Nudeln im Wahllokal | Welt | DW | 18.03.2018
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Präsidentenwahl in Russland

Nudeln im Wahllokal

Mit seiner Wiederwahl konnte Präsident Putin sicher rechnen. Doch Legitimität gibt ihm eine hohe Wahlbeteiligung. Also werden die Russen an die Urnen gelockt - mit günstigen Lebensmitteln. Miodrag Soric aus Kasan.

Das erinnert doch ein bisschen an vergangene Zeiten. Wenige Meter von der Wahlkabine entfernt: Säckeweise Kartoffeln, Nudeln, Reis, Waschpulver oder Kisten voller Orangen - alles zu unglaublich günstigen Preisen. Wie in den 70er und 80er Jahren! Auch damals standen die Ergebnisse politischer Abstimmungen von vornherein fest. Dennoch herrschte eine feierliche Stimmung, auch wegen der günstigen Einkaufsmöglichkeiten. So auch jetzt. In den meisten Wahllokalen in der Kasaner Innenstadt lockten Schnäppchen die Anwohner zur Stimmabgabe.

"Ein guter Grund hierher zu kommen", sagt einer der wenigen Jugendlichen, die sich am Vormittag bei der Stimmabgabestelle Nummer 45 eingefunden haben - und packt sich die mitgebrachten Tüten voll. Die meisten Ankömmlinge sind ältere Menschen, Pensionäre. Zwei alte Damen halten sich an der Hand fest und bahnen sich ihren Weg vorwärts. Es herrscht ein Geschubse und Gedränge im Vorraum der Wahlurnen - wie auf einem Jahrmarkt. Eine junge Frau beschwert sich, dass die Wahlbeobachter kaum Platz zum Stehen hätten; besonders dann, wenn Autobusse gleich mehrere Dutzend Wähler herankarren. Bei Wahlbeobachtern kommt der Verdacht auf, dass die herbeigebrachten Wähler mehrfach abstimmen könnten. Doch es gibt kein Gesetz, welches es einem Behördenchef verbietet, seine Angestellten als Kollektiv zur Wahlurne fahren zu lassen.    

Günstige Lebensmittel im Wahllokal (DW/M. Sorig)

Am Wahltag auch extrem günstig zu haben: Milch

"Filmen dürfen Sie in diesem Wahllokal nicht", erklärt mir die freundliche Wahlleiterin Irina Fukina. Die Akkreditierung des Moskauer Außenministeriums reiche nicht aus, sagt sie mit einem Achselzucken. Offenbar hat dies nicht sie entschieden, sondern "höhere Stellen".

Kein Problem. Zehn Autominuten weiter liegt Wahllokal Nummer 44. Hier geht alles etwas geordneter zu. Lange Reihen vor den Tischen, wo sich die Wähler ausweisen müssen und die Registrierung überprüft wird. Wahlleiter Wladimir Vasiljevitsch Astaf'ev erlaubt uns zu filmen - nach einem Blick auf die gültige Akkreditierung. Ein freundlicher, hilfsbereiter Herr, der seine Wehrdienstjahre in der früheren DDR verbracht hat, an die er gerne zurück denkt. "In dieser Gegend leben vor allem Intellektuelle", sagt ein anderer Herr nicht ohne Stolz.

Herr Astaf'ev zeigt mir die Tische, die er reserviert hat für Wahlbeobachter aus dem In- und Ausland. Dort hockt gegen Mittag nur noch Ilija Popov vor seinem aufgeklappten Laptop, ein junger Mann von der liberalen Jawlinski-Partei. "Die Wahlbobachter, die aus Kasachstan hierhergekommen sind, machen eine längere Mittagspause", schmunzelt er. Keiner im Raum scheint damit zu rechnen, dass die Gäste aus Zentralasien zurückkommen.

Wahllokal in Kasan (DW/M. Sorig)

Wähler in Kasan: Schon billig eingekauft?

Wieder ein ganz anders Bild im Wahllokal Nummer 46. Unsere Akkreditierung aus Moskau lehnt Wahlleiter Marc Kamilovitsch Zinnurov nach Rücksprache mit der städtischen Wahlaufsicht zwar ab. Um seinen guten Willen zu zeigen, will er uns aber aus der Ferne Aufnahmen machen lassen.

Wir lehnen dankend ab und besuchen - ebenfalls in der Innenstadt - das örtliche Büro des Kremlkritikers Alexej Nawalny. Hier arbeiten ein knappes Dutzend feste und freiwillige Helfer. Sie halten Kontakt zu anderen Wahlbeobachtern in Kasan und Umgebung. Die Chefin ist Elvira Dimitrieva, bis vor einem Jahr noch Marketing-Expertin der örtlichen Universität. Sie befürchtet, dass es auf dem Land zu massiven Wahlfälschungen kommt. "Dort gibt es kaum unabhängige Beobachter", sagt sie. Da hätten staatliche Stellen freie Hand. In der jüngeren Vergangenheit hätten in manchen Dörfern angeblich 100 Prozent der Einwohner ihre Stimme abgegeben, sagt sie, "davon haben 100 Prozent für Putins-Partei gestimmt!" So etwas gebe es nicht. So etwas habe es noch nicht einmal zu sowjetischen Zeiten gegeben, sagt sie mit einem Lächeln im Gesicht.