Palästinensischer Islamischer Dschihad: kurzer Draht nach Teheran | Nahost | DW | 10.08.2022
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Nahost-Konflikt

Palästinensischer Islamischer Dschihad: kurzer Draht nach Teheran

Die Terrororganisation Palästinensischer Islamischer Dschihad pflegt enge Beziehungen zum Iran. Dieser führt über die palästinensischen Extremisten einen Stellvertreterkrieg mit Israel - und verfolgt ein klares Ziel.

Eine Straße voller Scherben in Gaza-Stadt, 5. August 2022

Spuren der Eskalation: Szene aus Gaza-Stadt vom vergangenen Wochenende

Seit Sonntagabend hält sie, die Waffenruhe im Gaza-Konflikt. Drei Tage hatten Israel und der Palästinensische Islamische Dschihad (PIJ) einander bekämpft, dann einigten sie sich unter Vermittlung Ägyptens, die Waffen ruhen zu lassen.

Wenige Tage vor Beginn des Schlagabtauschs hatte der Führer des Palästinensischen Islamischen Dschihad, Ziad al-Nakhaleh, eine Reihe von Treffen mit Vertretern der iranischen Staats- und Regierungsspitze in Teheran. Am Mittwoch vergangener Woche traf er den iranischen Außenminister Hussein Amirabdollahian, am Donnerstag folgte ein Besuch beim iranischen Präsidenten Ebrahim Raisi. Zwei Tage später, die Kämpfe hatten bereits begonnen, zeigt er sich mit dem Chef der Islamischen Revolutionsgarden (IRGC), Hossein Salami.

Porträt von Ziyad Al-Nakhalah, Führer des Palästinensischen Dschihad

Beste Beziehungen nach Teheran: Ziad al-Nakhaleh, Führer des Palästinensischen Islamischen Dschihad

Dieser positionierte sich während des Gesprächs in aller Eindeutigkeit. "Wir begleiten Sie auf diesem Weg bis zum Ende - und lassen Sie Palästina und die Palästinenser wissen, dass sie nicht allein sind", erklärte er. "Die Israelis werden einen weiteren schweren Preis für ihr jüngstes Verbrechen zahlen", fügte er laut der Agentur Tasnim hinzu.

"Direkte Befehle" aus Teheran

Der 1981 gegründete Palästinensische Islamische Dschihad steht der Ideologie der iranischen Revolutionäre von 1979 seit jeher nahe. Der Gründer der Organisation, Fathi Schakaki, hatte sich von Ajatollah Ruhollah inspirieren lassen.

Die ideologische Nähe wurde mehr und mehr zu einer politisch-militärischen. Unter der Führung Nakhalehs habe sich der Palästinensische Islamische Dschihad zu einer "hundertprozentigen Tochtergesellschaft" des Iran entwickelt, heißt es in einem Kommentar der israelischen Zeitung "Jerusalem Post". Tatsächlich hatte Nakhaleh im vergangenen Jahr erklärt, der Palästinensische Islamische Dschihad erhalte "direkte Befehle" von den iranischen Revolutionsgarden. Zudem, so Nakhaleh weiter, habe Iran Raketen in den Gazastreifen geliefert hat, die für Angriffe auf Tel Aviv verwendet worden seien.

Inzwischen, so die "Jerusalem Post", sei der Palästinensische Islamische Dschihad für Iran im Gazastreifen das, was die Hisbollah für die Islamische Republik im Libanon und die Huthis für die Iraner im Jemen seien. Sowohl die Hisbollah als auch die Huthis sind dem Iran engstens verbunden und ökonomisch wie militärisch zumindest in Teilen von ihm abhängig.

Leuchtspuren am Nachthimmel über der israelischen Stadt Ashkelon: das Abwehrsystem Iron Dome fängt Raketen ab, die vom Gaza-Streifen auf Israel abgefeuert wurden, 5.8. 2022

Raketen und Luftangriffe zwischen Israel und Gaza-Streifen, 5. August 2022

Auf den Einfluss Irans auf die jüngste Eskalation im Gazastreifen spielt womöglich auch ein Kommentar in der in Ost-Jerusalem erscheinenden Zeitung "Al-Quds" an. Ohne konkrete Namen zu nennen, wendet sich die Zeitung gegen all jene, die in den klassischen wie den digitalen Medien zum Krieg gegen Israel aufrufen. Es falle auf, dass die Aufrufe von Personen geäußert würden, die nicht im Gazastreifen lebten und darum unter den Kämpfen auch nicht leiden würden. "Die Autoren dieser Aufrufe erklären, Israel bis zum letzten Kind des Gazastreifens bekämpfen zu wollen", kritisiert "Al-Quds" - um sich im Folgenden scharf gegen derartige Stellungnahmen zu verwahren: "Kriege werden nicht auf Grundlage von Emotionen und Leidenschaften geführt - und erst recht nicht von denen, die in komfortabler Umgebung weit abseits des Schlachtfelds sitzen."

Investition in den Terrorismus

Tatsächlich hatte Iran lange Zeit die den Gazastreifen regierende - von der EU als Terrororganisation klassifizierte - Hamas unterstützt. Allerdings gilt die Hamas in Teheran inzwischen als zu nachgiebig gegenüber Israel. Darum setzt man dort zunehmend auf den Palästinensischen Islamischen Dschihad. Der dahinterstehenden Logik folgt Iran auch in anderen Staaten des Nahen Ostens: nämlich Beziehungen zu nicht staatlichen Akteuren wie etwa der libanesischen Hisbollah, den jemenitischen Huthis oder schiitischen Milizen zu pflegen. Diese werden vom Iran unterstützt - und nach Bedarf auch angewiesen, militärisch aktiv zu werden.

Auf diese Weise baut Iran eine Art Sicherheitskorridor aus, mit dem er sich gegen Angriffe von außen schützt. Sieht er sich bedroht, weist er seine Partner an, gegen jene vorzugehen, die Iran als Aggressor ausmacht - etwa durch terroristische Akte gegen die Zivilbevölkerung des betreffenden Landes. Diese Logik könnte auch im Gaza-Konflikt der vergangenen Tage zum Tragen gekommen sein. Denn in den vergangenen Monaten hatte Israel wieder hunderte Angriffe gegen die Präsenz iranischer Truppen oder dem Iran verbundener Milizen in Syrien geflogen. Dort hatte sich Iran in Folge des syrischen Bürgerkriegs festgesetzt. Damit befinden sich seine Truppen - oder die seiner Partner - in unmittelbarer Nachbarschaft zu Israel. Für den jüdischen Staat ist das eine massive Bedrohung. Dass er sich gegen sie mit den Luftangriffen wehrt, könnte Teheran dazu bewogen haben, den Palästinensischen Islamischen Dschihad bei den Angriffen zu unterstützen. Insofern wären die palästinensischen Extremisten auch Akteure in einem Stellvertreterkrieg.

Der Führer der libanesischen Hisbollah, Hassan Nasrallah, hält eine Rede

Herr über tausende Raketen: der Führer der libanesischen "Hisbollah", Hassan Nasrallah

Dass der jüngste Konflikt sich nicht ausschließlich auf den Palästinensischen Islamischen Dschihad und Israel beschränkt, hatte der Kommandant der Islamischen Revolutionsgarden, Generalmajor Hossein Salami, selbst angedeutet. Im Libanon stünden mehr als 100.000 Raketen bereit, um ein Inferno für "die Zionisten" zu schaffen, erklärte er am Donnerstag vergangener Woche, einen Tag vor der bewaffneten Auseinandersetzung zwischen Israel und dem Palästinensischen Islamischen Dschihad. Gemeint sind jene Raketen, die sich in den Lagern der Hisbollah befinden.

Ziel: ein schiitisches Machtzentrum

Und noch ein Ziel verfolge Iran mit der Unterstützung des Palästinensischen Islamischen Dschihad, sagte der Direktor des Nordic Counter-Terrorism Network in Helsinki der auf die Politik im Nahen Osten spezialisierten Webseite "The Media line". Die palästinensische Organisation gelte in Teheran als Brücke, über die sich die sunnitischen und schiitischen Gemeinschaften im Nahen Osten zusammenbringen ließen. Für Iran gehe es darum, "die sunnitischen Gemeinschaften zu infiltrieren, um die Politik des Irans zu akzeptieren und seine islamischen Ideologien durchzusetzen".

Ziel sei es, ein von Iran kontrolliertes schiitisches Machtzentrum zu schaffen. Der Palästinensische Islamische Dschihad wiederum kann sich seinen Anhänger und Sympathisanten als Organisation präsentieren, die erheblich entschlossener und mutiger sei als die Hamas. Dieses Image dürfte ihr zumindest in einigen Kreisen potentielle Mitglieder verschaffen.

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