Spießerschreck und Lieblingsheldin: Pippi Langstrumpf wird 75 | Bücher | DW | 26.11.2020
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Kinderbuch-Klassiker

Spießerschreck und Lieblingsheldin: Pippi Langstrumpf wird 75

"Pippi Langstrumpf" erschien 1945 als Kinderbuch. Lesevergnügen für Große und Kleine bis heute. Warum bewundern alle das stärkste, mutigste Mädchen der Welt?

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Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf feiert 75. Geburtstag

"Gestatten: Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf!" Wenn Pippi ihren vollen Namen aufsagt, kann das dauern. Das ist nicht nur im Deutschen so, sondern in jeder der 70 Sprachen, in die Pippis Abenteuer bis heute übersetzt wurden. In Deutschland allerdings, sagt ihr Hamburger Verlag Oetinger, ist Pippi bis heute besonders beliebt. Rund 8,6 Millionen Pippi-Bücher gingen hier seit 1949 über den Ladentisch - von rund 70 Millionen weltweit.

Es war im Schweden des Jahres 1941, als Astrid Lindgren am Krankenbett ihrer kleinen Tochter Karin saß und diese ihr vorschlug, die Mutter möge doch von dieser …"Pippi Langstrumpf" erzählen. Der Name war dem Mädchen spontan eingefallen. Also begann Astrid Lindgren zu erzählen.

Sie erzählte aus dem Stegreif eine Geschichte - von einem kleinen Mädchen mit frech abstehenden roten Zöpfen, dessen Mutter ein Engel und dessen Vater ein Südseekönig ist. Und das mutterseelenallein mit einem Pferd und dem Affen Herrn Nilsson in der Villa Kunterbunt lebt.

Drei Jahre später schrieb Astrid Lindgren Pippis Geschichten auf und schickte sie an einen Verlag, angeblich mit den Worten: "In der Hoffnung, dass Sie nicht das Jugendamt alarmieren." Die Absage kam prompt. Trotzdem schrieb sie weiter, was ihr zu dieser kleine wilden Pippi Langstrumpf einfiel.

Vom Streitobjekt zur Kultfigur

Als der Verlag  1945 einen Kinderbuch-Wettbewerb ausschrieb, schickte Astrid Lindgren das leicht abgeänderte Manuskript ein. Und sie gewann den ersten Preis. Kurz vor Weihnachten, am 26. November 1945, erschien "Pippi Langstrumpf" auf dem schwedischen Buchmarkt - und sollte weltweit zum Kinderbuchklassiker werden.

Schwedin Astrid Lindgren mit Pippi Langstrumpf Buch Pippi in Taka-Tuka-Land

Astrid Lindgren 1995 mit ihrem Bestseller "Pippi in Taka-Tuka-Land". Insgesamt schrieb sie drei Pippi-Kinderbüchern

Doch bevor es dazu kam, geriet die Kinderbuch-Heldin Pippi zum Streitobjekt, zumindest unter Erwachsenen. Kritiker führten ins Feld, dass diese Neunjährige mit der Stärke einer Riesin, die allein in der Villa Kunterbunt wohnt und tun und lassen darf, was sie will, ein schlechtes Vorbild für Kinder sei.

Außerdem sei ihre Sprache schlampig und vulgär und das Buch für Kinder demoralisierend. "Kein normales Kind isst eine ganze Sahnetorte auf oder geht barfuß auf Zucker", schrieb der geachtete Professor John Landquist in der schwedischen Zeitung "Aftonbladet". Und: "Beides erinnert an die Phantasie eines Irren." Er bescheinigte der Autorin Astrid Lindgren, sie sei ohne Talent, unkultiviert und Pippi anormal und krankhaft.

Nie Langeweile mit Pippi

Doch die Beliebtheit dieser frechen Pippi, besonders bei Kindern, gab der Schöpferin recht. Ihre Kinderbuch-Geschichten aus Bullerbü, von Alltagshelden wie Kalle Blomquist, Karlsson vom Dach und Michel aus Lönneberga, machten die Schwedin Astrid Anna Emilia Lindgren zu der bis heute bekanntesten Kinder- und Jugendbuchautorin der Welt.

Ihre Werke erschienen in 106 Sprachen mit einer Gesamtauflage von 165 Millionen Büchern. Bevor Astrid Lindgren 2002 im Alter von 95 Jahren starb, entstanden allein in Schweden mehr als 40 Filme mit sieben verschiedenen Pippi-Darstellerinnen. Als literarische Figur wird Pippi Langstrumpf 2020 immerhin schon 75 Jahre alt.

Illustration eines gelben Holzhauses mit blauen Fenstern, Pippi springt gerade vom Dach auf einen Baum, auf dem Dach folgen unsicher zwei Polizisten.

Villa Kunterbunt, ein großer Abenteuerspielplatz

Doch was finden ihre großen und kleinen Bewunderer an dem in jeder Hinsicht ungewöhnlichen Mädchen? Seit Pippi Langstrumpf mit den knallbunten Ringelstrümpfen in die Villa Kunterbunt eingezogen ist, haben auch die braven Nachbarskinder Annika und Thomas keine Langeweile mehr.

Denn mit Pippi kann man ganz wunderbar verrückte Ideen spielen, zum Beispiel "Sachen-Sucher". Was das ist, erklärt Pippi ihren Freunden so: "Jemand, der Sachen findet, wisst ihr? Was soll es anderes sein? Die ganze Welt ist voll von Sachen, und es ist wirklich nötig, dass jemand sie findet. Und das gerade, das tun die Sachensucher." In die Schule geht Pippi nicht, denn - mal ehrlich - "wer braucht schon Plutimikation?"

Emanzipiertes Rollenbild

"Pippi Langstrumpf ist eine wahre Kinderheldin", attestiert der Münsteraner Psychologie-Professor Alfred Gebert der literarischen Figur, "vor allem Mädchen können sich mit ihr identifizieren." Denn Pippi ist stark, aufmüpfig und auch hilfsbereit. Sie lebt ganz allein - ohne Eltern und Erziehungsberechtigte - in einer großen Villa, hat ein eigenes Pferd  und kann alles erreichen, was sie will.

Pippi Langstrumpf mit Strickpulli, Schal und kleinem Affen auf der Schulter

Lebt ohne Eltern, aber mit Affe! Pippi Langstrumpf mit Herr Nilsson in einer Verfilmung von 1968

Pippi kommt mit ihrem Kinderleben hervorragend klar - oder zumindest fast, denn ihre Freunde Annika und Thomas und ihr Äffchen spielen eine wichtige Rolle in ihrem Leben. "Wer Pippi Langstrumpf als Kinderheldin hatte, wird sich im Beruf wahrscheinlich gut gegen Männer durchsetzen können und alles für seine Freunde tun", vermutete Psychologe Gebert im Gespräch mit der Zeitung "BILD".

Ähnlich sieht das der Berliner Entwicklungspsychologe Herbert Scheithauer: "Bei Pippi Langstrumpf geht es um das Einhalten und Nichteinhalten von Regeln, um menschliche Stärken und Schwächen - und um Freundschaft." Besonders kleinere Kinder könnten sich deshalb gut mit Pippi identifizieren, zugleich aber auch von ihr distanzieren. Ein weiterer Reiz der Pippi-Geschichten liege in der Umkehrung des Kräfteverhältnisses zwischen Erwachsenen und Kindern", so Scheithauer im Deutschlandfunk. Deshalb sei diese Pippi Langstrumpf völlig "zeitlos".

Rezept fürs Leben

Und Pippi verkörpert alles, was Kinder sich für ihr eigenes Leben wünschen, meint die Kieler Kinderpsychologin Svenja Lüthge: Selbstbestimmung, Abenteuer, Superkräfte. "Kinder brauchen Helden wie Pippi Langstrumpf. Sie richten sich an ihnen auf." Besonders unsicheren Kindern könne die etwas chaotische Pippi Halt geben.

Pippi im Handstand

Freche Pippi stellt Erwachsenenwelt auf den Kopf

"Pippi hat ein Rezept fürs Leben", so Lüthge in einem Beitrag der Tageszeitung "Die Welt". "Sie ist den Erwachsenen ebenbürtig und traut sich sogar, frechen Schabernack mit Erziehern und Polizisten zu treiben." Gleichzeitig habe Pippi einen untrüglichen Gerechtigkeitssinn und ein großes Herz für Schwache. "Für Kinder ist sie damit das ideale Vorbild."

Stört es niemanden, dass Pippi eine völlig unrealistischste Astrid-Lindgren-Figur ist? "Im Gegenteil", sagt der Hannoveraner Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann, Autor des Buches "Erziehen im Informationszeitalter", in der Zeitung "Die Welt". "Kinder lieben die übernatürlichen Eigenschaften ihrer Helden. Das sieht man ja auch bei Harry Potter."

Astrid Lindgren stimuliere mit ihren phantasievollen Figuren die Vorstellung ihrer kleinen Leser von einem richtigen Verhalten und Erleben. Nach fantastischsten Spinnereien und wilden Abenteuern von Pippi führe sie die Kinder immer behutsam in die reale Welt zurück. "Wie gut es tut, wenn sich das Ich-Ideal und das Ich versöhnen, wusste schon Sigmund Freud - dann feiert die Seele ihr Fest."

Solch ein Fest sind die Pippi-Geschichten noch heute - für Kinder wie für Erwachsene. In Schweden jedenfalls wird Pippis 75. Jubiläum das ganze Jahr groß gefeiert.

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