Oberrabbiner Goldschmidt: ″Europa vergisst seine Vergangenheit″ | Europa | DW | 12.05.2019
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Europa

Oberrabbiner Goldschmidt: "Europa vergisst seine Vergangenheit"

Antisemitismus, Rechtsextremismus, Einschränkung religiöser Grundrechte. Der Präsident der Konferenz Europäischer Rabbiner (CER), Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt, warnt vor einem weiteren Auszug von Juden aus Europa.

Von Montag bis Mittwoch trifft sich die Konferenz der Europäischen Rabbiner (CER) im belgischen Antwerpen zu ihrer 31. Generalversammlung. Dazu werden rund 350 jüdische Geistliche aus allen Teilen des Kontinents erwartet. Im Vorfeld des Treffens  äußerte CER-Präsident Pinchas Goldschmidt in einem Interview der Deutschen Welle große Besorgnis über die Zukunft des Judentums in Europa. Der in Zürich geborene Goldschmidt ist Oberrabbiner von Moskau.

Deutsche Welle: Rabbiner Goldschmidt, Nationalismus und Populismus, auch Antisemitismus erstarken in vielen Ländern Europas. Wie sehen Sie die Lage der Juden auf dem Kontinent?

Rabbiner Pinchas Goldschmidt: Die Lage in Europa wird schwieriger für die jüdische Gemeinde. Aus mehreren Gründen. Auf der einen Seite gibt es die extremen Rechten, die wieder - in Deutschland, in Österreich, in Ungarn - marschieren, mit braunen Hemden und wie mit SS-Uniformen.

Infografik EU Parlament Rechtspopulisten DE

Auf der anderen Seite gibt es neue Gesetze, die das jüdische Leben einschränken. Sie richten sich gegen die Beschneidung von Jungen und gegen das religiöse Schlachten. Generell sehen wir viel weniger Geduld und Willen von Seiten Europas, die Freiheit der Religion zu wahren und auch die Sicherheit der jüdischen Gemeinde zu gewährleisten.

Wo zum Beispiel gibt es solche Verschärfungen?

Wir treffen uns zur Generalversammlung bewusst in Antwerpen - weil eben in Belgien, im Zentrum Europas, in zwei Regionen, Wallonien und Flandern, die Schechita (das Schlachten von Tieren nach dem jüdischen Religionsrecht, d. Red.) einfach verboten wurde. Die Politiker sagten uns, die Regelung sei nicht gegen uns Juden gemeint, sondern gegen die Praxis auf Seiten der muslimischen Gemeinschaft. Aber wir Juden sind die kollateral Geschädigten.

Wie ist überhaupt Ihr Verhältnis zur muslimischen Seite? Haben Sie Kontakte?

Schon vor Jahren haben wir einen Dialog mit muslimischen geistlichen Führern begonnen. Unter dem Dach vom KAIICID-Zentrum in Wien, einer saudischen Initiative zusammen mit der österreichischen und spanischen Regierung, haben wir vor drei Jahren einen Dialog mit muslimischen geistlichen Führern angefangen: den Muslim Jewish Leadership Council (MJLC). Und wir arbeiten mit Imamen in Europa zusammen, um gegen die Bedrohung der Religionsfreiheit zu kämpfen. Auch auf nationaler Ebene befürworten wir diesen Dialog und streben danach. Das ist nicht immer leicht. Aber wir glauben, dass er sehr wichtig ist. Denn die Gefahr für die jüdischen Gemeinden kommt nicht nur von der extremen Rechten, sondern auch von radikalreligiösen Muslimen. Deshalb ist die muslimische Geistlichkeit bei diesem Dialog äußerst wichtig.

In zwei Wochen steht die Europawahl an. Ist das für Sie so etwas wie eine Schicksalswahl?

Bestimmt. Diese Wahlen, vor denen wir stehen, sind äußerst wichtig. Und ich glaube, dass eine Stärkung jener Kräfte, die nicht an die Zukunft des gemeinsamen Europas glauben, eine große Gefahr für Europa selber wie auch für die jüdischen Gemeinden Europas wäre.   

Fürchten Sie, dass dann Juden Europa verlassen müssen, um im Alltag nach den Regeln des Judentums leben zu können? Dass Europa zu einem Ort wird, aus dem jüdisches Leben de facto vertrieben wird?

Das geschieht ja schon. Während der vergangenen 15 bis 20 Jahre ist die Zahl der Juden, die in Europa leben, stark zurückgegangen, von zwei Millionen auf 1,6 Millionen. Das würde sich dann fortsetzen.

Video ansehen 05:22

Juden in Frankreich fliehen vor Antisemitismus

In den vergangenen Monaten gab es schrecklichen Terror gegen Gotteshäuser, sowohl jüdische als auch muslimische als auch christliche Einrichtungen. Warum kommt es immer häufiger zu Anschlägen auf religiöse Beter?

Es ist heute ein Trend, Gebetshäuser anzugreifen. Und wenn man eine religiöse Minderheit angreifen will, geht man in ein Gebetshaus, weil es dort eine Konzentration dieser Minderheit gibt. Das geschah in Pittsburgh/USA wie in Christchurch/Neuseeland wie in Sri Lanka und anderswo auch. Deshalb sind die Gotteshäuser in großer Gefahr. Und wir appellieren an alle Regierungen und Verantwortlichen, die Sicherheit der Gebetshäuser zu verbessern und religiöse Gemeinden zu schützen.

In Deutschland und Europa kam es zur Shoa, zum Massenmord an den Juden durch das nationalsozialistische Deutschland. Nun liegt diese Shoa fast 75 Jahre zurück. Befürchten Sie, dass der Rechtsextremismus auch deshalb erstarkt, weil die Geschichte vergessen wird?

So ist es. Das Problem ist, dass die letzten Überlebenden der Shoa wie auch die letzten Mörder der Shoa dabei sind, diese Welt zu verlassen. Und die Shoa wie auch der Zweite Weltkrieg geraten in Vergessenheit. Europa ist heute dabei zu vergessen, wie der Erste Weltkrieg, wie der Zweite Weltkrieg ausgeschaut hat. Europa ist dabei, zu vergessen, wie schrecklich diese Weltkriege waren, wie viele Millionen Europäer ihr Leben verloren haben. Und die Europäer denken nur noch an ihr Heute, die Gegenwart, sie vergessen die Zukunft und sie vergessen die Vergangenheit. 

Das Interview führte Christoph Strack.

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