Pfarrer kämpft für Opfer der Hexenverfolgung | Deutschland | DW | 17.06.2019
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Aufarbeitung

Pfarrer kämpft für Opfer der Hexenverfolgung

Ein pensionierter Pfarrer drängt Städte in Deutschland, vor Jahrhunderten als Hexen hingerichtete Frauen zu rehabilitieren. Und das ist kein reines Mittelalter-Thema: Hexenverfolgungen gibt es auch heute noch.

Hartmut Hegeler hat eine Mission. Der pensionierte Pfarrer will Städte und Dörfer in ganz Deutschland dazu bringen, das Unrecht anzuerkennen, das Zehntausenden angetan wurde, die als Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden.

Etwa 25.000 Menschen wurden als Hexen auf deutschem Boden zwischen dem späten 15. und dem 18. Jahrhundert hingerichtet. Geahndet wurden Vergehen wie das angebliche Fliegen auf einem Besen oder das Heraufbeschwören von Ernteausfällen. In ganz Europa lag die Zahl der Todesopfer bei 60.000. Geständnisse wurden meist durch Folter erzwungen.

Die Idee zur Kampagne kam Hegeler vor acht Jahren im Unterricht. Der ehemalige Religionslehrer startete die Kampagne, als Nachfragen seiner Schüler ihn anregten, sich intensiver mit dem Thema zu beschäftigen. Er sei überrascht davon gewesen, dass nicht katholische oder protestantische Kirchen, sondern zivile Gerichte Hexenprozesse führten. Und es gebe noch weitere Irrtümer über Hexenverbrennungen. So wurden weit mehr Hexen zwischen 1500 und 1800 verbrannt als im Mittelalter. Und: Bei weitem nicht alle Opfer waren Frauen; zwischen 20 und 30 Prozent waren Männer und Kinder. 

"Hier wurde großes Unrecht begangen”, sagt Hegeler. "Schuld waren häufig nicht die Behörden, sondern die Leute im Ort. Die hatten furchtbare Angst, weil eine Klimakatastrophe geherrscht hatte, die Ernte nichts geworden war. Da sind sie zum Rathaus gegangen und haben dem Bürgermeister oder dem Fürst gesagt: Warum werden überall in Deutschland Hexen verfolgt, nur bei uns nicht?" 

Deutschland Hartmut Hegeler (picture-alliance/dpa/B. Thissen)

Hartmut Hegelers Ziel ist es, dass 100 Städte ihre Geschichte aufarbeiten

In Städten wie Bamberg und Würzburg wurden Hunderte Menschen hingerichtet. Manche Dörfer wurden fast vollständig ausradiert. In anderen Gegenden wie in der Kurpfalz am Rhein gab es überhaupt keine Hexenprozesse.

"Der Impuls kam oft aus der Bevölkerung. In manchen Gebieten wollten der Rat der Stadt und der Fürst keine Hexenverfolgung; die Bürger haben dann aber erbittert protestiert. Daraufhin begann dann doch die Verfolgung. Sie haben dann gemerkt, dass das ein tolles Instrument ist, um alle möglichen Leute ruhigzustellen, zu eliminieren, und die Herrschaft zu stabilisieren - und manchmal Geld damit zu verdienen. Wenn man gegen einen starken Feind kämpft, dann steht die eigene Bevölkerung hinter einem", sagt Hegeler.

Pakt mit dem Teufel

Den Verdächtigen wurde vorgeworfen, sich mit dem Teufel eingelassen zu haben, um Unglück heraufzubeschwören. Dazu zählten Dürre, Überflutungen und Krankheiten. Angeklagt wurden sie für die Teilnahme an einem Hexensabbat, Unzucht mit dem Teufel oder das Verwandeln in ein Tier. "Den Verurteilungen ging fast immer Folter voraus", sagt Hegeler. Zwischen 80 und 90 Prozent gestanden unter Folter.

Hegeler drängt in seiner Ein-Mann-Kampagne Behörden dazu, die Opfer von damals zu entlasten. Er schrieb E-Mails, führte Telefonate und hielt Vorträge in ganz Deutschland, um auf das Elend aufmerksam zu machen. Seine Arbeit hat sich gelohnt. Seit 2011 haben 50 Städte in Deutschland, unter anderem Köln, Detmold, Flensburg, Leipzig und Würzburg, sogenannte Hexen rehabilitiert, Straßen umbenannt und Denkmäler aufgestellt.

Neid als Auslöser

Die Opfer der Hexenprozesse waren überwiegend arm, häufig waren es Witwen. Angehörige von sogenannten Hexen waren ebenfalls gefährdet. Anschuldigungen erfolgten häufig aus Neid, Habgier oder Rachsucht.

Rehabilitierung von Katharina Henot (picture-alliance/dpa)

Statue am Kölner Dom: Die als Hexe verurteilte Kölnerin Katharina Henot wurde bereits 2012 rehabilitiert

Die Dienstmagd Greta Bünichmann wurde 1635 in Münster verhaftet. Ihr Dienstherr, Hermann Grotenhof, beschuldigte sie, für den Tod zahlreicher Pferde verantwortlich zu sein und nachts in der Gestalt einer Katze sein Kind zu zerkratzen. Sie wurde gefoltert und gestand schließlich. Sie wurde enthauptet. Bünichmann hatte ihrem Dienstherr zuvor Geld geliehen. Historiker vermuten, dass Grotenhof sie denunzierte, um seine Schulden nicht zurückzahlen zu müssen.

Im Jahr 1994 wurde eine Straße nach Bünichmann benannt - gegen den Protest eines örtlichen Priesters, der das Vorhaben mit der Begründung kritisierte, man würde eine "verdächtige Kriminelle aus dem Mittelalter" ehren.

Der Folter widerstanden

Eine Frau, die nur unter ihrem Namen "Faulhaberin" bekannt ist, wurde 1564 im hessischen Büdingen der Hexerei angeklagt und grausam gefoltert. Die Frau verweigerte ein Geständnis und konnte schließlich nach einem letzten Auspeitschen zu ihrer Familie zurückkehren. Sie war verletzt, aber ungebrochen.

Deutschland Ausstellung Hexen Historisches Museum Speyer (picture alliance / dpa)

Folterinstrument: Dieser Stuhl wurde vermutlich zur Einschüchterung von Angeklagten verwendet

Einige wenige Wissenschaftler und Geistliche hatten aber schon damals den Mut, sich gegen das Unrecht auszusprechen. Dazu gehörte der Pastor Anton Praetorius. Er schrieb ein Buch, das Hexenprozesse verurteilte. Außerdem führte sein zorniges Intervenieren in einem Prozess in Birstein im Jahr 1597 dazu, dass der Angeklagte entlassen wurde. Die Hexenprozesse fanden schließlich im späten 18. Jahrhundert ihr Ende.

Sündenböcke noch immer unter uns

Das Gedenken an vermeintliche Hexen sei wichtiger denn je, sagt Hegeler. Noch immer würden Menschen in manchen Teilen der Welt, wie Afrika oder Indien, zu Unrecht beschuldigt werden. In westlichen Gesellschaften seien Minderheiten wegen des wachsenden Rechtspopulismus unter Druck. "Die Suche nach Sündenböcken ist so alt wie die Menschheit. Es ist die Angst vor dem Fremden. So wie wenn wir sagen: Wir haben Angst vor Asylbewerbern und Immigranten, weil sie alle möglichen schlechten Sachen anrichten könnten."

Mit seinen 73 Jahren denkt er noch  nicht daran, seine Kampagne zu beenden. "Ich möchte, dass noch mehr Städte ihre Geschichte aufarbeiten und darüber nachdenken, welches Unrecht dort gesprochen wurde", sagt er.

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