Pause für die Libido: Wie Corona den Sex verändert | Politik & Gesellschaft | DW | 24.03.2020
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Erotik in der Krise

Pause für die Libido: Wie Corona den Sex verändert

Soziale Distanz ist in der Pandemie das Gebot der Stunde. Also: Schlechte Zeiten für sexuelle Kontakte. Am härtesten trifft es Singles. Für Paare kann das Homeoffice ein neuer Honeymoon sein - oder die Hölle auf Erden.

Das Coronavirus verändert zur Zeit alles. Auch die sexuellen Beziehungen. Ein erstes, untrügliches Zeichen dafür war Mitte März an einem Freitag Abend in Berlin zu besichtigen: Vor dem Insomnia, Berlins Hotspot für Swinger, Fetischisten und Hedonisten aus der ganzen Welt, bewacht kein rauchender Türsteher den Eingang. Und schon gar nicht windet sich eine Schlange wartender sexueller Freidenker den Bürgersteig entlang.

Stattdessen der Hinweis an der Tür, dass der Berliner Senat die Schließung aller Clubs verfügt habe. Auf ihrer Homepage geben sich das Insomnia-Team im Allgemeinen und ein "Dominique" im Besonderen optimistisch: "Bleibt gesund, schützt euch und ich hoffe, dass wir in fünf Wochen wieder zusammen feiern können."

Schlechte Zeiten für Singles

Während die Clubs also schon geschlossen sind, haben die Restaurants Mitte März noch geöffnet. Vor einem Berliner Lokal sitzen einige junge Leute in der Frühlingssonne. Eine der Frauen ruft lachend: "Ausgerechnet jetzt im Frühling Corona. Da sieht es für uns Singles aber schlecht aus."

Deutschland | Swinger und Fetischclub | Insomnia (DW/B. Stehkämper)

Swingerclubs wie das Berliner Insomnia bleiben vorläufig geschlossen

Kurz danach müssen auch Tanzschulen, Restaurants, Bars schließen. Alles Orte, wo Singles Kontakte finden, um sich zu verlieben - oder Fremdgänger Partner für das sexuelle Abenteuer. Der Buchautor und Paartherapeut Wolfgang Krüger meint dazu nur lapidar: "Singles sind allgemein aufgeschmissen, auch ohne Corona. Eine verheiratete sechzigjährige Frau hat bedeutend mehr Sex als ein dreißig Jahre alter Single. Und auch von der Qualität des Geschlechtsverkehrs ist der Single ohnehin schlecht versorgt."

Um die eigene Versorgungslage zu verbessern, suchen Millionen Männer und Frauen auf Datingportalen den passenden Partner. Bekommen die jetzt auch die Angst vor dem Virus zu spüren? Nachfrage bei einem der größten Datingportale, auf dem sich laut Eigenwerbung angeblich alle elf Minuten jemand verliebt: "Parship"-PR-Managerin Jana Bogatz kann bis jetzt noch keinen Einbruch bei den Mitgliedschaften ausmachen.

Neue Kontakte über Online-Dating

Bogatz sieht gerade jetzt in Dating-Portalen sogar einen Vorteil: "Alle Bundesbürger sind derzeit dazu aufgerufen, soziale Interaktion auf ein Minimum zu reduzieren. Das schränkt natürlich auch die Datingmöglichkeiten ein", stellt die Parship-Mitarbeiterin fest. Online aber könne man weiter in Kontakt bleiben oder sogar neue Kontakte knüpfen - obwohl das "Offline-Kennenlernen zurzeit nur begrenzt möglich ist".

Fraglich, ob alle mit einer monatelangen Brieffreundschaft zufrieden sind oder nicht doch die Gefahr der Tröpfcheninfektion in Kauf nehmen…

Deutschland Buntes Sexspielzeug in Berlin (picture alliance/dpa/P. Grimm)

Die Erotikbranche macht derzeit mit Sex-Spielzeugen große Kasse

"Was des einen Leid, ist des anderen Freud" - dieses Sprichwort bewahrheitet sich auch in diesem Fall. Weil die Alleinlebenden nun Eigenversorgung betreiben müssen, boomt der Bedarf an pornografischen Filmen und Sexspielzeugen. Erotikgeschäfte stellen auf Onlinehandel um. Ganz Pfiffige bieten jetzt sogar einen Lieferservice mit Taxen an. Und sorgen so für ein wenig Einkommen bei der Corona-gebeutelten Taxiwirtschaft.

Paare haben Heimvorteil 

Paare haben es da einfacher. Der Geschlechtspartner muss nicht erst noch gesucht werden, ist bereits da. Der Stillstand, das Homeoffice kann für manches Paar sogar ganz belebend sein. Denn viel zu unternehmen gibt es sonst nicht. Die Fitnessstudios, die Kinos, die Theater, alle haben geschlossen. Auch der Fußball ist eine Angelegenheit aus einer anderen, vergangenen Welt. Allerdings kann das Pendel auch schnell ins Gegenteil umschlagen.

Symbolbild Frau kocht, Mann am Rechner (Imago/Westend61)

Homeoffice – Honeymoon oder Hölle auf Erden

So wie bei Rolf. Seit vielen Jahren lebt er unter der Woche getrennt von seiner Frau, beruflich bedingt. Das Homeoffice nahm er zunächst gerne an: Als willkommene Gelegenheit, endlich zusammen zu wohnen - und das nicht nur am Wochenende. Doch nach einer Woche liegen bei beiden die Nerven blank. Gemeinsame Aktionen wie das Putzen aller Fenster endeten in einem handfesten Ehekrach. Rolf verlegte das Homeoffice wieder zurück nach Berlin: "Zwangsnähe ist wie Zwangsheirat. Da macht auch Sex keinen Spaß."

Den Paartherapeuten Wolfgang Krüger überrascht das nicht. "Die Distanzregelung ist durcheinander gekommen", analysiert Krüger. Der Andere sei zuviel da, sei obendrein vielleicht immer auf Sendung. "Erotisches Verlangen entsteht aber durch den Wechsel von Nähe und Distanz", hält der Paartherapeut fest.

Paaren, die dieses Spiel von Nähe und Distanz beherrschen, könnte aber eine schöne Zeit bevorstehen: "In Zeiten der Not und Angst steigt das sexuelle Bedürfnis", so Wolfgang Krüger. "Sexualität ist die beste Möglichkeit, Angst zu vertreiben."

Babyboom in neun Monaten?

Wenn nun bei vielen das Sexualleben neuen Schwung erfährt, könnte das auch sehr greifbare Folgen haben. Psychotherapeut Krüger jedenfalls schaut schon mal neun Monate voraus und ist überzeugt: "Es werden mehr Kinder zur Welt kommen."

Berlin - junge Paare - Eltern - Kinder (Getty Images/S. Gallup)

Manche glauben an einen Babyboom

Wissenschaftlich, statistisch lässt sich das nicht beweisen. Bei größeren Stromausfällen und längeren Unwettern kommt diese These regelmäßig immer wieder auf. Nur eindeutig halten ließ sie sich nie.

Schade eigentlich!

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