Pflege auf der Corona-Station: ″Du kannst den Menschen nicht helfen″ | Deutschland | DW | 22.04.2020
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Corona-Krise

Pflege auf der Corona-Station: "Du kannst den Menschen nicht helfen"

Deutschlands größte Helden, so sagen viele, sind Ärzte und Pflegekräfte in den Krankenhäusern. Sie kommen in der Corona-Krise mitunter an die Grenzen des Erträglichen. Ein Krankenpfleger aus Brandenburg berichtet.

Sven Nelken (Name geändert) wird in diesem Jahr 30, er ist Krankenpfleger von Beruf und kommt aus einer Stadt in Brandenburg, wo er in einem Krankenhaus arbeitet. Er mag seinen Beruf. Auch jetzt noch, da alles anders ist als noch vor Wochen. Trotzdem möchte er seinen wirklichen Namen nicht nennen. Es sind extrem belastende Zeiten für viele Mitarbeiter im Gesundheitswesen.

Nichts sei mehr wie zuvor, berichtet Nelken: "Ich habe gefühlt seit Tagen und Wochen meinen Oberarzt nicht mehr gesehen." Dass alle mit einer Ausnahmesituation konfrontiert sind, weiß auch Nelken, er vermisst deshalb vor allem die kleinen, aufbauenden Gesten: "Wir wuppen da seit drei Wochen Überstunden und Zusatzschichten. Und es gab kein vernünftiges Präsent zu Ostern. Das ist gerade vom Arbeitgeber her sehr traurig. Sicher haben die gerade den Kopf sehr voll."

Pfleger und Schmerztherapeuten

Nelken ist auf einer neu eingerichteten Corona-Station im Einsatz. Als das Virus erst einmal da war im Krankenhaus, sei wild improvisiert worden, was die Mitarbeiter zusätzlich verunsichert habe, sagt er: "Wir sind gestartet vor zwei Wochen auf einer Station, die gar nicht als Corona-Station ausgelegt war. Die Schränke waren leer. Das Gemäuer ist uralt. Der Boden hatte Löcher, die Fenster ziehen und gehen teilweise gar nicht zu oder auf, weil alles so alt ist."

Aber sie geben ihr Bestes auf der Station, und sie wissen wie wenige andere, welch erschütternde Geschichten das Coronavirus schreibt: "Du kannst den Menschen einfach nicht helfen. Es gibt keine wirksame Therapie. Die Menschen sind allein, und das belastet. Sonst sind wir Pfleger und so ein bisschen auch Seelsorger. Aber jetzt sind wir nur Pfleger oder Schmerztherapeuten."

"Verstorben aus Einsamkeit"

Seit Wochen hat das Haus niemand betreten außer dem Personal. Wie auch in vielen anderen Krankenhäusern in Deutschland gibt es ein Besuchsverbot. Denn: "Die Angehörigen, die die Patienten zunächst begleiten hierher, die müssten sich genauso vermummen wie wir. Mit Haarnetz, mit FFP2-Masken oder FFP3-Masken, sie müssten Hauben aufsetzen, einen Kittel, zwei Paar Handschuhe, das ist einfach nicht stemmbar."

Treuenbrietzen | Besuchsverbot im Johanniter-Krankenhaus

Zur Eindämmung der Corona-Pandemie gilt in etlichen deutschen Krankenhäusern ein Besuchsverbot

Vor allem viele ältere Leute, oft aus Pflegeheimen, seien schrecklich einsam: "Sie geben sich auch tatsächlich schneller auf", sagt Nelken: "Es gibt Patienten, die sind bei uns relativ gut angekommen, sind eigentlich gesund, und dann lassen sie sich irgendwie gehen. Zwei oder drei sind verstorben aus Einsamkeit."

Die Patienten merken genau, so nimmt Nelken es wahr, dass sie Teil einer weltweiten schrecklichen Pandemie sind: "Einige sehen natürlich auf den Bildschirmen in ihrem Zimmer die Nachrichten. Einer sagte zu mir, wir sollen alles machen, er will an dieser Scheiß-Krankheit nicht sterben. Er lebt noch, es geht ihm gut, aber so etwas hat noch nie jemand zu mir gesagt."

"Teilweise bleiben wir an der Tür stehen"

Nelken und seine Kollegen versuchen, den Menschen so nah wie möglich zu kommen, und doch ist der Kontakt nicht so stark wie vor der Pandemie: "Es gibt ja auch welche, bei denen wir morgens die Körperpflege übernehmen, sie waschen, sei es auf der Bettkante oder im Bad. Aber man hält schon den Kontakt weniger als sonst. Teilweise bleiben wir an der Tür stehen und fragen, wie es geht."

Deutschland Essen | Coronavirus | Krankenpfleger

Schutzkleidung und andere Regeln beim Patientenkontakt: Das Coronavirus verändert die Arbeit von Krankenpflegekräften

Die Klinik nimmt - wie einige andere Krankenhäuser - wegen der Überlastung keine Patienten mehr auf. Und behält momentan vorübergehend viele, oft verwirrte alte Menschen, die aus Pflegeeinrichtungen kommen, zur Sicherheit auch nach überstandener Krankheit da: "Wir haben nicht nur einen Aufnahmestopp, wir haben auch einen Entlassungsstopp. Wir können die Menschen also gar nicht in ihre Heime entlassen, weil du nicht davon ausgehen kannst, dass sie nicht infiziert sind, und du so den nächsten Ausbruch in einem Pflegeheim hervorrufst", sagt Nelken.

Nach Empfehlung des Robert-Koch-Instituts (RKI) können am Coronavirus erkrankte Menschen unter bestimmten Bedingungen ohne weitere Auflagen in Altenpflegeheime entlassen werden. Im Einzelfall könne jedoch "in enger Absprache von Klinik, Labor und Gesundheitsamt von diesen Kriterien abgewichen werden", heißt es auf der Webseite des RKI.

"Mich ärgern oft die Menschen draußen"

Einmal in der Woche wird Nelken jetzt getestet auf das Virus, einige Mitarbeiter der Klinik fordern, dass alle drei Tage Tests durchgeführt werden. Nelken ist froh, dass es den infizierten Kollegen des Krankenhauses, die er kennt, bislang gut geht und sie keine Symptome zeigen. Er spricht sich für häufigere Tests aus: "Wenn ich lese, dass in Deutschland 6400 Ärzte und Pfleger infiziert sind, von den acht bereits gestorben sind, dann ist das sinnvoll. Und Anti-Körper-Tests wären irgendwann einmal gut."

Coronavirus Kirschblüte in Teltow

Als Krankenpfleger wünscht sich Nelken, dass die Menschen sich an die Kontaktbeschränkungen halten

Nach vielen Überstunden und Belastendem ist dann auch die wenige Freizeit nicht unbeschwert: "Ich nehme viel mit nach Hause, wir unterhalten uns auch viel zuhause. Mit dem Durchschlafen habe ich kein Problem, aber ich schlafe schlechter ein als sonst. Es rattert im Kopf, gar nicht mal so viel über die Patienten, aber wie es allgemein weitergeht auf der Station."

Sven Nelken will noch etwas loswerden: "Mich ärgern oft die Menschen draußen. Wir haben Kontaktsperre, und wenn ich am Wochenende zur Arbeit fahre, dann machen die zu fünft Radtouren. Oder sitzen fröhlich am Wasser und trinken Bier. Da werde ich richtig sauer. Die würde ich gerne mal acht Stunden auf Station einladen, damit die sehen, was da abgeht."

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