundin Veronika Nikulschina und seine Mutter Elena Wersilowa (von links nach rechts)

Ärzte halten Vergiftung für wahrscheinlich

Am Dienstagmorgen hatte der behandelnde Arzt in einer Pressekonferenz eine medizinische Bewertung des Falles gegeben. Akute Lebensgefahr bestünde nicht mehr, beschriebKai-Uwe Eckhardt den Zustand von Pjotr Wersilow. Er sei wieder mobil, aber noch verwirrt. Wahrscheinlich könne er wieder ganz gesund werden.

Noch am Wochenende seien das Kanzleramt und das Auswärtige Amt über den Fall informiert worden, hieß es weiter. Da der Patient auch kanadischer Staatsbürger sei, wisse auch die kanadische Botschaft in Berlin von dem Fall.

Pussy Riot behandelnder Arzt der Charité in Berlin: Kai-Uwe Eckhardt (DW/ K.A. Scholz)

Kai-Uwe Eckhardt behandelt Pjotr Wersilow der Berliner Charité

Eckhardt und der Vorstandsvorsitzende der Charité Karl Max Einhäupl mussten viele Fragen von Journalisten beantworten, auch von russischen und US-Medien. Alle wollten wissen: Wurde er vergiftet - und wenn ja, womit? Eine Vergiftung sei sehr "plausibel", hieß es von beiden, wahrscheinlich mit einem "Anticholinergikum". Weil der Patient sich so schnell mies fühlte, spreche vieles für eine exogene Ursache, also etwas von außen.

Wodurch die Vergiftung genau entstand, sagten die Ärzte allerdings nicht. Schließlich könnten sie nur auf eine Gruppe von Stoffen schließen - nicht auf einen bestimmten Stoff, weil der im Körper nun nicht mehr nachweisbar sei.

Die Tollkirsche gehöre zu dieser Gruppe von Stoffen, sagten sie, bekannt auch unter dem Namen "Bella donna". Das tröpfelten sich Frauen früher vor Foto- oder Filmaufnahmen in die Augen, damit sich die Pupillen weiten und sie "schöner" aussehen. Noch heute verwenden Augenärzte die pflanzliche Substanz, um die Augen besser untersuchen zu können.

Bei Wersilow war die Konzentration des Giftes so groß, dass ein Teil seines Nervensystems außer Gefecht gesetzt wurde. Und zwar der Teil, der die inneren Organe mitreguliert und für Entspannung sorgt.

Deutschland Pussy Riot Pjotr Wersilow (picture-alliance/AP Photo/Cinema for Peace Foundation)

Noch im kritischen Zustand: Pjotr Wersilow am 15. September kurz nach seiner Ankunft in Berlin

Bekannter Putin-Kritiker

Wersilow ist berühmt. Er war zuletzt auch einer der drei "Flitzer" beim Fußball-WM-Finale in Moskau. In Polizei-Uniform waren sie auf das Spielfeld gestürmt, um gegen Polizei-Willkür zu protestieren. Dafür mussten sie 15 Tage ins Gefängnis.

Pjotr Wersilow betreibt auch den regierungskritischen Onlinedienstes Mediazona. Er wäre nicht der erste russische Regierungsgegner, der beiseite geschafft werden soll. Doch nach Russland werde er wohl zurückkehren, sagte seine Freundin Veronika, trotz des "Mord- oder Einschüchterungsversuches", wie sie sagte. Es sei schließlich "eine Frage der Ehre, in Russland zu bleiben." Obwohl er dort nicht sicher sei. 

Pussy Riot: Die Mutter von Wersilow: Elena Wersilow (DW/ K.A. Scholz)

Elena Wersilowa hofft, dass ihr Sohn wieder vollständig gesund wird

Auch Pjotr Wersilows Mutter sagt, sie könne ihn wohl nicht davon abhalten, weiter zu machen. Aber erst einmal blieben sie nun in Berlin, bis ihr Sohn hoffentlich wieder genesen sei. Noch sei sein Zustand so, dass er erst nach zehn Minuten erkenne, dass sie an seinem Krankenbett steht. 

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